Sich nachhaltigen und innovativen Ideen zur Hygiene zu öffnen, ist in Zeiten der Pandemie — und dem alles beherrschenden Wunsch nach unbedingtem Schutz vor Viren — gar nicht so einfach. Die Position der Pflege als größter Berufsgruppe im Gesundheitswesen zum Thema Nachhaltigkeit in Sachen Hygiene spielt eine wichtige Rolle. Es wird einige Herausforderungen zu meistern geben.

Gespräche mit Klinikpersonal und Mitarbeitenden aus Pflegeeinrichtungen in den vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es zurzeit kein zentraleres Thema gibt, als das COVID 19-Virus aus den Einrichtungen fernzuhalten. Aber auch in der Bevölkerung ist das Hygienebewusstsein deutlich gestiegen. Das zeigt auch eine deutschlandweite, repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag der Bundeszahnärztekammer (BZäK). Seit Corona gaben 92 Prozent der Befragten an, „voll und ganz“ oder „eher“ auf die Einhaltung der Hygieneregeln zu achten, und 95 Prozent räumen der Hygiene im Alltag einen hohen Stellenwert ein. Bei 86 Prozent der Befragten ist das Hygienebewusstsein höher als vor der Pandemie und gut drei Viertel gehen davon aus, dass sie die erhöhten Hygienestandards auch beibehalten werden, wenn die Pandemie vorbei ist. Hygiene ist das A und O und die Angst vor Ansteckung mit Viren, Keimen und Bakterien bleibt für Personal und Patienten gleichermaßen — auch unabhängig von Corona — bestehen.

Die Einführung eines nachhaltigen Hygienemanagements scheint deshalb für Kliniken und Pflegeinrichtungen derzeit eine eher unerwünschte Gratwanderung zwischen Umweltschutz und Hygienestandards zu sein. Einige nachhaltige Beispiele zeigen, wie Krankenhäuser den Hygieneanforderungen auch unter dem Aspekt des Umweltschutzes standhalten können.

Weniger ist mehr

Das Universitätsklinikum Freiburg, mit seiner Kommission Umwelt und Nachhaltigkeit, setzt sich Photo: © [M] alfa27 / stock.adobe.com Den Umweltschutz immer im Fokus Nachhaltiges Hygienemanagement in Zeiten der Pandemie bereits seit 2008 für den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen ein. Dabei wurden auch nachhaltige Produkte und Prozesse im Themenspektrum Hygiene umgesetzt. So arbeiten die Klinikwäscherei und die Krankenhausküchen mit chlorfreier Reinigungschemie. Die Hausreinigung verzichtet überall dort auf Desinfektionsmittel, wo diese nach Vorgabe der Krankenhaushygiene unnötig sind. Außerdem hat man am Klinikum farb- und duftstofffreie Händedesinfektionsmittel und Handseifen entwickelt, die sich mittlerweile am Markt etabliert haben. (uniklinik-freiburg.de)

Das Immanuel Krankenhaus Berlin und das Immanuel Seniorenzentrum Schöneberg sind 2019 erneut mit dem „Clean & Green“ Zertifikat für umweltschonende Reinigung ausgezeichnet worden. In den Häusern werden Reinigungsprodukte auf ökologischer Basis genutzt, ohne dadurch den Reinigungsgrad zu reduzieren oder hygienische Standards zu beeinträchtigen. Beide Einrichtungen sind bereits zum zweiten Mal rezertifiziert worden. 2014 haben sie die Reinigung in einem speziell zugeschnittenen Maßnahmenkatalog auf „Ecolabel Produkte“ umgestellt. Prozesse wurden ökologisch optimiert und Arbeitsroutinen überarbeitet. Das heißt auch, dass überall dort, wo nicht desinfiziert werden muss, umweltschonende Reiniger mit ökolabel verwendet werden.

Das Siegel steht für eine besonders umweltbewusst durchgeführte und nachhaltig organisierte Reinigungs-Systemdienstleistung unter größtmöglichem Verzicht auf vermeidbare Umweltbelastungen. Dazu nutzen die Reinigungskräfte emissions- und verbrauchsarme Geräte und verwenden Hochkonzentrate und Dosiersysteme, um unnötigen Ressourcenverbrauch zu vermeiden. Außerdem sind sie in logistische und arbeitsorganisatorische Prozesse eingebunden. Beim „Clean & Green“-Konzept stehen Sauberkeit und Werterhalt sowie Umweltschutz und Ressourcenschonung gleichberechtigt nebeneinander. (ruedersdorf.immanuel.de)

Schon beim Einkauf auf Nachhaltigkeit achten

Wer bereits beim Einkauf auf nachhaltige Produkte achtet, fördert deren Nachfrage und ermuntert damit andere Hersteller, nachzuziehen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn es sich um häufig verwendete Verbrauchsmaterialien handelt. Die TZMO Gruppe beispielsweise, Hersteller und Vertreiber von Inkontinenz- und Körperpflegeprodukten, sowie Medizinprodukten und Hygieneartikeln, hat Ziele für ein Klimaschutzprogramm festgelegt, das einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit Ressourcen vorsieht. Der Umwelt zuliebe setzt das Unternehmen auf Recycling und optimiert sein Abfallmanagement sowie die gesamte Produktionskette. (tzmo.de)

