An der Grenze zwischen äußerer Wirklichkeit und Übertragung

Eine empirische Studie, wie PsychoanalytikerInnen das Gutachterverfahren handhaben

On the border between external reality and transference

Empirical study on how psychoanalysts handle the expert assessment procedure

Zusammenfassung

Die Auffassung von Rotmann, die Beantragung der Psychotherapie bei der Krankenkasse für die PatientInnen transparenter zu machen und ihnen Einsicht in die Berichte an die GutachterInnen zu gewähren, wurde durch das Patientenrechtegesetz von 2013 erneut aktuell. Um zu untersuchen, wie gegenwärtig mit diesen Fragen umgegangen wird, haben wir den Mitgliedern der Münchener Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie einen Online-Fragebogen zugeschickt und die Antworten anonymisiert ausgewertet. Die Stichprobe von n = 147 umfasst sowohl erfahrene Kinder-/Jugendlichen- und ErwachsenenanalytikerInnen als auch AusbildungskandidatInnen. Es zeigte sich, dass die Wenigsten ihre PatientInnen über ihr Recht aufklären, den Bericht lesen zu können. Diejenigen, die Erfahrung damit haben, bewerten diese jedoch als positiv. Die Frage, ob die Übertragung davon beeinflusst wird, wird uneinheitlich beantwortet. Für die unterschiedliche Handhabung des Gutachterverfahrens wurden sehr verschiedene Gründe genannt. Die meisten PsychoanalytikerInnen sind der Meinung, dass das Lesen des Berichts dem therapeutischen Prozess schaden oder die PatientInnen kränken oder verwirren würde. Die guten Erfahrungen derjenigen, deren PatientInnen ihren Bericht lesen, geben uns jedoch Anlass, die bisher übliche Praxis zu überdenken. Aufgrund der vorliegenden Daten kann die Bedeutung der Grenze zwischen äußerer Realität und Übertragung diskutiert werden, an die wir mit dem Antragsverfahren und seinem Einfluss auf die analytische Beziehung stoßen.

Abstract

The concept of Rotmann that the application to the health insurance fund for psychotherapy should be made more transparent for patients and to allow them to look at the reports to the expert assessors, has again become a topic of interest as a result of the Patients’ Rights Act from 2013. In order to examine how these questions are currently dealt with, we sent an online questionnaire to members of the Munich Academy for Psychoanalysis and Psychotherapy and evaluated the answers anonymously. The sample population of 147 included experienced pediatric, adolescent and adult analysts as well as candidates in training. The results showed that the right to be able to read the report was explained to the patients only by a minority of responders; however, those who had experience with this, assessed this as being positive. The answers to the question whether the transfer process is influenced by this were inconsistent. A wide variety of reasons were given for the different handling of the expert opinion process. Most of the psychoanalysts were of the opinion that reading the report would negatively influence the therapeutic process or would offend or confuse the patients; however, the good experience of those whose patients read the reports, give us cause to reconsider the current normal practice. Based on the available data, the importance of the border between external reality and transference can be discussed, which we will be confronted with as a result of the application procedure and its influence on the analytic relationship.

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Danksagung

Wir möchten allen KollegInnen, die sich die Mühe gemacht haben, unseren Fragebogen zu beantworten, an dieser Stelle sehr herzlich danken. Dem Vorstand der Akademie, der unser Projekt unterstützt, und Frau Müller-Jahn, die den Fragebogen verschickt hat, danken wir ebenfalls sehr herzlich. Wir danken Peter Neumann (2013) für seine Unterstützung bei der Entwicklung des Fragebogens.

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Affiliations

Authors

Corresponding authors

Correspondence to Dr. med. Andreas P. Herrmann M.A. (DGPT, DPG, IPV) or Dipl.-Psych. Anna S. Herrmann B.A. (DGPT) or Dr. phil. Christiane Schleidt DGPT, DPG.

Additional information

Vortrag an der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München e. V. am 22.06.2016 und bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) am 01.10.2016.

Wir verwenden eine Schreibweise, die alle Geschlechter einbezieht. Im Singular verwenden wir die weibliche Form, möchten aber auch hier alle Geschlechter gemeint wissen. Zitate wurden jedoch nicht verändert. In unserem Fragebogen sind wir der üblichen Norm einer binären Einordnung des eigenen Geschlechts gefolgt.

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Herrmann, A.P., Herrmann, A.S. & Schleidt, C. An der Grenze zwischen äußerer Wirklichkeit und Übertragung. Forum Psychoanal 33, 475–494 (2017). https://doi.org/10.1007/s00451-017-0267-x

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