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Pädiatrie & Pädologie

, Volume 53, Issue 2, pp 53–53 | Cite as

Geist und Körper sind eins

Wenn ein Säugling Hunger hat, hat er nicht Hunger: er IST Hunger
  • Peter Scheer
Editorial

Body and Mind as One

A Hungry Baby is Not HUNGRY: it is HUNGER

Wir Kinderärzte1 haben es leicht, zwischen Geist und Körper nicht zu spalten. Denn, wenn ein Säugling Hunger hat, dann hat er nicht Hunger. Er ist Hunger. Das Kind schreit, weint und ist in keiner Weise dasselbe, wie wenn es satt und zufrieden ist. Noch klarer und stärker ist das bei Schmerz: Im Gegensatz zum erwachsenen Menschen kann das Kind den Schmerz nicht lokalisieren. Dieses Phänomen, dem man den Namen Allodynie gegeben hat, beschreibt eine Situation, in der das Kind Schmerz wird. Es kann (ebenso wie der alte Mensch) nicht spüren, wo und wie es schmerzt. Der Schmerz übernimmt den ganzen Menschen, die Vernunft (so schon vorhanden) wird ausgeschaltet. Deshalb schmunzeln wir, wenn wir Mütter oder Väter sagen hören: Wo tut’s Dir weh? Viele andere Situationen, wie Affektkrämpfe oder unbändiger Zorn, zeigen, dass das Kind der Wortschöpfung Psychosomatik Hohn lacht: Es ist immer das, was es im Moment ist.

Philosophen und manche psychotherapeutischen Ansätze betrachten das Hier-und-Jetzt-in-der-Welt-Sein als erstrebenswertes Ziel. Leider wird der Mensch, der dieses Ziel erreicht, ahistorisch und unpolitisch.

Zum vorliegenden Heft

In der Medizin zeigen Phänomene, wie ein Kind sein kann: Das Gefühl, mit einem falschen Geschlecht geboren worden zu sein, überrascht in seiner Totalität. Will man mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen arbeiten, so sind gesellschaftliche Normen und dieses Gefühl unter einen Hut zu bringen. Manche Gesellschaften bewegen sich schneller und geben den Kindern mehr Möglichkeiten. In anderen Gesellschaften ist gleichgeschlechtliche Liebe sogar heute noch mit dem Tod bedroht. Kinder mit Transidentität werden dort zur Anpassung gezwungen. Der Beitrag von Stefan Riedl hilft, Betroffene zu verstehen und ihnen ein gesundes Leben zu ermöglichen.

Das Gebiet der Schlafstörungen umfasst viele Fragen: Reagieren die Eltern falsch, wenn ihre Kinder aufwachen? Ist es die Schuld der Eltern, wenn Kinder nachts wach werden? Soll man Verhaltenstherapie empfehlen oder einfach liebevoll auf das Kind eingehen? Ist Übersiedlung des Kindes ins elterliche Bett angezeigt? Werner Sauseng gibt Anleitung zur Elternberatung, die bei Schlafstörungen nötig ist.

Keine Frage: Erleben Kinder psychische Verletzungen, so ist Therapie angezeigt. Sie dient der Verarbeitung, sodass möglichst wenig Narben zurück bleiben. Die Diskussion über richtiges Vorgehen geht von Durchhalten bis zur eingehenden Psychotherapie. Andreas Krüger nimmt von kompetenter Seite dazu Stellung und verwendet ein Konzept, das zu verstehen und anzunehmen möglich sein könnte.

Im eigenen Beitrag versuche ich, die Last der täglichen Arbeit in einer kinderärztlichen Ordination leichter bewältigbar zu machen. Ein bisschen habe ich – so sagte mir ein Kollege – wie ein Blinder von der Farbe geschrieben. Denn die Krankheit des Kindes reißt alle Mauern nieder: Bestellsysteme und Praxisabläufe. Doch ganz so stimmt das nicht. Ob wir unser Leben steuern oder das Heft aus der Hand geben, ist die Entscheidung eines und einer Jeden.

Fortbildung und Austausch

Dieses Heft liegt in der schönen Südsteiermark bei der pädiatrischen Fortbildung 2018 im Schloss Seggau auf. Die Veranstaltung Pädiatrischer Frühling ist seit Jahren sehr beliebt, denn Fortbildung und Austausch sind die beste Vorbeugung gegen Erschöpfung und Verdruss. Die vorbereiteten Kollegen können Anforderungen kompetent begegnen. Dass Fortbildung auf bestem Niveau in schöner Umgebung möglich ist und bleibt, dafür ist Wilhelm Müller und Reinhold Kerbl zu danken, die sich damit um die österreichische Kinder- und Jugendheilkunde weitere Verdienste erwerben.

Fußnoten

  1. 1.

    Alle Ausdrücke gelten gleichermaßen für Frauen und Männer. Mein einziger Versuch in dieser Zeitschrift alle genderspezifischen Ausdrücke in der weiblichen Form anzugeben, wurde mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Die Zeichenanzahl empfiehlt daher diese Art des Ausdrucks und eine Fußnote.

Notes

Interessenkonflikt

P. Scheer gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.GrazÖsterreich

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