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Editorial: Migration und interkulturelle Begegnungen

Interkulturelle Begegnungen im psychotherapeutischen Behandlungszimmer gehen über ein psychoanalytisches Interview mit der Erfahrung und Reflexion von Übertragung und Gegenübertragung hinaus. Sie berühren soziale und kulturelle Aspekte, die vorrangig in Nachbardisziplinen wie der Soziologie und den Kulturwissenschaften verhandelt und erforscht werden. Mit dem Konzept des sozialen Unbewussten (Hopper 2002, Erdheim 1984) werden sie auch für die Psychoanalyse angemessen erfasst.

Diese Erfahrung macht man immer wieder neu in der klinischen psychoanalytischen Arbeit mit Patienten aus anderen kulturellen Zusammenhängen. Wir stoßen dabei auf gesamtgesellschaftliche Themen und Prozesse, mit denen wir uns zwangsläufig auseinandersetzen müssen, um Fragen und Schwierigkeiten unserer interkulturellen Arbeit besser verstehen zu können. Dadurch öffnet sich allmählich der Raum von der klinischen Perspektive hin zu sozialpsychologischen und kulturtheoretischen Diskursen und Konzepten.

Dieser Spannungsbogen von der individuellen Biografie hin zu öffentlichen und gesellschaftlichen Aspekten ist charakteristisch für die Arbeit mit Migranten. Er spiegelt sich in den drei in diesem Heft vorgestellten Arbeiten mit Patienten mit einem Migrationshintergrund wider. Bernd Heimerl beschäftigt sich in seinem Artikel mit der klinischen Behandlungssituation als kulturellem Übersetzungsraum und zieht Parallelen zwischen literarischer und psychoanalytischer Übersetzungsarbeit. Francilene Oliveira-Kämmerling und Theo von der Marwitz nehmen die kulturelle Verschiedenheit im Prozess der Bemutterung am Beispiel von Nannys und Au-pair-Mädchen auf und diskutieren die postkolonialen Identitäten, die hierdurch mitgeformt wurden. Sie beschreiben Chancen und Gefährdungen außerfamiliärer Betreuung und verweisen auf einen (kulturbedingten?) blinden Fleck in der Psychoanalyse. Christiane Bakhit beschreibt an einem Fallbeispiel, wie sich Therapeuten und Patienten in transkulturellen Behandlungen infrage stellen (lassen) müssen, um zwischen beiden eine Begegnung im Sinne einer „zweiten Individuation“ (Akhtar 2014) entstehen zu lassen.

Die Arbeiten stammen aus der Arbeitsgemeinschaft zur Migration der DPG, die sich in diesem Heft mit dem Schwerpunktthema Migration vorstellt. Sie wurde 2007 gegründet und hält seit 2015 regelmäßig Konferenzen und informelle Arbeitstreffen zu diesem Thema ab und bietet auch Supervisionen über transkulturelle Behandlungen an.

Christiane Bakhit

Literatur

  • Akhtar S (2014) Immigration und Identität: Psychosoziale Aspekte und kulturübergreifende Therapie. Psychosozial Verlag, Gießen

    Google Scholar 

  • Erdheim M (1984) Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozess. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft

  • Hopper E (2002) The Social Unconscious. Speaking the Unspeakable. Selected Papers. International Library of Group Analysis, London

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Bakhit, C. Editorial: Migration und interkulturelle Begegnungen. Forum Psychoanal 38, 113–114 (2022). https://doi.org/10.1007/s00451-022-00460-1

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