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Medizin- und Pflegeethik in den Medien

Anlässlich der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin 2022 in Frankfurt/M.

Medizin- und pflegeethische Themen spielen nicht nur im Alltag von Krankenhäusern, Pflegeheimen und in der ambulanten Versorgung eine Rolle, sondern bestimmen auch zunehmend die Diskussion in der medialen Öffentlichkeit. Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie wurden viele Bürgerinnen und Bürger durch Fernsehbeiträge, Radiosendungen, Zeitungsartikel, Podcasts und Social Media hineingenommen in aktuelle ethische Kontroversen. Was bisher vor allem in Expert:innenkreisen diskutiert wurde, bestimmte nun Talkshows, Radiosendungen, Chats und Online-Formate. Es wurde gestritten um die gerechte Verteilung knapper (Impfstoff)Ressourcen, die Vertretbarkeit von Besuchsbeschränkungen in Alten- und Pflegeheimen und nicht zuletzt um die Zulässigkeit einer staatlich verordneten allgemeinen Impfpflicht.

Derartige „Wellenbewegungen“ in Hinblick auf die Präsenz gesundheitspolitischer Themen in den Medien sind schon lange zu beobachten. Am Anfang stehen häufig spektakuläre Ereignisse (wie die erste Herztransplantation) oder gesundheitliche Bedrohungen (wie eine Pandemie) oder eine weitreichende rechtliche Entscheidung (wie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur „Suizidhilfe“), bevor sie durch andere aktuelle Ereignisse – wie den Krieg in der Ukraine – wieder in den Hintergrund gedrängt werden.

Zweifellos hat die mehr als zweieinhalb Jahre andauernde Corona-Pandemie den damit verbundenen medizinethischen Kontroversen – gerade auch wegen den konkreten Auswirkungen auf nahezu alle Teile der Bevölkerung – eine enorme Aufmerksamkeit beschert. Nie zuvor sind so viele Ethiker:innen in Talkshows zu Wort gekommen, wurden gesundheitspolitisch relevante Pressekonferenzen so oft live übertragen, waren so viele Interviews und Stellungnahmen zu ethischen Fragestellungen zu lesen und zu hören. Und zugleich lässt sich nüchtern festhalten: Der Umgang mit den Medien war und ist für viele Professionelle aus dem Bereich der Medizin- und Pflegeethik ein relativ neues und eher unvertrautes Terrain. Ebensowenig wie Expert:innen aus medizinischen Fachgebieten (etwa der Intensivmedizin oder Virologie) lernen auch Medizin- und Pflegeethiker:innen „automatisch“ weder den Einsatz von Medien zu didaktischen Zwecken noch den professionellen Umgang mit den Medien. Doch wer sich öffentlich äußert, muss dafür Verantwortung übernehmen.

Bei der diesjährigen AEM-Jahrestagung wollen wir das Thema „Medizin- und Pflegeethik in den Medien“ weit gefasst betrachten. Es geht um Wissenschaftskommunikation, es geht um die Frage, wie ethische Aspekte in den gesellschaftlichen und medialen Diskurs eingebracht werden können und um die Herausforderung, dass – je nach Medium – höchst unterschiedliche Ausdrucksformen gefunden werden müssen, um ethische Themen zu vermitteln, denn jedes Medium hat seine eigenen Gesetze. Wie kann es hier gelingen, medizin- und pflegeethische Themen angemessen und verständlich einzubringen? Und was ist das Ziel der Botschaft? Soll für die ethische Problematik sensibilisiert werden? Soll die individuelle Meinungsbildung hilfreich unterstützt werden? Soll eine Antwort gegeben bzw. ein Lösungsweg vorgeschlagen werden? Dahinter stehen normative Aspekte, die es zu reflektieren gilt.

Die diesjährige AEM-Jahrestagung wird sich mit diesen spannenden Verbindungen von Medizin, Pflege, Ethik und Medien beschäftigen. So wird es um die Frage der Fortbildung und Lehre gehen: Wie lassen sich Medien in Unterricht und Fortbildungen so einsetzen, dass sie die Auseinandersetzung über medizin- und pflegeethische Fragen bereichern und hilfreich unterstützen? Es geht um nichts Geringeres als um die Frage, wie Medienkompetenz erlangt und vermittelt werden kann. Welche ethische Brisanz steckt beispielsweise in medial vermittelten Bildern von Krankheit, Behinderung, Alter und Lebenskonzepten und was bedeutet in diesem Zusammenhang die ethische Verantwortung der Medien?

Da bei der Tagung auch Medienschaffende und Medienwissenschaftler:innen eingebunden sind, wird es interessant sein zu diskutieren, welche unterschiedlichen Zielsetzungen die jeweils Beteiligten verfolgen und wie „Wissenschaftskommunikation in den Medien“ gelingen kann. Welche normativen Aspekte müssen bedacht werden, wenn sich Medizin- und Pflegeethiker:innen in den Medien äußern? Kann dabei gegenüber dem Publikum ein gemeinsamer Konsens vorausgesetzt werden oder müssen in einer pluralistischen Gesellschaft die eigenen ethischen Grundpositionen nicht vielmehr stets aufs Neue offengelegt und erläutert werden, weil ein solcher Konsens nicht (mehr) existiert? Welche Chancen und Risiken sind mit Chat-Plattformen, Online-Angeboten und Telemedizin verbunden, wenn hier medizin- und pflegeethische Themen verhandelt werden? Und nicht zuletzt: Wie gelingt es in den Medien die Spannung zu halten zwischen seriöser Wissenschaft, ethischer Expertise, Entertainment und Erfolgsquote bzw. Verkaufszahlen? Sind medizin- und pflegeethische Themen aus Sicht der Medien (garantierte) Quotenbringer?

Dies alles sind gute Gründe, Ende September nach Frankfurt zu kommen. Die Vielzahl der eingereichten Beiträge deutet darauf hin, dass wir uns mit einem wichtigen Themenfeld beschäftigen, das der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bedarf. So ist dem interdisziplinär zusammengesetzten wissenschaftlichen Beirat schon jetzt zu danken, dass es ihm gelungen ist, im Rahmen eines anonymisierten Auswahlverfahrens der eingereichten Beiträge ein abwechslungsreiches und spannendes Programm zusammenzustellen, das allen Teilnehmer:innen bereichernde Einsichten verspricht. Danke an dieser Stelle auch den Kooperationspartnern, ohne deren Unterstützung die Durchführung der Tagung nicht möglich wäre, allen voran der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), dem Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach, der Evangelischen Akademie Frankfurt, der Katholischen Akademie Frankfurt (Haus am Dom), dem Dr. Senckenbergischen Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Goethe Universität Frankfurt am Main und dem Gesundheitskonzern AGAPLESION gAG.

Im Namen des Vorbereitungsteams freue ich mich, Sie bei der AEM-Jahrestagung 2022 in Frankfurt begrüßen zu dürfen!

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Schmidt, K.W. Medizin- und Pflegeethik in den Medien. Ethik Med 34, 141–143 (2022). https://doi.org/10.1007/s00481-022-00706-w

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