Nikil Murerji, Adiano Mannino (2020) Covid-19: Was in der Krise zählt – Über Philosophie in Echtzeit

Reclam, Stuttgart, 120 Seiten, 6,00 €, ISBN 978-3-15-014053-6

Der von Murerji und Mannino binnen einer Woche im April 2020 niedergeschriebene Essay zu aktuellen ethischen Herausforderungen der Covid-19 Pandemie ist von höchst aktueller Relevanz. Unter akutem Zeitdruck handlungsrelevante Entscheidungen zu treffen, verlangt, so die zentrale These der Autoren, eine eigene Begründungslogik – eine „Philosophie in Echtzeit“: Denn man kann weder davon ausgehen, über alles notwendige empirische Wissen zu verfügen, noch davon, in Ruhe Argumente abwägen zu können. Wie kann man damit ethisch verantwortlich umgehen?

Nach einer kurzen Einleitung (Kap. I), fragen die Autoren erstens nach den Präventionsmöglichkeiten vor dem Eintritt der Katastrophe (Kap. II), zweitens nach einem ethisch vertretbaren Umgang mit der eingetretenen Katastrophe (Kap. III), und drittens nach den Lehren, die man aus der Katastrophe ziehen muss (Kap. IV). Zu den aufschlussreichen Aspekten gehört dabei, dass die Ausführungen für den Rezensenten von Kapitel zu Kapitel weniger nachvollziehbar werden. Das dürfte mit der Logik des für den Essay grundlegenden Prinzips der Risikoabsicherung („Hedging“) zusammenhängen: In Situationen unzureichenden Wissens geht es demzufolge darum, das Schadensausmaß für den (möglicherweise unwahrscheinlichen) bad-case zu erheben. Dieses Schadensausmaß gilt es dann gegenüber den „Kosten“ zu gewichten, die sich aus den Maßnahmen ergeben, die diesen bad-case verhindern sollen (S. 11 f.).

Es handelt sich dabei also um ein Nutzen- und Risikokalkül auf der Grundlage von Abschätzungen. Das führt dann zu Problemen, wenn es um die detaillierte Quantifizierung von Kosten und Gewinnen und deren Verrechnung geht. Es funktioniert aber gut für Situationen, in denen ein extremes Schadensszenario gegenüber geringen Opportunitätskosten zu gewichten ist. Das ist bei COVID-19 mit Blick auf die Prävention der Pandemie offensichtlich der Fall, wie die Autoren detailliert ausführen: Das Risiko der pandemischen Ausbreitung und der damit einhergehenden Überlastung des Gesundheitssystems lässt sich leicht nachvollziehbar berechnen. Die Fakten diesbezüglich sind bereits seit Jahren bekannt, und die Hinweise auf eine pandemische Gefahr durch SARS-Cov‑2 waren frühzeitig gegeben. Die Kosten für einfache Maßnahmen hingegen, wie das Tragen von Mund-Nasen-Schutz und das Einhalten von Hygienestandards, erscheinen demgegenüber relativ gering, so dass die Autoren auf der Grundlage des Hedging-Prinzips nachvollziehbar argumentieren, dass man in Deutschland schon deutlich früher präventiv hätte handeln müssen, um Leben zu schützen, auch wenn nicht klar war, ob und inwieweit diese Maßnahmen wirklich helfen. Zu den Stärken des Essays gehört, dass die Autoren auch danach fragen, wie erklärt werden kann, dass z. T. selbst Expert*innen die absehbare Entwicklung prominent falsch eingeschätzt haben. Ausgiebig werden Einseitigkeitsfehlschlüsse aufgrund mangelnder Vorstellungskraft und die daraus resultierenden sozialepistemiologischen und ethischen Fragen einer Expertenkultur diskutiert.

