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Rolle der Hepatitis-B-Impfung in der Prävention des hepatozellulären Karzinoms

Vaccination against hepatitis B as prevention for hepatocellular carcinoma

Zusammenfassung

Hintergrund

Die chronische Hepatitis-B-Infektion stellt einen wesentlichen Risikofaktor für die Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms (HCC) dar. Wenngleich sich die Therapiemöglichkeiten des HCC stetig verbessern, kommt präventiven Maßnahmen eine entscheidende Bedeutung zu.

Schlussfolgerung

Mit der Hepatitis-B-Impfung steht ein wirksames Mittel zur Verhinderung einer Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) zur Verfügung. Eine konsequente Impfung führt nicht nur zu einem Rückgang HBsAg-positiver Patienten, sondern bewirkt auch einen Rückgang der HCC-Inzidenz, wie bereits in den 1990er-Jahren in Taiwan gezeigt wurde. Ein suffizienter Schutz vor einer HBV-Infektion verhindert zudem die Infektion mit dem Hepatitis-D-Virus, das mit einem besonders hohen HCC-Risiko behaftet ist. Neuere Ansätze befassen sich auch mit dem therapeutischen Einsatz von Impfstoffen zur Behandlung bereits Infizierter. Wesentlich ist auch das Erkennen bestehender Virushepatitis-Erkrankungen, um Therapien zu beginnen und das HCC-Risiko zu minimieren.

Abstract

Background

Chronic infection with the hepatitis B virus (HBV) is an important risk factor for the development of hepatocellular carcinoma (HCC). Even though treatment options for HCC are constantly improving, preventive measures must not be neglected.

Conclusion

The vaccination against hepatitis B has proven effective in preventing infection with HBV. As shown more than 20 years ago in Taiwan, vaccination programs lower not only the prevalence of HBsAg carriers but also decrease the incidence of HCC. By achieving immunity against HBV, the infection with hepatitis D virus can also be prevented. This is important in the light of HCC prevention as HBV/HDV coinfection is known to drastically increase the risk of HCC. New approaches aim for the development of therapeutic HBV vaccines ideally curing chronic infections. Beside the prevention of infections, it is pivotal to detect existing infections. This helps to minimize the HCC risk by initiating treatment in those who need it.

Das hepatozelluläre Karzinom (HCC) stellt den häufigsten lebereigenen malignen Tumor dar. Laut den aktuellen Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts erkranken in Deutschland jährlich etwa 9000 Menschen an Leberkrebs, wobei 65 % der Fälle auf ein HCC zurückgeführt werden können.

Männer erkranken 1,8-mal häufiger an einem hepatozellulären Karzinom (HCC) als Frauen [11]. Trotz einer Verbesserung der Überlebenschancen überleben im Fall einer fortgeschrittenen Erkrankung nur 25 % der Patienten länger als ein Jahr [7]. Die weltweite Zunahme der HCC-Inzidenz rückt neben der erfolgreichen Etablierung neuer Therapien auch Präventionsprogramme in den Fokus. Global betrachtet zeigen sich zwischen den verschiedenen Regionen epidemiologische Unterschiede. So kann in vielen westlichen Ländern eine Zunahme der HCC-Inzidenz beobachtet werden, während sich in asiatischen Ländern, die in der Vergangenheit mit hohen HCC-Fallzahlen zu kämpfen hatten, ein Rückgang der HCC-Inzidenz andeutet [9]. Inwieweit die Impfung gegen das Hepatitis-B-Virus (HBV) zu einem solchen Inzidenzrückgang beitragen kann, ist Thema dieses Artikels.

“Ein zentraler Risikofaktor für die Entstehung eines HCC ist das Vorhandensein einer Leberzirrhose”

Zur Etablierung wirksamer Präventionsprogramme ist neben epidemiologischen Betrachtungen auch die Kenntnis von HCC-Risikofaktoren und der verschiedenen Mechanismen hepatozellulärer Karzinogenese elementar. Ein zentraler Risikofaktor für die Entstehung eines HCC ist das Vorhandensein einer Leberzirrhose. So beträgt das jährliche Risiko, ein HCC zu entwickeln, bei Leberzirrhosepatienten bis zu 8 %. Allerdings variiert das Risiko in Abhängigkeit von der für die Leberzirrhose ursächlichen Erkrankung. So wird für Patienten mit einer zugrunde liegenden HBV-Infektion über ein Risiko von 2 % berichtet, während bei Bestehen einer Hepatitis-C-Leberzirrhose bis zu 8 % jährlich an einem HCC erkranken [7]. Neben den viralen Hepatitiden kommt dem schädlichen Konsum von Alkohol eine wichtige Rolle als HCC-Risikofaktor zu. Die verschiedenen HCC-Risikofaktoren unterscheiden sich in ihrer Häufigkeit regional teilweise deutlich. In Westeuropa ist eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) der führende Risikofaktor noch vor schädlichem Alkoholkonsum, der in Osteuropa den wichtigsten Risikofaktor darstellt. In ostasiatischen und afrikanischen Ländern südlich der Sahara ist hingegen das Hepatitis-B-Virus der wichtigste Risikofaktor [7].

