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Pflegen auf Distanz?

Eine qualitative Interviewstudie mit „distance caregivers“

Distance caregiving?

A qualitative interview study with distance caregivers

Zusammenfassung

Hintergrund

Angehörige sind sowohl in der stationären als auch in der häuslichen Gesundheitsversorgung wichtige Akteure. Infolge steigender Mobilität pflegen viele auch über geografische Distanzen hinweg.

Ziel der Arbeit

Der Beitrag beleuchtet Chancen und Herausforderungen der Pflege und Betreuung auf Distanz aus der Perspektive von Distance caregivers. Die Datenerhebung erfolgte im Rahmen des binationalen Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Distance Caregiving“, das mit einem interdisziplinären Team aus Deutschland (EH Ludwigsburg) und der Schweiz (Careum Hochschule Gesundheit Zürich) verschiedene Dimensionen von Distance caregiving untersuchte. Empirische Befunde liegen bisher hauptsächlich für den angloamerikanischen Raum vor. Dieser Beitrag liefert bislang fehlende, empirische Erkenntnisse für Deutschland und die Schweiz.

Material und Methode

Die Grundlage bilden 49 leitfadengestützte, teilnarrative Interviews (Deutschland: n = 35; Schweiz: n = 14) mit Distance caregivers, die zum Zeitpunkt der Datenerhebung eine mindestens 60 Jahre alte Person betreuten. Die Datenanalyse erfolgte softwaregestützt (MAXQDA 10) mittels deduktiver und induktiver strukturierender Inhaltsanalyse nach Mayring.

Ergebnisse und Diskussion

Distance caregivers leisten substanzielle und vielfältige Betreuungs- und Pflegeaufgaben. Eine zentrale Herausforderung hierbei ist die fehlende zeitnahe und verlässliche Information über das Versorgungsgeschehen vor Ort. Dies kann zu emotionaler Belastung führen. Distanz schafft aber auch Freiraum für pflegende Angehörige. Ein funktionierendes Netzwerk mit klaren Absprachen und transparenter Kommunikation ist entscheidend.

Abstract

Background

Family caregivers are important players in both inpatient and domestic healthcare. As a result of increasing mobility many also perform care over geographical distances.

Objective

The article highlights the opportunities and challenges of distance caregiving from a distance caregivers’ perspective. Data were collected as part of the binational research and development project on distance caregiving, which investigated various dimensions of distance caregiving with an interdisciplinary team from Germany (Protestant University Ludwigsburg) and Switzerland (Careum University of Applied Sciences Zurich). To date empirical results exist mainly for the Anglo-American region. This study provides hitherto lacking empirical findings for Germany and Switzerland.

Material and methods

The study was based on 49 guideline-based, partially narrative interviews (Germany: N = 35; Switzerland: N = 14) with distance caregivers, who at the time of data collection were caring for a person at least 60 years old. The software-supported data analysis (MAXQDA 10) was carried out using deductive and inductive structuring content analysis according to Mayring.

Results and conclusion

Distance caregivers provide substantial and diverse care and support tasks. A central challenge is the lack of up to date and reliable information regarding the care situation. This may lead to emotional strain; however, distance also results in relief for caregivers. A functioning network including well-defined agreements and transparent communication is crucial.

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Notes

  1. Eine kurze quantitative Befragung mit Fokus auf den eigenen Gesundheitszustand, die Zufriedenheit sowie Belastung und Stress erfolgte zum Abschluss des Interviews. Der standardisierte Fragebogen kombinierte Fragen aus verschiedenen validierten Erhebungsinstrumenten [7, 15, 22], nämlich Short-Form(SF)36 (deutsche Fassung) zum eigenen Gesundheitszustand, Time-Stress-Skala und Zufriedenheitsskala vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) sowie ein Item aus dem Zarit Burden Interview. Die Analyse dieser Daten zeigt, dass die Interviewpartner/-innen ihren Gesundheitszustand hauptsächlich als sehr gut bis gut einschätzten (31,1 % bzw. 35,5 %). Jedoch fühlten sich 60 % in dem Monat vor der Befragung immer bzw. oft unter Zeitdruck und knapp die Hälfte (48,9 %) war durch die Betreuung des Angehörigen ziemlich oder extrem belastet.

  2. Die Zitate wurden zur besseren Lesbarkeit leicht geglättet. Interviewausschnitte mit dem Kürzel CH sind aus dem Schweizer Sample, Interviewausschnitte mit dem Kürzel DE aus dem Deutschen Sample.

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Correspondence to Amelie Zentgraf.

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Interessenkonflikt

A. Zentgraf, P. M. Jann, J. Myrczik und K. van Holten geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Alle beschriebenen Befragungen wurden mit Zustimmung der zuständigen Ethikkommission, im Einklang mit nationalem Recht sowie gemäß der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbeiteten Fassung) durchgeführt. Von allen Beteiligten liegt eine Einverständniserklärung vor.

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Zentgraf, A., Jann, P.M., Myrczik, J. et al. Pflegen auf Distanz?. Z Gerontol Geriat 52, 539–545 (2019). https://doi.org/10.1007/s00391-019-01607-2

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  • DOI: https://doi.org/10.1007/s00391-019-01607-2

Schlüsselwörter

  • Pflegende Angehörige
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Soziale Unterstützung
  • Schweiz
  • Deutschland

Keywords

  • Family caregivers
  • Work-life balance
  • Care
  • Switzerland
  • Germany