Einleitung

Der Sezierkurs ist fester Bestandteil des Medizinstudiums. Der damit verbundene Umgang mit den Körpern Verstorbener, den sogenannten Körperspenden, formt jede:n Mediziner:in. Das erworbene Wissen über anatomische Strukturen findet in der Klinik in unterschiedlichen Fachbereichen Anwendung. Ein großer Teil der medizinischen Ausbildung findet in Spitälern statt, in denen Klinikärzt:innen angehende Ärzt:innen ausbilden. Dem Einfluss dieser Ärzt:innen auf die psychoemotionale Entwicklung von Studierenden in Grenzsituationen wurde bisher kaum Beachtung zuteil.

An der Karl Landsteiner Universität für Gesundheitswissenschaften findet der Sezierkurs im dritten Studienjahr statt. Die Studierenden protokollieren monatlich in Sechsergruppen fachliche und psychoemotionale Inhalte. In einer qualitativen Inhaltsanalyse wurden diese Protokolle von zwei Jahrgangskohorten (2018 und 2020) auf psychoemotionale Reaktionen, Bewältigungsstrategien und protektive Faktoren analysiert. Dieser Beitrag befasst sich mit der klinischen Anwendbarkeit der Ergebnisse.

Psychoemotionale und physische Auswirkungen

In einem Eintrag zu Beginn des Kurses beschrieb ein:e Student:in, niemand wisse genau, wie der Körper zu berühren sei. Ein Gruppenmitglied habe Schwierigkeiten mit dem Geruch und die/der Verfasser:in des Eintrags selbst habe Mühe mit dem Präparieren des Gesichts. Denn wenn er/sie das unbedeckte Gesicht der Körperspende sehe, trete der subjektive Charakter des Körpers besonders unangenehm in den Vordergrund. Diese Gruppe hielt deshalb das Gesicht und insbesondere die Augenpartie mehrere Monate lang bedeckt. Eine andere Gruppe beschrieb den Anblick des Gesichts als schockierende Erfahrung, welche Gewöhnung erfordere. Zahlreiche Gruppen dokumentierten den Umgang mit weiteren Körperregionen wie Hände und Genitalien als besonders belastend.

Die Auswertung der Notizen bestätigte zahlreiche der in der Literatur beschriebenen emotionalen und körperlichen Reaktionen der Studierenden auf verschiedene Eindrücke im Seziersaal (siehe Abb. 1). Eine Vielzahl dokumentierte Gefühle wie Stress, Angst oder Ekel. Die körperlichen Reaktionen reichten von Übelkeit und Appetitlosigkeit bis hin zu Phantomschmerzen. Zum Beispiel beschrieb ein:e Kursteilnehmer:in, er/sie habe beim Sezieren der Hand einer Körperspende selbst Schmerzen in der eigenen Hand verspürt.

Abb. 1
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Prozentuale Häufigkeit der Protokolleinträge (2018 und 2020) zu belastenden und herausfordernden Faktoren. (KS Körperspende. Bild: © S. Karis: Psycho-Emotional Key Responses of Third Year Medical Students to Whole Body Dissection – a Qualitative Content Analysis, S. Karis 2022)

Psychoemotionale Belastung besteht vorwiegend zu Kursbeginn

In der Klinik bieten sich Gelegenheiten, den Umgang mit neuen Grenzsituationen zu erlernen. Etwa durch Erfahrungen im Operationssaal oder bei der ersten frustranen Reanimation. Solche Situationen gehören für erfahrene Kliniker:innen zum Arbeitsalltag. Jedoch können diese bei Studierenden starke emotionale und körperliche Reaktionen hervorrufen. Sind sich ausbildende Ärzt:innen dessen bewusst, können sie die Student:innen darauf vorbereiten und sie emotional unterstützen.

Die Inhaltsanalyse der Protokolle bestätigt das in der Literatur beschriebene Abnehmen von Stressempfinden über die Kursdauer. Dies führt zur Annahme, dass übertragen auf den klinischen Alltag, Stress und Ekel auch dort vermehrt zu Beginn auftreten.

Kliniker:innen können Studierende vorab über das Auftreten solcher Reaktionen informieren, damit sie in der Lage sind, sich besser darauf einzustellen. Darüber hinaus kann es zur emotionalen Stärkung beitragen, wenn sie eigene Erfahrungen mit den Student:innen teilen.

Protektive Faktoren

Die Aufzeichnungen der Kursteilnehmer:innen verdeutlichen, dass die Supervision durch Lehrende und Tutor:innen nicht nur eine fachliche, sondern auch eine wichtige emotionale Unterstützung im Sezierkurs darstellt (siehe Abb. 2). Daraus lässt sich für den klinischen Kontext ableiten, dass Auszubildende im Krankenhaus ebenfalls von Supervision profitieren können. Gegenwärtig stellen die ausbildenden Ärzt:innen selbst die einzige Möglichkeit zur zeitnahen Reflexion in bzw. nach Grenzsituationen dar. Lässt die personelle oder örtliche Situation dies nicht zu, ist es sinnvoll, Studierende auf andere Optionen der Supervision hinzuweisen.