Gut gebettet

Um in Sachen ökologie und sozialer Verantwortung ein Zeichen zu setzen, haben einige Unternehmen des Gesundheitswesens auf nachhaltige Textilien umgestellt. Ende 2019 hat bereits das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck entschieden, das gesamte Haus auf Bettwäsche umzustellen, die mit dem staatlichen Textilsiegel Grüner Knopf zertifiziert ist. Der Grüne Knopf verbindet erstmals als staatliches Siegel Anforderungen an Textilien und an das Unternehmen, das diese herstellt. Nur wenn das Produkt und das Unternehmen alle Anforderungen einhalten, wird der Grüne Knopf vergeben. Das Unternehmen „als Ganzes“ muss anhand von 20 Kriterien seine menschenrechtliche, soziale und ökologische Verantwortung nachweisen. Und für das jeweilige Produkt müssen zudem 26 soziale und ökologische Kriterien eingehalten werden — von A wie Abwassergrenzwerte bis Z wie Zwangsarbeitsverbot. Seit September 2020 setzen auch die Diakonie Deutschland und der Deutsche Caritasverband auf nachhaltige Textilien mit dem Grünen Knopf. Zusammen sind sie die größten Textilbeschaffer in Deutschland — außerhalb der öffentlichen Hand. Allein für die 2,2 Millionen Betten und Plätze in den 56.000 Einrichtungen werden riesige Mengen an Bettwäsche benötigt. gruener-knopf.de

Einweg oder Mehrweg im OP

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, hygienisch einwandfreie Einwegartikel als OP-Besteck zu nutzen und diese nach Gebrauch zu entsorgen oder Mehrweg- Besteck zu verwenden, welches nach Gebrauch gereinigt und sterilisiert werden muss. Die Aufbereitung ist zeit- und kostenintensiv und birgt eine hohe Verantwortung. Denn nicht ordnungsgemäß gereinigte, wiederaufbereitete Instrumente stellen eine nicht unerhebliche Gefahr für die Patienten dar. Einweginstrumente werden hingegen sterilisiert und einzeln verpackt geliefert. Sie sind für den einmaligen Gebrauch bestimmt und werden dann entsorgt, was aber aus ökologischer Sicht fragwürdig ist. Viele Kliniken — zum Beispiel das Leipziger Klinikum St. Georg — wollen klimaschonender wirtschaften. Hier wurden die Aufbereitungsprozesse entsprechend optimiert und im OP wird fortan nur Mehrweg-Besteck verwendet. Der Einsatz von Einwegbesteck wurde analysiert und man sei zu dem Ergebnis gekommen, dass dieser auf Dauer sogar kostenintensiver und von geringerer Qualität sei. (abfallmanager-medizin.de)

Ergänzend dazu gibt es weitere Mehrwegprodukte im Sektor OP-Textilien. Speziell OP-Textilien, wie Abdecktücher und Mäntel, zeigen eine eindeutig bessere Bewertung bei den wesentlichen Nachhaltigkeits- und Umweltschutzkriterien als Einweg-Produkte. So hat es auch ein umfassendes Life Cycle Assessment für OP-Abdecktücher und chirurgische Tapes, durchgeführt vom renommierten Environmental Clarity Inc. Institut, bescheinigt. Demnach verursachen Mehrweg OP-Abdecktücher um 80,2 Prozent weniger Abfall, 61,5 Prozent weniger Wasserverbrauch und einen um 38,2 Prozent geringeren Energieverbrauch. (recyclingportal.eu) Die Diskussion hinsichtlich Einmal- und Mehrfachprodukten ist freilich noch nicht abgeschlossen.

Position der Jungen ärzte

Auch das Bündnis Junge ärzte (BJä) setzt sich in seinem Positionspapier für die Umsetzung von Klimaschutzzielen und mehr Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen ein. Ihr Sprecher, Max Tischler, erklärte (im Interview) mit Springer Medizin in Deutschland, dass Hygienevorgaben für Praxen und Kliniken umsetzbar gestaltet sein müssen. Eine Alternative bei zunehmend überbordender Bürokratie und Hygieneanforderungen könnten deshalb Verbundund Kooperationsstrukturen darstellen, so dass zum Beispiel Sterilgut aus allen Hautarztpraxen einer Stadt in einer Klinik aufbereitet werden könnten. Ein Beispiel, das auch in Kooperationen von Klinikstandorten und Pflegeeinrichtungen ein nachhaltiges Hygienemanagement erleichtern könnte. (buendnisjungeaerzte.org/)

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Bettwäsche, deren Qualität und Aufbereitung sind genauso ein Faktor des Umweltbewusstseins, wie Abfall und umweltschonende Reinigungsmittel.

Photo: © Joeahead / stock.adobe.com

Eine Prognose wagen

Der Umstieg auf nachhaltige Produkte und die Einführung nachhaltiger Prozesse kann Herausforderungen und Chancen mit sich bringen. Während ökologische Baumaßnahmen und die Umstellung auf Elektro-Fuhrparks mit erheblichen Kosten verbunden sind, ist die Umstellung einzelner Lebensmittel auf Bio-Qualität und das Ausprobieren neuer Rezepte vielleicht etwas weniger aufwändig und schneller umsetzbar. Die größte Hürde ist derzeit aber sicherlich, neue, nachhaltigere Wege in Sachen Hygiene einzuschlagen. Dafür bedarf es vermutlich etwas mehr Mut als für andere Themen.

Das Ziel des „Green Hospital“ im umfassenden Sinn wird das Gesundheitssystem künftig noch intensiver beschäftigen — PROCARE wird sich dem Thema daher auch weiterhin widmen und Konzepte und Beispiele präsentieren. Wir freuen uns auch über Beiträge über gelungene Projekte oder geplante Maßnahmen! Schreiben Sie uns: verena.kienast@springer.at.

Dieser Beitrag wurde in unserer deutschen Schwesterzeitschrift PFLEGE Zeitschrift 5.2021 erstpubliziert.