Hepatitis-B-Virus-Infektion

Das HBV ist ein DNA-Virus aus der Familie der Hepadna-Viren. Ein Großteil der Übertragungen findet auf sexuellem Weg statt. In Ländern mit hoher Seroprävalenz spielt auch die perinatale Übertragung eine wichtige Rolle, wobei insbesondere in diesen Fällen bei bis zu 95 % zu einer Chronifizierung kommt. Im Gegensatz dazu liegt die Wahrscheinlichkeit der Chronifizierung bei Ansteckung im Erwachsenenalter nur bei 5 % [24]. Nach Infektion befällt das Virus die Hepatozyten. Die im Verlauf auftretende Zellschädigung ist das Ergebnis der Immunantwort, die sich gegen die infizierten Hepatozyten richtet. In rund 70 % der Fälle führt die akute Infektion zu einer subklinischen Hepatitis mit fehlendem Ikterus. In 30 % präsentiert sich das klinische Bild eines Ikterus. Ein fulminanter Verlauf ist selten und mit erheblicher Letalität assoziiert [24].

Mechanismen der Karzinogenese

Eine chronische HBV-Infektion geht mit einem relevanten HCC-Risiko einher. Häufig entwickelt sich ein HCC auf dem Boden einer Leberzirrhose. Bei bestehender Leberzirrhose beträgt das 5‑Jahres-Risiko ein HCC zu entwickeln in westeuropäischen Populationen 10 % [8]. Dennoch treten 20 % der HBV-assoziierten HCC in Abwesenheit einer Leberzirrhose auf [24]. Dieser Umstand verdeutlicht, dass die Mechanismen, die die HCC-Entstehung begünstigen, vielfältig sind (Abb. 1).

Abb. 1
figure1

Entstehung eines hepatozellulären Karzinoms (HCC) im Kontext einer chronischen Hepatitis-B-Virus(HBV)-Infektion. Chronische HBV-Infektion als Risikofaktor für Leberzirrhose und HCC. Impfung gegen Hepatitis B als Schutz vor Infektion und als Primärprävention von Leberzirrhose und HCC. HBsAg Hepatitis-B-Surface-Antigen

“Inflammation, Leberzirrhose und spezifische Viruseigenschaften tragen zum HCC-Risiko bei”

Das HBV stößt in den Hepatozyten eine Reihe von Mechanismen an, die auf Dauer zur Schädigung der Leber führen und kanzerogene Wirkung entfalten.

So tragen Inflammation, Leberzirrhose und spezifische Viruseigenschaften zum HCC-Risiko bei. Wenn HBV in Hepatozyten repliziert, kommt es durch Virusantigenpräsentation zu einer durch CD8+-Lymphozyten vermittelten zytotoxischen Immunantwort und damit zur Inflammation und Leberzellschädigung im Sinne einer Hepatitis. Laborchemisch präsentiert sich eine solche Hepatitis durch eine Transaminasenerhöhung, wobei typischerweise die Erhöhung der GPT (Glutamat-Pyruvat-Transaminase) ausgeprägter ist (De-Ritis-Quotient < 1). Im Fall einer chronischen Inflammation setzen Umbauprozesse der Leber ein, welche zunächst zur Leberfibrose und später zur Leberzirrhose führen. Bei Abwesenheit einer laborchemisch sichtbaren Hepatitis trotz hoher Virusreplikation wurden Patienten klassischerweise als „immuntolerant“ klassifiziert. Dieser Begriff impliziert, dass in diesen Patienten keine leberzellschädigenden Immunantwort stattfindet. Neuere Ergebnisse stellen dieses Konzept jedoch infrage [15]. In einer vergleichenden Analyse von immuntoleranten und immunaktiven Patienten wurde gezeigt, dass in beiden Gruppen eine ausgeprägte Integration viraler Gene in die menschlichen Chromosomen stattfindet. Es wird angenommen, dass diese Veränderung am menschlichen Genom der Hepatozyten kanzerogenes Potenzial hat [15]. Die zitierte Arbeit beschreibt zudem einen weiteren Mechanismus, der zur Entstehung eines HCC beiträgt. Als Reaktion auf den Untergang infizierter Hepatozyten wurde eine klonale Expansion teilungsfreudiger Zellreihen gesehen. Über diesen Mechanismus kann es zur Selektion eines malignen Klons kommen, der dann die Grundlage für ein HCC darstellt. Auch dieses Phänomen trat unabhängig von dem Immuntoleranzstatus auf [15].

