Skip to main content

Bremen → Mannheim – oder: Tempora (et loci) mutantur, pars III

Bremen → Mannheim—or: tempora (et loci) mutantur, pars III

Geschätzte Leserinnen und Leser,

Heft 5 ist immer das Kongressheft, und ich nutze ja gerne die Gelegenheit, etwas zum Kongressort zu schreiben. Mein aktuelles Editorial zu Bremen war schon fertig, inklusive Auslassungen zu den Bremer Stadtmusikanten und Werder Bremen (für einen Wahlhamburger eine besondere Aufgabe). Vor 3 Tagen erhielten wir die Nachricht, dass Bremen als Austragungsort nicht mehr infrage kommt und die 37. Jahrestagung der DGG nunmehr nach 2019 nochmals in Mannheim stattfindet. Zu Mannheim hatte ich vor 2 Jahren ein Editorial geschrieben [1].

Der Wechsel des Kongressortes wird mit den Corona-Bestimmungen in Bremen begründet. Was unterscheidet Bremen und Mannheim? Bremen ist deutlich größer (326 km2 vs. 1345 km2), hat insgesamt mehr Einwohner (570.000 vs. 310.000), aber weniger Einwohner pro Fläche (1740/km2 vs. 2135/km2). Auch das Kongresszentrum scheint, zumindest von außen betrachtet, ausreichend groß zu sein. Politisch gesehen herrschen aber große Unterschiede: Während Bremen offenbar gar kein Konzept hat und eine verbindliche Aussage erst Anfang Oktober treffen wollte, hat Baden-Württemberg ein klares Konzept mit 4 Inzidenzstufen.

Wie dem auch sei, der Veranstaltungsort für den Jahreskongress musste kurzfristig geändert werden. Flexibilität bleibt somit nach wie vor von größter Wichtigkeit. Als Privatperson muss ich hier allerdings anmerken, dass ich das ziemlich anstrengend finde – es ändern sich laufend Gesetze, Definitionen und Vorgaben. Zum 08.11.2020 wurde sogar die Digitale Einreiseanmeldung (DEA, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus-infos-reisende/merkblatt-dea.html) vom BMG ins Leben gerufen. So wollte ich eigentlich, im Dezember gebucht, im Sommer mit meinen Kindern nach Rhodos fliegen. Kurz vor der Reise wurde Griechenland leider mitsamt Inseln zum Risikogebiet erklärt. Da meine minderjährigen Kinder bisher nicht geimpft sind, wollte ich keine Quarantäne von 2 Wochen aufgrund eines positiven Antigentests beim Check-in in Kauf nehmen. Also habe ich auf einen Erlebnispark in Holland umgebucht. Und – voilà – kurz vor der Reise wurden die Niederlande als Hochinzidenzgebiet eingestuft. Bedeutet bei der Rückkehr mindestens 5 Tage Quarantäne. Nun bin ich stolzer Besitzer von mehreren Reisegutscheinen. Dies passt zu kürzlich erschienenen Artikeln in der Tagespresse: „Jens Spahn macht den Urlaub endgültig zur Lotterie“ [2]. Schlaumeier werden sagen – ja, war doch klar. Aber meines Erachtens war und ist nichts klar. Auf der einen Seite wird in Deutschland wieder wegen der Delta-Variante Alarm geschlagen. Auf dem Edeka-Parkplatz muss ich eine Maske tragen. Auf der anderen Seite fällt die Inzidenz nach einem zwischenzeitlichen deutlichen Anstieg in Großbritannien seit 7 Tagen deutlich ab [3], trotz vollem Fußballstadion und Freedom-Day. Die Corona-Todesrate in Schweden ist seit Monaten extrem gering, trotz (oder wegen?) des schwedischen Sonderwegs [3]. Die Gesamt-COVID-19-Todesrate in Indien beträgt am 28.07.: 422.022 von 31.484.605 = 1,34 %, in Deutschland 91.952 von 3.766.501 = 2,42 % [3], und das, obwohl wir über eine deutlich bessere medizinische Versorgung verfügen. Nach den anfänglichen Alarmmeldungen zu diesen Ländern hört man hiervon interessanterweise von der Politik oder in den Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sehr wenig. Oder um erneut die Tagespresse zu zitieren: „Deutschland hat keinen Plan. Andere schon“ [4]. Wenn Sie diese Ausgabe in den Händen halten, wissen wir alle (vielleicht), wie es weitergegangen ist.