Unter der Überschrift „Wege aus dem Shutdown“ diskutieren die Autoren dann in Kap. III drei Modelle, die Julian Nida-Rümelin in die Diskussion eingeführt hat: (a) Delay, (b) Containment und (c) Cocooning. Während (a) auf eine langsame „Durchseuchung“ der Gesellschaft zum Zweck des Aufbaus einer Herdenimmunität zielt, geht es bei (b) darum, die epidemiologische Ausbreitung durch eine niedrige Reproduktionsrate zu beenden. Strategie (c) zielt darauf, dass „junge und nicht vorerkrankte Menschen“ (S. 77) wieder zum normalen Leben zurückkehren, während „Risikogruppen […] bestmöglich vor Infektionsrisiken geschützt werden“ (S. 77). Offen bleibt bei (c) aber, welche Maßnahmen genau für die Risikogruppen getroffen werden sollen. Die Autoren argumentieren, dass unter Anwendung des Hedging-Prinzips Strategie (c) die angemessenste Wahl sei. Die hier präsentierte Argumentation dürfte auch Kritik hervorrufen. Schon die Annahme, dass man die Personen der Risikogruppen schützen könne, ohne paternalistischen Zwang auszuüben (S. 80), scheint fraglich. Aus dem Blick geraten aber vor allem die „Kosten“ dieser Strategie. Um diese zu beziffern, müssten konkrete Maßnahmen zur Realisierung der Strategie benannt werden: Geht es darum, Personen in den Risikogruppen weiterhin zu isolieren – z. B. durch Kontaktbeschränkungen für Menschen in Pflegeeinrichtungen? Oder geht es um ein besonders intensives Monitoring und besonders umfangreiche Hygienemaßnahmen – z. B. durch die besonders gute Ausstattung von Pflegeeinrichtungen mit Schutzkleidung? Während letztes eine sicher unbestritten sinnvolle Priorisierungsmaßnahme darstellt, hätte erstes erhebliche sozial-psychologische und gesundheitliche Kosten nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für deren Angehörige und damit für die gesamte Gesellschaft, die von den Autoren aber nicht diskutiert werden. Die Gefahr einer Segregierung der Gesellschaft in unterschiedliche Gruppen und die sozial-psychologischen und auch gesundheitlichen Kosten der Isolierung von alten und vorerkrankten Personen sind schwer zu beziffern, denn es liegen bisher kaum valide Zahlen dazu vor. Nähme man hier aber ein bad-case-Szenario an, könnten diese „Kosten“ den Nutzen einer cocooning-Strategie durchaus aufwiegen, so dass man, anders als die Autoren, auch zu dem Ergebnis kommen kann, dass Strategie (b) vorzuziehen sei.

Das Prinzip der Risikoabsicherung kommt hier schlicht dadurch an Grenzen, dass die Abschätzung von „Kosten“ und „Nutzen“ in Ermangelung konkreter Zahlen sehr unterschiedlich ausfallen kann und die Plausibilitäten eben nicht mehr eindeutig sind. Zudem legt sich aus deontologischer Perspektive die Frage nahe, ob grundlegende Rechte wie Inklusion und Teilhabe überhaupt zum Gegenstand einer (im Kern utilitaristischen) Risikoabwägung werden dürfen. Diese Probleme verschärfen sich im letzten Kapitel (IV), wenn Lehren aus der Krise gezogen werden: Sicher kann und muss man die Lehre ziehen, besser auf die nächste Pandemie vorbereitet zu sein. Ob und inwieweit man aus den Erfahrungen der Pandemie Lehren für den Umgang mit dem Klimawandel und Künstlicher Intelligenz ziehen kann, bedürfte aber einer ausführlicheren Abwägung, für die man sich nicht allein am Hedging-Prinzip wird orientieren können. Für akute Krisenentscheidung zeigt der Essay wichtige Perspektiven auf: Wo aber die Krise beginnt bzw. endet und wie sich Entscheidungsverfahren in Krisenzeiten zu Entscheidungsverfahren außerhalb der Krise verhalten – wo also die Grenzen des Hedging liegen –, bleibt offen.

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Coors, M. Nikil Murerji, Adiano Mannino (2020) Covid-19: Was in der Krise zählt – Über Philosophie in Echtzeit. Ethik Med 32, 297–299 (2020). https://doi.org/10.1007/s00481-020-00594-y

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