Journal Club

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Apathie und arterieller Blutdruck

Originalpublikation

Bertens AS, Foster-Dingley JC, van der Grond J, Moonen EF et al (2020) Lower blood pressure, small-vessel disease, and apathy in older persons with mild cognitive deficits. J Am Geriatr Soc 68:1811–1817

Hintergrund.

Apathie, definiert als ein Mangel an Motivation und Interesse, findet sich vielfach im höheren Lebensalter und bedeutet insbesondere für pflegende Angehörige eine große Belastung. Der Zusammenhang zwischen Apathie und arteriellem Blutdruck ist unklar.

Studie.

In einer niederländischen Querschnittsstudie wurde bei 210 zu Hause lebenden Personen der Zusammenhang zwischen Apathie und arteriellem Blutdruck untersucht. Zu den Einschlusskriterien der Studie zählten das Vorliegen geringer kognitiver Defizite (Mini Mental State Examination 21 bis 27 Punkte) und eine bestehende antihypertensive Medikation. Alle Studienteilnehmer wurden mit einer Magnetresonanztomographie des Schädels auf zerebrovaskuläre Veränderungen, insbesondere im Sinne einer „small vessel disease“, untersucht. Blutdruck und Apathie wurden standardisiert bei Hausbesuchen gemessen.

Ergebnisse.

Bei älteren Personen mit nur geringen zerebrovaskulären Veränderungen im MRT fand sich kein Zusammenhang zwischen Apathie und arteriellem Blutdruck. Dagegen zeigte sich bei Studienteilnehmern mit ausgeprägten zerebralen Veränderungen im Sinne einer Small vessel disease eine deutliche Korrelation: Personen mit einem niedrigen systolischen und diastolischen Blutdruck zeigten signifikant mehr Symptome einer Apathie als Patienten mit einem höheren Blutdruck.

Interpretation.

Im höheren Lebensalter verlieren der arterielle Blutdruck und seine medikamentöse Behandlung an prognostischer Bedeutung, verglichen mit jüngeren Lebensaltern. Aber auch für psychologisches Wohlbefinden scheinen im höheren Lebensalter unterschiedliche Zielblutdruckwerte zu existieren. Gerade bei kognitiv vorgeschädigten älteren Personen mit Apathie ist eine kritische Überprüfung einer antihypertensiven Therapie erforderlich und eine weniger strenge Blutdruckeinstellung zu erwägen.

Leben Kaffee- und Teetrinkerinnen länger?

Originalpublikation

Shadyab AH, Manson JE, Luo J, Haring D et al (2020) Associations of coffee and tea consumption with survival to age 90 years among older women. J Am Geriatr Soc 68:1970–1978

Hintergrund.

Kaffee und Tee zählen zu den weltweit am meisten konsumierten Getränken. Zu ihrem Einfluss auf die Lebenserwartung gibt es unterschiedliche Daten.

Studie.

Zwischen 1993 und 1998 wurden 27.480 ältere Frauen in eine prospektive Kohortenstudie aufgenommen (Women’s Health Initiative). Die Frauen waren bei Aufnahme zwischen 65 und 81 Jahre alt. Es wurde geschaut, wie viele Frauen ihren 90. Geburtstag erreichten. Die Nachbeobachtung endete 2018. Dabei wurde untersucht, wie viel koffeinhaltigen Kaffee, entkoffeinierten Kaffee oder schwarzen Tee sie täglich trinken.

Ergebnisse.

Insgesamt konnten 53 % der Frauen ihren 90. Geburtstag feiern. Es fand sich kein Einfluss des konsumierten Getränkes auf die Wahrscheinlichkeit, 90 Jahre alt zu werden. Dabei war es unerheblich, ob Frauen überhaupt Kaffee oder Tee tranken, oder ob sie eine, 2 bis 3 oder gar 4 und mehr Tassen/Tag tranken. Dies galt unter Berücksichtigung soziodemografischer Eigenschaften und anderer Lebensstilfaktoren sowie unter Berücksichtigung chronischer Erkrankungen.

Interpretation.

Wenn eine Frau im höheren Lebensalter regelmäßig Kaffee oder Tee trinkt, so gibt es nach dieser Untersuchung keinen Grund, diese Angewohnheit aus gesundheitlichen Gründen zu unterlassen. Allerdings fehlt auch der Beleg dafür, dass regelmäßiger Kaffee- oder Teekonsum die Wahrscheinlichkeit erhöht, den 90. Geburtstag zu erleben.

LDL(low density lipoprotein)-Cholesterin und erhöhtes Herzinfarktrisiko im Alter

Originalpublikation

Mortensen MB, Nordestgaard BG (2020) Elevated LDL cholesterol and increased risk of myocardial infarction and atherosclerotic cardiovascular disease in individuals aged 70–100 years: a contemporary primary prevention cohort. Lancet 396:1644–1652

Hintergrund.

Ältere Untersuchungen zeigten für ältere Personen einen schwindenden Zusammenhang zwischen erhöhtem LDL-Cholesterin und dem Risiko eines Herzinfarktes. Seit dem Start dieser Studien vor 40 bis 50 Jahren hat sich die Lebenserwartung in der Bevölkerung erhöht; die Myokardsterblichkeit ist dank neuer Verfahren bei Prävention und Therapie bei jüngeren Personen gesunken, bleibt aber gerade bei älteren Patienten noch recht hoch. Das LDL-Cholesterin gilt als zentrale Substanz für die Entwicklung einer Arteriosklerose.

Studie.