“„Deutschland hat keinen Plan. Andere schon“”

Wie in Heft 6/20 schon angemerkt – leben wir in seltsamen Zeiten [5], und die kurzfristige Verlegung des Kongresses von Bremen nach Mannheim gehört dazu. In Ergänzung zum Titel natürlich auch: „et nos mutamur in illis“ – wir ändern uns in Ihnen. Oder kommt es Ihnen nicht inzwischen merkwürdig vor, wenn man sich die Hände schüttelt? Masken in der Visite und in der Besprechung sind selbstverständlich geworden. Zuletzt war ich auf einem Präsenzkongress. Es war seltsam, so viele Menschen relativ eng beieinander zu sehen. Was haben Sie über die Zuschauer gedacht, falls Sie das Finale der Fußball-EM zuletzt gesehen haben? Wären Sie freiwillig ins Stadion gegangen? Hätten Sie Ihre minderjährigen Kinder gegen die Empfehlung der STIKO impfen lassen? Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass hier erheblicher politischer Druck ausgeübt wird? Dies geschieht auch über Rhetorik [6]. Der „Kampf gegen Corona“ wird an vielen Stellen auch als „Krieg gegen Corona“ bezeichnet [7,8,9]. Kennen Sie das Sprichwort von Otto von Bismarck? – „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“ [10].

Ich möchte aber nun wieder zur Gefäßmedizin zurückkommen. Der Kongress findet unter der Leitung von Markus Steinbauer und Heiner Wenk statt. Die Wege der beiden sind recht unterschiedlich. Unser derzeitiger DGG-Präsident hat sich bereits 2003, kurz nach dem Absolvieren der Facharztprüfung für Chirurgie, auf die Gefäßchirurgie spezialisiert und leitet seit 2007 seine Klinik in Regensburg. Heiner Wenk hatte dagegen lange die Chefarztposition einer Klinik für Allgemein‑, Viszeral- und Gefäßchirurgie in Bremen-Nord inne, bevor er zuletzt an eine Private Klinik wechselte und sich dort auf die Gefäßchirurgie konzentriert. Die Kombination aus Viszeral- und Gefäßchirurgie habe ich immer als ideal empfunden. Tatsächlich hat mich an der Chirurgie, als ich 1993 anfing, vor allem fasziniert, dass man mit Skalpell, Pinzette, Schere, Nadelhalter, ein paar Klemmen und Fäden Schilddrüse, Magen, Kolon, Aorta, Karotis und den femorodistalen Bypass operieren konnte. Und für die offene Gefäßchirurgie gilt das meines Erachtens immer noch: Mit den soliden, altbewährten Techniken, wie sie seit den 40er und 50er-Jahren Anwendung finden, können wir Gefäße reparieren. Und zwar mit guten Ergebnissen. Die endovaskulären Verfahren sind natürlich ebenso faszinierend und werden ständig weiterentwickelt. Es ist eine ganz andere Chirurgie, techniklastig, und wir können unseren altgedienten Kollegen sehr dankbar sein, dass sie in den 90er-Jahren den oft politischen Kampf um die perkutanen Interventionen aufgenommen haben und wir heute als Gefäßspezialisten über die erforderlichen Kenntnisse für die verschiedenen Optionen verfügen.

In dieser Ausgabe finden Sie zur Faszination unseres Faches 6 Leitthemenartikel. Prof. Steinbauer stellt sie in der Einführung zum Thema vor. Zusätzlich finden Sie in dieser umfangreichen Ausgabe eine Originalie zur Varikophlebitis (P.M. Baier), eine Übersicht aus der gefäßmedizinischen Evidenz (R. Grundmann), ein Editorial aus der Rubrik PAVK (C.A. Behrendt), 2 interessante Fälle (K. Donas, M. Hagedorn) und als regelmäßige Beiträge die Mitteilung des Netzwerks Grundlagenforschung (A. Hofmann) und die CME-Fortbildung, diesmal zum Thema der antithrombotischen Therapie der PAVK (E.S. Debus).

Die Zeiten ändern sich. Vieles ändert sich mit. Aber die Faszination für die Gefäßmedizin wird uns hoffentlich allen erhalten bleiben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele Erkenntnisse bei der Lektüre der vorliegenden Ausgabe.

Herzlichst, Ihr

figureb

Author information

Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Axel Larena-Avellaneda.

Ethics declarations

Interessenkonflikt

A. Larena-Avellaneda gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Additional information

figureqr

QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Larena-Avellaneda, A. Bremen → Mannheim – oder: Tempora (et loci) mutantur, pars III. Gefässchirurgie 26, 335–336 (2021). https://doi.org/10.1007/s00772-021-00808-7

Download citation