Ein anderer Mechanismus der HBV-assoziierten HCC-Genese betrifft das Hepatitis-B-Oberflächenprotein (HBsAg). Das HBsAg wird im klinischen Alltag als serologischer Screeningparameter genutzt. Infizierte Hepatozyten synthetisieren das HBsAg als einen wichtigen Teil der Virushülle. Bereits vor einigen Jahren wurde nachgewiesen, dass neben der Wichtigkeit des HBsAg für ein funktionales Virus das Protein selbst zelluläre Abläufe beeinflussen kann und potenziell zur malignen Entartung beitragen kann [12]. Das Risiko, ein HCC zu entwickeln, ist besonders hoch, wenn eine Koinfektion mit dem Hepatitis-D-Virus (HDV) vorliegt [1]. Neben dem hohen HCC-Risiko sind die klinischen Verläufe bei einer Koinfektion mit HDV schwerer. Somit kommt dem Screening auf eine Koinfektion mit HDV eine wichtige Rolle zu [27]. Die Diagnose einer Hepatitis D ist aktuell umso wichtiger, als dass seit September 2020 mit dem Eintrittshemmer Bulevirtid erstmals eine zugelassene Therapieoption besteht [6].

Erfolge der Hepatitis-B-Impfung

Wie bereits erwähnt, ist die HBV-Prävalenz in asiatischen Ländern höher als in anderen Regionen der Erde. In Taiwan wurde im Jahr 1984 ein erstes HBV-Impfprogramm gestartet, das zunächst Neugeborene HBsAg-positiver Mütter in den Fokus nahm. Ziel war die Reduktion der vertikalen Transmission. Nach und nach wurden alle Neugeborenen und auch ältere Kinder in das Programm aufgenommen [4].

“Die Hepatitis-B-Impfung führt zu einem Rückgang der HCC-Inzidenz”

In der oft zitierten Arbeit von Chen et al. wurde ein deutlicher Rückgang der HBV-Infektionen nach Beginn der Impfkampagne beschrieben. So ließ sich 1984 das HBsAg noch bei 9,8 % der Bevölkerung nachweisen. Dieser Wert war 10 Jahre später auf 1,3 % abgefallen [4]. Die gleiche Arbeitsgruppe zeigte in den folgenden Jahren auch einen Rückgang der HCC-Inzidenz im Kindesalter. Vor Einführung der Impfung lag die Inzidenz für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren bei 0,7/100.000. Anfang der 1990er-Jahre hatte sich die Inzidenz auf 0,36/100.000 beinahe halbiert [3]. Dieser Erfolg zeigt eindrücklich, dass Impfungen im Kampf gegen die HBV-Infektion und die gesundheitlichen Folgen einer Infektion ein wirksames Mittel sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Jahr 2016 ein Strategiepapier veröffentlicht, das sich der weltweiten Bekämpfung viraler Hepatitiden widmet [18]. Das ambitionierte Ziel lautet, dass von Virushepatitiden im Jahr 2030 keine relevante Bedrohung für die Gesundheit mehr ausgehen soll. Auf diesem Weg spielen weltweite HBV-Impfprogramme eine wichtige Rolle. Zu betonen ist, dass ein effektiver Impfschutz vor einer HBV-Infektion auch die Koinfektion mit dem gefährlichen Hepatitis-D-Virus verhindert.

Hepatitis-B-Impfung in Deutschland

Die Impfung gegen das Hepatitis-B-Virus basiert auf einer Antikörperbildung gegen das HBsAg. Die verwendeten Impfstoffe nutzen daher gentechnologisch hergestelltes HBsAg.

