Das Alter(n) ist vielfältig. Über diese Aussage herrscht in der Gerontologie weitgehende Einigkeit. Auch in der Politik ist das Bewusstsein dafür, dass es sich bei den Älteren nicht um eine homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen und Bedürfnissen handelt, in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Und in der Gesellschaft finden sich in Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln zunehmend vielfältige Bilder älterer Menschen. Zugleich sind negative Altersbilder und Stereotype weiterhin wirksam und Altersdiskriminierung wird häufig noch nicht einmal als solche erkannt und benannt.
Allerdings handelt es sich bei der „Vielfalt des Alters“ nicht um ein theoretisches Konzept, sondern um eine rein beschreibende Begrifflichkeit. Ihr kommt damit auch keine analytische Funktion zu und sie sagt nichts über die Art der Vielfalt, ihr Zustandekommen oder ihre Wirkung. Vor allem blendet die Rede von der Vielfalt des Alters aus, dass es sich überwiegend nicht um horizontale Unterschiede von selbstgewählten Lebensstilen handelt, sondern um strukturelle Ungleichheiten, die mit dauerhaften, oft biografisch verankerten Ausschlüssen, Abwertungen und Benachteiligungen verbunden sind. Strukturelle Macht- und Ungleichheitsverhältnisse drohen damit aus dem Blick zu geraten. Auch das Zusammenwirken mehrerer gesellschaftlicher Ungleichheitsachsen entlang von Alter, Geschlecht, Klassen oder Herkunft kann mit dem Begriff der Vielfalt nicht angemessen erfasst, untersucht und beschrieben werden.
Für die wissenschaftliche Untersuchung der Vielfalt des Alter(n)s bietet sich das Konzept der Intersektionalität an, in dem die Überschneidung unterschiedlicher Ungleichheitsachsen und die simultane Hervorbringung von Differenzverhältnissen in alltäglichen Praxen den zentralen Untersuchungsgegenstand bilden. Das Konzept hat seinen Ursprung in der Frauen- und Geschlechterforschung [1,2,3,4]. Im Kern geht es um die Anerkennung vielfältiger Differenzen zwischen Frauen und die damit verbundenen unterschiedlichen Erfahrungen von Ungleichheitsverhältnissen, die sich aus den Wechselwirkungen unterschiedlicher Zugehörigkeiten ergeben. Es wurde kritisiert, dass in der feministischen Bewegung und Forschung der 1970er-Jahre die spezifischen Erfahrungen etwa von migrantischen Frauen, „women of color“ und Arbeiterinnen nicht berücksichtigt wurden. Dafür ist die universalistische Konzeption der Kategorie „Frau“ unzureichend. Entsprechend liegt der Fokus intersektionaler Forschung und Theoriebildung auf dem Zusammenwirken von geschlechtlicher Ungleichheit mit Rassismus und Klassenzugehörigkeit.
Die Kategorie des Alter(n)s fristet in der Intersektionalitätsforschung dagegen bislang ein eher randständiges Dasein. Wenn überhaupt, tritt sie als „Platzhalterkategorie“ in Erscheinung, mit der angedeutet wird, dass es neben Geschlecht, Klasse und Ethnizität weitere Kategorien gibt, die beachtet werden müssen. Andererseits kann auch für die gerontologische Forschung festgestellt werden, dass hier die intersektionale Perspektive oftmals fehlt. Im vorliegenden Themenschwerpunkt sollen die Eigenständigkeit von Alter als Differenz- und Ungleichheitskategorie sichtbar gemacht, Konzepte zur Untersuchung des Zusammenwirkens von Alter und anderen Ungleichheitskategorien vorgestellt und Ergebnisse intersektionaler Analysen diskutiert werden. Anhand unterschiedlicher Dimensionen wird aufgezeigt, wie die soziale Konstruktion von Alter(n) mit den Konstruktionen anderer Kategorien sozialer Differenzierung wie z. B. geschlechtliche und sexuelle Identität, ethnische Herkunft oder Behinderung zusammenwirkt. Dabei interessiert, welche Wechselwirkungen zwischen diesen Differenzierungskategorien bestehen oder inwiefern Marginalisierung und Abwertung aufgrund des höheren Lebensalters mit anderen Ungleichheitsdimensionen verwoben sind. Zentral ist dabei der Gedanke, dass es sich bei allen untersuchten Differenz- und Ungleichheitsverhältnissen nicht um biologisch festgelegte Unterschiede handelt, sondern dass diese immer (auch) sozial erzeugt sind.
Der Beitrag von Anna Sarah Richter führt in das Konzept der Intersektionalität ein und macht auf die Mehrdimensionalität von Ungleichheitskategorien aufmerksam. Darauf aufbauend wird ein Vorschlag für eine gerontologisch nutzbar zu machende Heuristik von Intersektionalität entwickelt, die auf die Verbindung zwischen strukturellen Dimensionen gesellschaftlicher Ungleichheit und subjektivem Erleben und Handeln fokussiert. Tina Denninger fragt in ihrem Beitrag danach, wie das Zusammenwirken der Kategorien Alter(n) und Behinderung in einer machtsensiblen Analyse erfasst werden kann. Dazu verbindet sie körpertheoretische Ansätze mit dem Konzept der Normalität, um so die Theoretisierung beider Kategorien voranzutreiben. Ralf Lottmann zeigt anhand einer qualitativen Studie die Bedeutung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in der Altenhilfe sowie ihre Wechselwirkungen mit weiteren Differenzierungsmerkmalen. Das Ergebnis zeigt, dass eine intersektionale Perspektive dazu beitragen kann, eine bedarfsgerechte Versorgung im hohen Alter für LSBTI*-Senior*innen zu schaffen. Silke Migala und Uwe Flick erörtern, wie ein intersektionaler Zugang für die Analyse ethischer Normen und das Verständnis von Diversität (hinsichtlich Alter[n], Ethnizität, Religion und Geschlecht) in gesundheitspolitischen Diskursen zur pflegerischen Versorgung am Lebensende konstruktiv genutzt werden kann. So können Auslassungen im politischen Diskurs zu gerechtigkeitserheblichen Fragen sichtbar gemacht werden, die sich im Kontext einer konkreten sozialen Praxis zeigen.
In ihrer unterschiedlichen Herangehensweise zeigen die hier versammelten Beiträge die Vielfalt intersektionaler Ansätze selbst. Sie machen aber auch deutlich, wie intersektionale Perspektiven in der gerontologischen Forschung genutzt und die Theoriebildung zum Altern anregen können.
Literatur
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Affiliations
Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, Michaelkirchstr. 17/18, 10179, Berlin, Deutschland
Anna Sarah Richter
Soziale Gerontologie und Soziale Arbeit im Gesundheitswesen, Katholische Hochschule Freiburg, Karlstr. 63, 79104, Freiburg, Deutschland
Cornelia Kricheldorff
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Anna Sarah Richter or Cornelia Kricheldorff.
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Interessenkonflikt
A. S. Richter und C. Kricheldorff geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.