Zwischen 2003 und 2015 wurden 91.131 Personen in die Copenhagen General Population Study aufgenommen. Die Personen waren zwischen 20 und 100 Jahre alt und wurden im Schnitt 7,5 Jahre nachbeobachtet. Von der Studienteilnahme ausgeschlossen waren Personen mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall in der Vorgeschichte, mit einem Diabetes mellitus und mit einer bestehenden Statintherapie.

Ergebnisse.

In allen Altersgruppen zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen der Höhe des LDL-Cholesterins auf der einen Seite und dem Risiko eines Myokardinfarkts und der Entwicklung einer kardiovaskulären Erkrankung auf der anderen Seite. Dieser Anstieg des Risikos fand sich in besonderer Weise in der Bevölkerungsgruppe der über 70-jährigen Patienten. Verglichen mit einem LDL-Cholesterin von weniger als 3,0 mmol/l fand sich in der Personengruppe der 80- bis 100-Jährigen bei einem LDL-Cholesterin von mehr als 5,0 mmol/l ein um das 3‑fache erhöhte Risiko eines Herzinfarkts („hazard ratio“ 2,99; 95 %-Konfidenzintervall 1,75–5,23). In der Personengruppe zwischen 70 und 79 Jahren war das Herzinfarktrisiko bei erhöhtem LDL-Cholesterin ebenfalls signifikant vergrößert, allerdings nicht im demselben Umfang (HZ 1,82; 95 %-KI 1,20–2,77).

Diskussion.

Entgegen manchen älteren Untersuchungen konnte die aktuelle dänische Studie bei bis zu 100-jährigen Personen einen klaren und signifikanten Zusammenhang zwischen der Höhe des LDL-Cholesterins und dem Risiko eines Herzinfarkts oder eines kardiovaskulären Ereignisses belegen. Dank der Qualität des dänischen Gesundheitswesens waren die Patientendaten vollständig. Aufgrund ihrer Daten kamen die Autoren zu dem Schluss, dass zur Vermeidung eines kardiovaskulären Ereignisses in der Gruppe der über 80-Jährigen deutlich weniger Patienten über 5 Jahre behandelt werden müssten als in jüngeren Alterskohorten, d. h., dass im höheren Lebensalter die „number needed to treat“ (NNT), z. B. einer 5‑jährigen Statintherapie, kleiner sein müsste als bei jüngeren Patienten.

Prognose bei akuten neuropsychologischen Symptomen

Originalpublikation

Zipprich HM, Arends MC, Schumacher U, Bahr V et al (2020) Outcome of older patients with acute neuropsychological symptoms not fulfilling criteria of delirium. J Am Geriatr Soc 68:1469–1475

Hintergrund.

Viele Studien haben eine Prognoseverschlechterung älterer Patienten belegen können, wenn sich während eines Krankenhausaufenthalts ein Delir entwickelt. Unklar dagegen ist die prognostische Bedeutung neu aufgetretener neuropsychologischer Symptome, die nicht die Kriterien eines Delirs erfüllen.

Studie.

In einer prospektiven Beobachtungsstudie wurden Punktprävalenz, Risikofaktoren und Prognose von akut aufgetretenen neuropsychologischen Symptomen erfasst. Dazu wurden 669 ältere Patienten (>60 Jahre) einer deutschen Universitätsklinik mit standardisierten Instrumenten untersucht und zu festgelegten Zeitpunkten insgesamt 36 Monate lang beobachtet. In Abhängigkeit von den Ergebnissen der „confusion assessment method“ (CAM) wurden die Patienten in 3 Gruppen eingeteilt: Patienten mit Delir (also mehr als 2 der 4 CAM Kriterien erfüllt), Patienten mit nur 2 erfüllten CAM-Kriterien und Patienten ohne Delir.

Ergebnisse.

Ein Delir fand sich bei 10,8 % der Patienten, bei weiteren 12,7 % der Patienten waren lediglich 2 der 4 CAM-Kriterien erfüllt. Als wichtigste Risikofaktoren für die Entwicklung einer kognitiven Verschlechterung fanden sich in der linearen Analyse funktionelle Parameter wie eingeschränkte Mobilität und Kognition. Das chronologische Alter trat hinter diesen Parametern an Bedeutung zurück.

In prognostischer Hinsicht fand sich kein wesentlicher Unterschied zwischen Patienten mit einem Delir und mit nur 2 erfüllten CAM-Kriterien: Im Vergleich zu Patienten ohne Delir zeigten die Patienten mit neu aufgetretenen neuropsychologischen Symptomen zu allen Zeitpunkten der 3‑jährigen Nachbeobachtung einen deutlich schlechteren funktionellen Status und eine erheblich gesteigerte Mortalität. So lag die Mortalität nach einem Jahr bei Patienten mit Delir bei 44,3 %, bei Patienten mit 2/4-CAM-Kriterien bei 41,8 % und bei Patienten ohne Delir bei lediglich 21,7 %. Auch die mit einer validierten Skala ermittelte gesundheitsbezogene Lebensqualität war bei Patienten mit jeglicher kognitiver Verschlechterung deutlich schlechter.

Interpretation.

Die Ergebnisse dieser großen, wenn auch nur an einem Zentrum durchgeführten Studie beeinflussen das Konzept demenzsensibler Krankenhäuser. Es reicht nicht aus, sich auf die Delirprävention zu begrenzen. Angesichts der schlechten Prognose muss es das Ziel sein, auch das Auftreten geringfügiger neuropsychologischer Symptome zu verhindern.

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Correspondence to PD Dr. Rupert Püllen.

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R. Püllen gibt an, Vortragshonorare von Novartis und Daiichi-Sankyo erhalten zu haben.

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Püllen, R. Journal Club. Z Gerontol Geriat (2020). https://doi.org/10.1007/s00391-020-01832-0

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