“Jedes Kind sollte im ersten Lebensjahr gegen Hepatitis B geimpft werden”

Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts empfiehlt allen Säuglingen die Impfung gegen Hepatitis B im Rahmen der Sechsfachimpfung (Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Poliomyelitis, Haemophilus influenzae B, Hepatitis B) im Alter von 2, 4 und 11 Monaten (Tab. 1). Sollte eine Impfung im Säuglingsalter nicht stattgefunden haben, ist eine Nachholimpfung bis zum 18. Geburtstag empfohlen [22]. Bei Erwachsenen ohne Hepatitis-B-Impfschutz sollte eine Impfung erfolgen, wenn (1) aufgrund einer Immunschwäche oder anderen zugrunde liegenden Erkrankung die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf erhöht ist, (2) nichtberuflich ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht, wie etwa bei Kontakt zu HBsAg-Trägern in der Familie oder risikoreichen Sexualkontakten, (3) aus beruflichen Gründen ein erhöhtes Expositionsrisiko besteht, wie etwa im Gesundheitswesen, oder (4) bei Reisen mit individuell erhöhtem Risiko für eine HBV-Infektion. Bei Impfungen im Erwachsenenalter werden 3 Impfdosen im Abstand von einem bzw. 6 Monaten verabreicht. Wichtig ist dabei v. a. der Abstand zwischen der zweiten und dritten Dosis. Dieser sollte 6 Monate nicht unterschreiten [22].

Tab. 1 Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Durchführung der Hepatitis-B-Impfung [22]

Während eine routinemäßige Anti-HBs-Titer-Bestimmung im Säuglingsalter nicht vorgesehen ist, sollte bei Erwachsenen, die einer der 4 genannten Gruppen zugeordnet werden können, 4–8 Wochen nach Abschluss der Impfreihe eine Titerbestimmung zu Kontrolle des Impferfolgs durchgeführt werden. Bei einem Anti-HBs-Titer ≥ 100 IE/l kann von einer erfolgreichen Impfung ausgegangen werden. Patienten mit einem Anti-HBs-Titer von 10–99 IE/l werden als „Low-Responder“ eingestuft. Hier erfolgt die Gabe einer weiteren Impfstoffdosis mit folgender Titerbestimmung 4–8 Wochen später. Dieses Vorgehen kann bis zu 3‑mal wiederholt werden. Liegt nach der regulären Impfung der Anti-HBs-Titer unter 10 IE/l, spricht man von „Nonrespondern“. Hier empfiehlt die STIKO zunächst den Ausschluss einer chronischen HBV-Infektion durch Bestimmung des HBsAg und Anti-HBc. Kann eine solche chronische Infektion ausgeschlossen werden, kann wie bei „Low-Respondern“ vorgegangen werden.

“Beschäftigte im Gesundheitswesen sollten einen Anti-HBs-Titer ≥ 100 IE/l haben”

Bei einmaliger Messung eines suffizienten Anti-HBs-Titers (≥ 100 IE/l) kann von einem lebenslangen Schutz ausgegangen werden. Dennoch ist bei Menschen mit einem hohen Expositionsrisiko – wie es etwa im Gesundheitswesen gegeben ist – eine 10-jährliche Bestimmung des Anti-HBs-Titers empfohlen. Bei Patienten mit einem Immundefizit sollte sogar eine jährliche Bestimmung erfolgen [22]. Beschäftigte im Gesundheitswesen sollten einen Anti-HBs-Titer ≥ 100 IE/l haben. Aufgrund der teils unzureichenden Ansprechrate auf die Hepatitis-B-Impfung sind auch neue Impfstoffe in Entwicklung und teilweise bereits zugelassen. Bei einem in Israel neu zugelassenen Impfstoff, der neben dem HBsAg auch die Pre-S1- und Pre-S2-Unterformen des HBsAg enthält, wurde eine signifikant bessere Ansprechrate als bei einem konventionellen Impfstoff nachgewiesen [25].

Erkennung bestehender Infektionen

Neben der konsequenten Impfung kommt auch der Erkennung bestehender HBV-Infektionen eine wichtige Rolle zu, da eine Impfung bei bestehender Infektion keinen Schutz erzielt. Die aktuelle Leitlinie zur HBV-Infektion empfiehlt daher u. a. die HBsAg-Testung bei allen Schwangeren zu einem möglichst frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft. Prinzipiell sollte eine HBV-Diagnostik bei erhöhten Leberwerten, klinischen Zeichen einer Hepatitis oder auch Patienten, die wegen einer Grunderkrankung oder geplanten Immunsuppression ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe aufweisen, erfolgen [5].

