Hintergrund

Die Corona-Krise hat in aller Deutlichkeit gezeigt: Der Zugang zur digitalen Welt ist zunehmend zum unverzichtbaren Bestandteil des Lebens geworden, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und um Autonomie und Lebensqualität zu sichern. Er gilt heute als Determinante sozialer Ungleichheit, die die Gesellschaft in „Gewinner“ und „Ausgeschlossene“ unterteilt [1, S. 18]. Im Forschungsfeld Alter und (digitale) Technik – und nicht nur dort – gilt die hohe Bedeutung digitaler Technologien auch und insbesondere für den Alltag älterer Menschen als unumstritten [2]. Gleichzeitig scheint ihr Potenzial nicht ausgeschöpft, denn nicht für alle ist ihre Nutzung selbstverständlich [3, 4].

Der Zugang zur digitalen Welt ist zunehmend zum unverzichtbaren Bestandteil des Lebens geworden

Ein Grund hierfür wird u. a. im Fehlen marktreifer Produkte speziell für Ältere gesehen [5, 6]. Marktwirtschaftliche Technikentwicklungen sind stark auf jüngere Menschen fokussiert; bei den Älteren ergeben sich teilweise andere Bedarfe. Seit den 1980er-Jahren wurden öffentliche Förderprogramme etabliert, die sich der Erforschung und Entwicklung technischer Produkte explizit für ältere Menschen widmen. Auch in Deutschland stellen seit ca. 15 Jahren Förderinstitutionen auf Bundes- und Länderebene erhebliche Fördermittel zur Verfügung, um Älteren technikunterstützt Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und eine hohe Lebensqualität zu sichern [6, S. 30 f., 7].

Technikentwicklung im Forschungsfeld Alter und Technik im zeitlichen Verlauf

Zunächst orientierten sich die einschlägigen Förderprogramme v. a. am Defizitbild des Alters als Ausgangspunkt und Forschungsgrundlage [4, 6, 8, 9, S. 125]. Technik wurde als Umweltfaktor betrachtet, der dazu beitragen sollte, altersbedingte Problemlagen auszugleichen bzw. zu kompensieren. Die Forschung war stark an technikimmanenten Kriterien und zugleich eher visionär orientiert [1, S. 58]. Es wurde versucht, die Potenziale technologischer Innovationen für die Lebenswelten älterer Menschen auszuloten [4, S. 126]. Seit ca. 2008 werden ältere Menschen in die Produktentwicklung miteinbezogen, und ihr konkreter Alltag wird in den Mittelpunkt gerückt. Grundlegend ist nun die Annahme, dass sich IT-Systeme und die sozialen Kontexte ihrer Anwendung gegenseitig bedingen. Die soziotechnische Dynamik gilt als zentrale Basis bedarfsgerechter Technikentwicklung [4, S. 127]. Unter den Stichworten „user-centered design“ (UCD) (ISO-Norm 9241-210) [10], integrierte Forschung (BMBF), „praxiszentrierte Forschung“ [11] und „Co-Design“ [12] etc. zeigen sich Forschungsansätze, deren Ziel es ist, umfassende soziale Kontexte mitzuerfassen, um praxisadäquate, innovative technische Lösungen zu erarbeiten.

Das Forschungsfeld bewegt sich gegenwärtig tendenziell eher weg von der Entwicklung spezieller Assistenzsysteme für ältere Menschen hin zu schon kommerziell verfügbaren Systemen, die mit Blick auf andere Generationen entwickelt wurden und nun an die Bedarfe Älterer angepasst werden. So wird z. B. die Nutzung von Systemen wie Sprachassistenten, Social Media oder Fitness-Trackern im Lebensalltag älterer Menschen erprobt und angepasst.

Inwiefern kommerziell verfügbare, auf Jüngere zielenden Technologien tatsächlich die Lebensqualität älterer Menschen erhöhen, ihr Leben bereichern und sie in ihrer Alltagspraxis unterstützen können, wird zunehmend untersucht. Dennoch zeigt sich noch erheblicher Forschungsbedarf. Einerseits wird immer noch ein Mangel an qualitativ hochwertiger Evidenz für die Effekte digitaler Systeme diagnostiziert [13]. Andererseits verweisen Befunde darauf, dass die Nutzung verfügbarer Systeme durch Ältere auch mit negativen Folgen einhergehen kann [14, 15]. Eine systematische Evaluation der positiven und negativen Effekte digitaler Technologien in ihren komplexen institutionellen und sozialen Bezügen wäre erforderlich [4, S. 132].

Ziel dieses Themenschwerpunkts ist es deshalb, die in der Forschung zu digitalen Technologien für ältere Menschen bislang wenig beachteten, kommerziell verfügbaren Systeme in den Mittelpunkt zu rücken. Die hier präsentierten Beiträge zeigen neueste Forschungsbefunde auf.

Im Beitrag von Böttinger et al. stehen digitale Gesundheits-Apps im Mittelpunkt. Auf der Basis eines narrativen Reviews wird geprüft, inwiefern verfügbare Apps dazu beitragen können, älteren Menschen ein regelmäßiges geriatrisches Self-Assessment zu ermöglichen. Es werden sowohl kommerzielle als auch wissenschaftlich entwickelte Apps identifiziert, die relevante Domänen – wie physische Funktionen, Kognitionen, Emotionen und Sensorik – abdecken. Zu einigen der Apps existieren auch wissenschaftliche Publikationen. Was bislang fehlt, so die Quintessenz der Autor*innen, ist ein Überblick über Qualität und Leistungen unterschiedlicher Apps, der für potenzielle Nutzer*innen zugänglich ist.

Auch Strünck et al. werten existierende Studien aus und ergänzen sie durch eigene Untersuchungen. Sie konzentrieren sich auf kommerziell verfügbare sozial-assistive Roboter (SAR) wie Aibo, Paro und Pepper. Ihre Befunde machen deutlich, dass sie positive Wirkungen entfalten, wenn die Menschen befähigt werden, sie in ihrem Sinne zu nutzen, was zunächst einen höheren Personaleinsatz impliziert.

Auch die vielfältig nutzbaren digitalen Sprachassistenten werden hinsichtlich ihrer Eignung für ältere Menschen (mit und ohne geistige Behinderung) geprüft. Auf der Basis eines Scoping-Reviews beschäftigen sich Even et al. mit ihrem Nutzen und den sie begleitenden Herausforderungen. In ihrer Einschätzung überwiegen die Vorteile, u. a. die einfache Nutzung und der leichte Zugang zu Informationen. Bedenken äußern sie hinsichtlich des Schutzes der Privatsphäre und des Erlernens der Techniknutzung.

Schmidt et al. beschäftigen sich mit dem Nutzen von Aktivitätstrackern zur Förderung körperlicher Aktivität im Alter. Im Rahmen einer eigenen Studie untersuchen sie die Effekte einer selbstregulativen Intervention auf der Basis kommerzieller Aktivitätstracker sowie deren Akzeptanz und Bewertung. Sie können einerseits zeigen, dass Wearables kombiniert mit „Behavior-change“-Techniken die Aktivität steigern. Andererseits belegen sie eine sehr gute Akzeptanz und Bewertung der Technologie.

Der Themenschwerpunkt kann nur eine kleine Auswahl an Befunden vorstellen. Dennoch wird deutlich, dass kommerziell verfügbare Technologien im Alltag älterer Menschen sehr gute Dienste leisten können. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass es zunächst häufig einer intensiven personellen Unterstützung bedarf, um die Älteren in die Techniknutzung einzuführen.