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„Es war zu viel, zu früh, zu fremd“

Barrieren und Bedarfe in der psychoonkologischen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund und ihren Angehörigen

“It was too much, too soon, too foreign”

Barriers and needs in the psycho-oncological care of people with a migration background and their relatives

Zusammenfassung

Hintergrund

Diagnose und Behandlung einer Krebserkrankung gehen mit vielfältigen psychosozialen Belastungen einher. Bislang ist wenig über Bedarf und Nutzung bzgl. psychoonkologischer Versorgungsangebote bei Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Nahen und Mittleren Osten bekannt.

Ziel der Arbeit

Erfassung des Umgangs mit psychischen Belastungen und den Unterstützungsbedarfen von Krebspatient*innen und ihren Angehörigen aus dem Nahen und Mittleren Osten.

Methode

Es erfolgte eine bundesweite Befragung von Patient*innen und Angehörigen über hämatoonkologische Schwerpunktpraxen mit qualitativen Einzelinterviews. Die Interviews wurden digital aufgezeichnet und wörtlich transkribiert. Die Auswertung erfolgte nach der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse mit MAXQDA 2020.

Ergebnisse

Es wurden neun Interviews geführt. Gründe für und Bedarfe an Unterstützung sind oft nicht nur auf die Erkrankung direkt zurückzuführen. Religion, Geheimhaltung der Diagnose und politische Konflikte im Heimatland können zu Mehrfachbelastungen führen und sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken. Die Familie unterstützt u. a. bei emotionalen Belastungen, vor allem in der Akutphase der Erkrankung. Die Inanspruchnahme externer Unterstützungsangebote hängt von Wissen über Angebote und dem Zeitpunkt im Erkrankungsverlauf ab. Viele Befragte wissen nicht, was psychoonkologische Angebote beinhalten und wie man diese in Anspruch nehmen kann.

Schlussfolgerung

Laienverständliche und kontinuierliche Informationen über den gesamten Erkrankungszeitraum sind nötig, um eine Inanspruchnahme psychoonkologischer Angebote zu ermöglichen und um Patient*innen wie Angehörige zu entlasten. Andere Gründe psychischer Belastungen, wie beispielsweise Phase der Migration oder politische/gewalttätige Konflikte im Herkunftsland sollten berücksichtigt werden, da sie zusätzliche Belastungen darstellen können.

Abstract

Background

The diagnosis and treatment of cancer are accompanied by various types of psychosocial burden. So far, little is known about the need for and use of psycho-oncological care services by people with a migration background from the Near and Middle East.

Objectives

Assessing the handling of psychological burden and the support needs for psycho-oncological support of cancer patients and their relatives from the Near and Middle East.

Methods

A nationwide survey of patients and relatives was conducted via haemato-oncological practices with qualitative individual interviews. The interviews were digitally recorded and transcribed verbatim. The analysis was carried out using the structuring content analysis with MAXQDA 2020.

Results

Nine interviews were conducted. Reason and need for support do often not only result directly from the disease. Religion, secrecy about the diagnosis and political conflicts in the home country can lead to multiple stresses and have a negative impact on well-being. The family provides support, for example in the case of emotional stress, especially in the acute phase of the disease. The use of external support services depends on whether knowledge about services is available and the point in time during the course of the disease. Many respondents do not know what psycho-oncological services entail and how to make use of them.

Conclusion

Using plain language and providing continuous information throughout the entire period of illness is necessary to enable the use of psycho-oncological services and to lessen patients and their relatives of the burden. Other reasons for psychological stress, such as migration phase or political/violent conflicts in the home country, should be considered, as they can represent additional stress.

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Abb. 1

Notes

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    Laut dem Statistischen Bundesamt sind dies Menschen, die selber oder bei denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde [14].

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Danksagung

Die Autor*innen bedanken sich bei den Patient*innen und Angehörigen, die sich die Zeit für ein Gespräch genommen und die zum Teil sehr emotionalen Themen mit uns geteilt haben. Ebenso danken wir den beteiligten hämatoonkologischen Schwerpunktpraxen, den Interviewer*innen, die für uns Interviews auf den Sprachen Urdu und Farsi durchgeführt haben, und der Stiftung Deutsche Krebshilfe, die das Projekt (Förderkennzeichen 70113529) finanziell unterstützt.

Förderung

Stiftung Deutsche Krebshilfe, Förderkennzeichen 70113529.

Author information

Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Isabelle Hempler.

Ethics declarations

Interessenkonflikt

S. Singer erhielt Honorare von Lilly und Pfizer, die nicht im Zusammenhang mit der eingereichten Arbeit stehen. I. Hempler, N. Riccetti, L. Kalie, V. Heidt und K. Hermes-Moll geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

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Hempler, I., Riccetti, N., Kalie, L. et al. „Es war zu viel, zu früh, zu fremd“. Onkologe 27, 1233–1240 (2021). https://doi.org/10.1007/s00761-021-01043-1

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Schlüsselwörter

  • Psychosoziale Belastung
  • Unterstützungsangebote
  • Bedarfsanalyse
  • Interviews
  • Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten

Keywords

  • Psychosocial burden
  • Support services
  • Analysis of needs
  • Interviews
  • People from the Near and Middle East