Impfung gegen das Hepatitis-C-Virus?

Mit Blick auf die erfolgreiche Etablierung einer Impfung gegen HBV stellt sich auch die Frage nach einer Impfung gegen HCV als weiterem wichtigem Erreger chronischer Virushepatitiden. Seit 2014 stehen zwar hochpotente direkt antivirale Medikamenten gegen HCV zur Verfügung, die in annähernd allen Fällen zu einer Ausheilung führen. Mit großangelegten Screeningprogrammen konnte in vielen Ländern ein Großteil der Hepatitis-C-Patienten identifiziert und mittlerweile auch behandelt werden. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist Ägypten, wo in den letzten Jahren fast 50 Mio. Menschen auf Anti-HCV-Antikörper untersucht und mehr als 2 Mio. Menschen erfolgreich therapiert wurden [26]. Dennoch infizieren sich in vielen Ländern nach wie vor mehr Menschen an Hepatitis C, als antivirale Therapien durchgeführt werden. In Deutschland betrifft das ebenfalls Menschen mit einem erhöhten Risiko, z. B. Personen, die Drogen konsumieren. Um eine Elimination des HCV zu erzielen, wäre ein Impfstoff extrem hilfreich. Zahlreiche Impfstoffprogramme sind in den letzten 20 Jahren gestartet worden, nur sehr wenige Strategien wurden auch in kontrollierten Studien an Menschen untersucht. Eine Möglichkeit sind rekombinante Viren, die HCV-Antigene exprimieren. Das Prinzip ist durch den ChAdOx1-Impfstoff (modifiziertes Schimpansen-Adenovirus) gegen SARS-CoV‑2 bekannt. Ein ähnlicher Impfansatz ist in einer großen Studie bei 548 Risikopersonen in Baltimore und San Francisco untersucht worden. Hier wurde ein rekombinanter Chimp-Adenovirus-3-Vektor mit anschließender Boosterung mit einem rekombinanten modifizierten Vaccinia-Ankara-Virus (MVA) getestet. Auch wenn die maximale Höhe der HCV-Viruslast bei geimpften Personen im Fall einer akuten Hepatitis C geringer war, zeigte sich kein Unterschied in der Anzahl der Patienten mit chronischem Verlauf einer Infektion [19]. Bis ein wirksames HCV-Vakzin zur Verfügung steht, sind also noch weitere Studien notwendig, in denen auch unterschiedliche Ansätze zur Erreichung einer Immunität erprobt werden, die entweder eine Protektion oder aber eine Verhinderung von chronischen Verläufen vermittelt [2].

Therapeutische Hepatitis-B-Impfung?

Bislang finden Impfstoffe v. a. in der Primärprävention und Infektionsprophylaxe Anwendung. Im Gegensatz zu der Behandlung der chronischen HCV-Infektion gibt es bislang noch kein etabliertes Therapiekonzept zur Ausheilung der chronischen HBV-Infektion. Dieser Umstand beflügelt innovative Forschungsansätze wie die Entwicklung einer therapeutischen Impfung. Bei einer chronischen HBV-Infektion ist das Immunsystem nicht in der Lage, eine Clearance des Virus zu erreichen. Die Idee hinter therapeutischen Impfstoffen ist, durch Auslösung einer gezielten Immunantwort, eine Ausheilung mit Serokonversion hin zur HBsAg-Negativität zu erreichen.

“Therapeutische Impfungen könnten in Zukunft die Therapie der chronischen HBV verbessern”

Die aktuell untersuchten Impfstoffe lassen sich in 3 Gruppen unterteilen:

  • proteinbasierte Impfstoffe,

  • genetische Impfstoffe und

  • die Verabreichung von modifizierten dendritischen Zellen.

Weitere Unterschiede betreffen die Zielstrukturen. So werden sowohl HBsAg und HBcAg als auch die DNA-Polymerase des HBV als mögliche Targets erforscht [10]. Für einen zunächst im Mausmodell etablierten adenovirusbasierten Impfstoff [14] wurde zwischenzeitlich in einer ersten klinischen Phase-Ib-Studie die Initiierung einer zellulären Immunantwort auch im Menschen gezeigt [30]. Studien zu weiteren neuartigen immunologischen Therapieansätzen laufen und werden maßgeblich auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Deutschland vorangetrieben. Hier werden zum einen HBsAg-Reduktionen mit anschließenden Impfungen mit rekombinanten Viren [16], bispezifische Antikörper [20] oder HBV-spezifische T‑Zell-Rezeptor-exprimierende T‑Zellen [28] evaluiert. Ein weiterer Ansatz ist eine „Autovakzinierung“, die durch einfaches Absetzen einer laufenden antiviralen Therapie induziert wird. Durch den transienten Anstieg der HBV-DNA wird eine systemische Immunreaktion mit einer Aktivierung von natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) und T‑Zellen induziert [21, 29].