Abb. 2
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Prozentuale Häufigkeit der Protokolleinträge (2018 und 2020) zu Schutzfaktoren und Bewältigungsstrategien. (KS Körperspende. Bild: © S. Karis: Psycho-Emotional Key Responses of Third Year Medical Students to Whole Body Dissection – a Qualitative Content Analysis, S. Karis 2022)

Studierende profitieren maßgeblich von Supervision

Weiters empfinden viele Kursteilnehmer:innen eine langsame Enthüllung der Körperspende zu Beginn des Sezierkurses als hilfreich. Die Konfrontation mit der zerlegten Körperspende in der Mitte des Kursverlaufs wurde dagegen von der Mehrheit der Studierenden als belastend bis schockierend wahrgenommen. Es bestätigte sich außerdem, dass Vorerfahrungen einen emotionalen Schutz bieten können. Abhängig vom Grad der Erfahrung der Student:innen ist es ratsam, sie individuell auf behutsame Weise an die neuen anspruchsvollen Eindrücke heranzuführen.

Handlungsalternativen, wie beispielsweise einen Schritt zurückzutreten oder Überforderung zu äußern, können emotional unterstützen. Den Raum dafür zu schaffen, liegt in der Verantwortung der Ausbildungsärzt:innen.

Persönlicher Bezug

Etliche Kursteilnehmer:innen protokollierten den Wunsch nach weiterführenden Informationen über die Körperspenden. Ihr Interesse galt vor allem der Krankheitsgeschichte und der Todesursache, aber auch persönlichen Details. Es traten beispielsweise Fragen nach Beruf und Herkunft auf, bis hin zu Überlegungen zum Verlauf der letzten Tage der Spender:innen und ob diese möglicherweise gelitten haben. Die Protokolle offenbaren Fantasien der Kursteilnehmenden über Namen, Lebensgeschichten und Eigenschaften der Verstorbenen. Folgende anonymisierte Zitate verdeutlichen dies. „Zusätzlich haben wir unserer Körperspende einen Namen gegeben, um einen gewissen Bezug zur Menschlichkeit zu bewahren“, schrieb ein:e Student:in. Ein weiteres Zitat lautet: „Danke (fiktiver Name wurde von der Autorin entfernt), dass wir durch dich so viel lernen durften!“ Die Häufigkeit solcher Einträge spiegelt die Angaben zum Phänomen der Namensgebung in der Literatur wider. Demnach versieht der Großteil der Student:innen die Körperspenden mit ausgedachten Namen. Dies fungiert als wesentlicher Bewältigungsmechanismus im Umgang mit den anonymen Körpern. Außerdem hilft es den Studierenden, die Körperspenden als fiktive Patient:innen wahrzunehmen, um sich auf die medizinische Praxis vorzubereiten.

Im Gegensatz zum Sezierkurs besteht in der Klinik die Möglichkeit, durch gründliche Anamnese ausreichend medizinische und psychosoziale Details zu erfahren, um einen persönlichen Bezug zu Patient:innen herzustellen. Durch die Sichtung der Vorbefunde lässt sich die Patientengeschichte außerdem um einen Längsschnitt erweitern. Bei der Anamneseerhebung sowie dem Umgang mit Datenbanken besitzen die Kliniker:innen eine wichtige Vorbildfunktion.

Zeit für Verarbeitung

Im Sezierkurs findet am Ende jedes Monats eine Gruppenreflexion sowie zweimal im Jahr ein Reflexionsseminar statt. Die Studierenden empfanden diese Gelegenheiten als wertvolle und hilfreiche Unterstützung bei der emotionalen Verarbeitung des Erlebten. Zudem wird am Ende des Kurses eine Abschiedsfeier abgehalten. Ein großer Teil der Protokolle verdeutlicht die wichtige Rolle dieser Veranstaltungen, um Erlebtes loszulassen.

In der Klinik werden Mediziner:innen in Ausbildung häufig mit Grenzsituationen, wie dem Ableben von Patient:innen konfrontiert. In solchen Fällen ist es ratsam, eine Pause einzulegen, anstatt das Programm umgehend fortzusetzen. Somit haben die angehenden Ärzt:innen Zeit zum Austausch oder die Möglichkeit, sich kurz von der Situation zu distanzieren. Diese Phase schafft für die Auszubildenden einen Raum für die Verarbeitung und Reflexion ihrer Gefühle.

Fazit für die Praxis

  • Durch Informieren über psychoemotionale Belastung in Grenzsituationen und Teilen eigener Erfahrungen können Klinikärzt:innen Studierende emotional unterstützen.

  • Die Studierenden sollten regelmäßig auf das bestehende Angebot zur Supervision in der Klinik hingewiesen werden.

  • Ein sorgfältiger Umgang mit neuen, herausfordernden Eindrücken ist ein wesentlicher Schutzfaktor, insbesondere für unerfahrene Studierende.

  • Eine umfassende Anamnese schafft einen persönlichen Bezug und hilft bei der emotionalen Verarbeitung von Schicksalen.

  • Nach Grenzsituationen, wie beispielsweise einem Todesfall, benötigen Studierende Zeit und Raum für die emotionale Verarbeitung und Reflexion.