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Endokrine Tumoren

Endocrine tumors

„Weshalb (ausgerechnet) endokrine Onkologie?“ Das mögen Sie sich gefragt haben, als Sie dieses Heft in Ihrer Post gefunden haben. Wir sind der Überzeugung: Knapp zehn Jahre nach dem letzten Heft zu diesem Thema ist es Zeit für ein Update, denn das Gebiet hat sich stürmisch entwickelt. Und: Gerade die Expertise der Onkolog*innen in Niederlassung und nichtspezialisierten Einrichtungen ist unabdingbarer Bestandteil von Beratung, Diagnostik und Therapie.

Drei zentrale Elemente sind es, die endokrine Tumoren zu einem spannenden Thema, einem Musterbeispiel für personalisierte Onkologie haben werden lassen:

Interdisziplinarität: Mancherorts lange vor der Entstehung der heute in allen Bereichen selbstverständlichen Tumorboards hat sich die regelmäßige Fallbesprechung zumindest zwischen Chirurgen, Nuklearmedizinern und Internisten verschiedener Spezialisierung als notwendig erwiesen, um die multimodale Diagnostik und Therapie endokriner Tumoren zu koordinieren. Heute ist dieses Konzept der interdisziplinären Diagnostik und Therapie noch weitaus differenzierter. Ohne versierte pathologische, insbesondere molekularpathologische Expertise, ohne strahlentherapeutisches Wissen um differenzierte Bestrahlungskonzepte, ohne Einsatz zueinander komplementärer radiologischer Verfahren wird jede Therapieentscheidung Stückwerk bleiben müssen.

Molekular informierte Therapie: Ein Musterbeispiel für eine molekular zielgerichtete und molekular informierte Therapie ist die Radiojodtherapie. Diese hat sich zusammen mit einer risikoadaptierten chirurgischen Operation beim differenzierten Schilddrüsenkarzinom als so erfolgreich erwiesen, dass wir bei Patienten in frühen Stadien mit einer uneingeschränkten Lebenserwartung rechnen dürfen. Die Speicherung von radioaktivem Jod dient zugleich als Biomarker für die Indikationsstellung einer solchen Therapie. Heute stehen mit selektiven Tyrosinkinaseinhibitoren auch bei radiojodrefraktären und fortgeschrittenen medullären Schilddrüsenkarzinomen neue orale molekular zielgerichtete Substanzen in der Praxis zur Verfügung.

Seltenheit: Durchweg handelt es sich bei endokrinen Tumoren um seltene Entitäten. Mit jährlich 7–8 Neuerkrankungen je 100.000 Einwohner ist in Deutschland das Schilddrüsenkarzinom die häufigste endokrine Tumorerkrankung – und noch weitaus häufiger wird der Verdacht gestellt. Bei anderen Erkrankungen wie dem Nebennierenkarzinom liegt die Inzidenz mit etwa einem Erkrankten pro Million Einwohner so niedrig, dass viele onkologisch Tätige kaum je persönlich einen Patienten behandeln werden. Erfreulicherweise ist es dennoch in den vergangenen Jahren gelungen, auch bei solch seltenen Tumorerkrankungen klinische Studien erfolgreich durchzuführen – wenn die Voraussetzungen für solche Studien gegeben waren.

Endokrine Tumoren sind ein Musterbeispiel für die personalisierte Onkologie

Den aktuellen Stand der interdisziplinären Versorgung endokriner Tumoren aus der Perspektive renommierter Experten spiegelt dieses Heft wider.

Gerade in Deutschland besteht jedoch klarer Verbesserungsbedarf:

  • Belastbare Zahlen und Daten: Bisher ist es nicht ausreichend gelungen, über regionale Vorhaben und krankheitsspezifische Register hinaus klinische Daten so zur Verfügung zu stellen und aufzubereiten, dass sich daraus Möglichkeiten zur Verbesserung ableiten ließen. Dieses Problem ist vielschichtig und beginnt bei Mängeln in der elektronischen Datenverarbeitung bei den Behandlern bis hin zum Zusammenführen von Datensätzen aus regionalen epidemiologischen Krebsregistern. Erfolgreiche krankheitsbezogene Register wie das Europäische Netzwerk für das Studium von Nebennierentumoren (ENSAT) können dieses Defizit nur in Teilbereichen kompensieren und fehlen in anderen Bereichen völlig.

  • Überregionale klinische Netzwerkstrukturen: Gerade bei seltenen Erkrankungen ist der Nutzen einer Vernetzung mit spezialisierten Zentren kaum anzuzweifeln. Dem entgegen steht die bisher unzureichende Etablierung von sektorübergreifenden und überregionalen Netzwerken. So gibt es bis heute keine dauerhafte Möglichkeit, um heimatnah zum Beispiel in einer onkologischen Praxis betreute Patienten unkompliziert in einem Zentrum vorzustellen. Die Übertragung von Schnittbilddatensätzen, der Austausch von Befunden einschließlich Labor und die Kommunikation zwischen lokalem Behandler und Zentrum sind bisher nicht im erforderlichen Maße und in der notwendigen Qualität möglich und der Aufwand ist bei allen Beteiligten unzureichend finanziert. Eine Netzwerkstruktur mit Referenzzentren ist in Ländern wie Frankreich seit Jahren etabliert – mit daraus abgeleitet wesentlich umfangreicheren Möglichkeiten, Therapiestudien zu initiieren und Patienten in Therapiestudien zu behandeln. Während dieses Konzept einer Vernetzung mit den European Reference Networks auch für seltene endokrine Tumoren vorangetrieben wird, steht dem auf nationaler Ebene in Deutschland kein vergleichbares Expertennetzwerk gegenüber.

Wie kann dem entgegnet werden? Wir als Behandelnde müssen zu mehr Gemeinsamkeit finden und Offenheit leben. Nur wenn wir Wissen und vor allem Daten teilen und gemeinsam konkrete Anstrengungen unternehmen, um die Zwänge unserer „Mikrokosmen“ aus Fachgebiet, Versorgungssektor und Konkurrenz zu verlassen, werden wir das aktuell noch verbreitete „Silodenken“ überwinden. Nur so werden wir in Deutschland mittelfristig unsere Patienten weiterhin mit den innovativsten Diagnostik- und Therapieverfahren wirksam versorgen können.

Dieses Heft soll uns darin bestärken.

Für die Schriftleiter:

Matthias Kroiss

Costanza Chiapponi

Hans Christiansen

Für die Herausgeber:

Heinz Schmidberger

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M. Kroiss, C. Chiapponi, H. Christiansen und H. Schmidberger geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Kroiss, M., Chiapponi, C., Christiansen, H. et al. Endokrine Tumoren. Onkologie 28, 624–626 (2022). https://doi.org/10.1007/s00761-022-01211-x

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  • DOI: https://doi.org/10.1007/s00761-022-01211-x