Sonstige Präventionsprogramme

Neben der konsequenten Umsetzung der Impfempfehlung zum Schutz vor einer HBV-Infektion kommt in der Prävention des HCC auch anderen Präventionsprogrammen zur Vermeidung leberschädigender und zirrhoseauslösender Faktoren ein großer Stellenwert zu. Ein Beispiel ist das bereits erwähnte Strategiepapier der WHO. Neben der HBV-Infektion werden dort auch Ziele zur Bekämpfung der HCV-Infektion, wie etwa eine bessere Aufklärung oder der breitere Zugang zu Gesundheitsressourcen inklusive einer Therapie, beschrieben [18]. Eine Gruppe isländischer Autoren zeigte kürzlich, wie eine Steigerung des Alkoholkonsums sowie ein vermehrtes Auftreten von Adipositas und HCV-Infektionen in Island die früher sehr niedrige Leberzirrhoserate des Landes hat ansteigen lassen [17]. Im Umkehrschluss legen die Beobachtungen nahe, dass eine niedrige Prävalenz der genannten Faktoren zur Vermeidung von Leberzirrhosen beiträgt. Im Hinblick auf den Alkoholkonsum sind Aufklärungsprogramme notwendig und wirksam [23]. Schließlich kann so nicht nur das Auftreten von Leberzirrhose und konsekutiven HCC vermieden werden, sondern auch den anderen Folgeerscheinungen eines übermäßigen Alkoholkonsums vorgebeugt werden.

“Weitere Präventionsprogramme sind nötig”

Neben notwendigen primärpräventiven Maßnahmen existieren auch Empfehlungen zur Früherkennung eines HCC bei chronischer Virushepatitis. Eine 2‑mal jährliche Ultraschalluntersuchung der Leber sollte bei fortgeschrittener Leberfibrose oder Leberzirrhose erfolgen [5, 13]. Weitere Patientengruppen, bei denen die aktuelle HBV-Leitlinie ein Ultraschallscreening empfiehlt, sind beispielsweise HBeAg-positive Patienten oder jene Patienten mit einer ausgeprägten Virämie über einen langen Zeitraum (HBV-DNA > 2000 IU/ml) [5].

Fazit für die Praxis

  • Eine chronische Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) trägt wesentlich zur Entstehung eines hepatozellulären Karzinoms (HCC) bei.

  • Neben der Entstehung einer Leberzirrhose auf dem Boden der chronischen Virusinfektion spielen auch virusspezifische Faktoren eine Rolle in der HCC-Genese.

  • Die konsequente Durchführung der HBV-Impfung reduziert nicht nur die Infektionsrate, sondern auch die HCC-Inzidenz.

  • Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung aller Säuglinge gegen Hepatitis B.

  • Im Erwachsenenalter sollten Nichtgeimpfte eine Nachholimpfung erhalten, wenn sie einer Risikogruppe angehören oder einem erhöhten Expositionsrisiko ausgesetzt sind, z. B. chronisch Leberkranke oder Mitarbeiter im Gesundheitswesen.

  • Weiterhin ist die frühzeitige Detektion bestehender Erkrankungen an Virushepatitis wichtig, um Folgeerscheinungen wie das Auftreten einer Leberzirrhose oder eines HCC möglichst zu vermeiden.

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Correspondence to Heiner Wedemeyer.

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C.A. Dietz und H. Wedemeyer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

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U. Graeven, Mönchengladbach

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Dietz, C.A., Wedemeyer, H. Rolle der Hepatitis-B-Impfung in der Prävention des hepatozellulären Karzinoms. Onkologe (2021). https://doi.org/10.1007/s00761-021-01036-0

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Schlüsselwörter

  • Hepatitis C
  • Leberzirrhose
  • Chronische Hepatitis
  • Leberneoplasien
  • Virushepatitis, humane

Keywords

  • Hepatitis C
  • Liver cirrhosis
  • Chronic hepatitis
  • Liver neoplasms
  • Viral hepatitis, human