Ältere Migrantinnen und Migranten am Wohnort erreichen

Erfahrungen aus dem Schweizer Projekt „Vicino“
Originalien

Zusammenfassung

Hintergrund

Vernetzung am Wohnort durch informelle und formelle Netzwerke stellt für ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund eine wichtige Unterstützungsressource dar, insbesondere mit zunehmendem Alter. Im Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Vicino – ältere Migrantinnen und Migranten am Wohnort erreichen“ wurde mit drei partizipativ angelegten Interventionen nach Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren für die Zusammenarbeit zwischen Regelstrukturen (d. h. Organisationen, die sich nicht spezifisch auf eine Herkunftsgruppe ausrichten, sondern der gesamten Bevölkerung offenstehen) und älteren Migrantinnen und Migranten sowie deren Organisationen gesucht.

Material und Methode

Vicino beinhaltete die Auswertung bevölkerungsstatistischer Daten sowie qualitative Interviews mit älteren Migrantinnen und Migranten und mit Expertinnen und Experten. Zudem wurden drei beispielhafte Interventionen durchgeführt. Die Erhebungen fanden in einer ländlichen und einer städtischen Region sowie in einer Agglomerationsgemeinde statt.

Ergebnisse

Es konnte aufgezeigt werden, dass nationalitäten- und sprachspezifische Netzwerke für einen Großteil der älteren Migrantinnen und Migranten eine hohe Bedeutung aufweisen. Pendelaktivitäten haben allerdings einen Einfluss auf die Nutzung von lokalen Netzwerken sowie auch von Regelstrukturen. Wenn Regelstrukturen mit Migrantenorganisationen zusammenarbeiten möchten, empfehlen sich partizipative Ansätze, bei denen die älteren Migrantinnen und Migranten über Schlüsselpersonen und zugehende Ansätze von Beginn an einbezogen und ihre transnationalen Bezugspunkte mitberücksichtigt werden.

Schlussfolgerung

Beim Einbezug von älteren Migrantinnen und Migranten in die Angebotsentwicklung im Alters- und Migrationsbereich sind insbesondere Pendelaktivitäten weiter zu erforschen, da diese die Einbindung in Migrantenorganisationen sowie die Nutzung von Regelstrukturen beeinflussen.

Schlüsselwörter

Migration Nachbarschaft Regelstrukturen Partizipation Formelle und informelle Netzwerke 

Reaching elderly migrants where they live

Experiences from the Swiss “Vicino” project

Abstract

Background

Community involvement through formal and informal networks is an important resource of support for elderly people with or without a migrant background, particularly as they get older. In the research and development project “Vicino – reaching elderly migrants where they live” the factors for success and failure in the cooperation between public institutions (organizations which do not focus on a specific group of migrants but are accessible for everybody) and migrant organizations were identified by means of three participatory interventions.

Material and methods

Vicino is based on a secondary analysis of population statistics and qualitative interviews with elderly migrants as well as experts. Furthermore, three interventions were conducted. The data collection took place in a rural, an urban and an agglomeration municipality.

Results

The results showed that nationality-specific and language-specific networks play an important role for the majority of elderly migrants; however, commuting activities between the country of origin and country of reception have a major influence on the use of local networks and public services. It is recommended that public services wanting to collaborate with migrant organizations use participatory methods. It has to be ensured that elderly migrants are involved through key persons and approaching methods and that their transnational networks are included right from the beginning of a project.

Conclusion

The development of services in the area of age and migration ought to involve the participation of elderly migrants and take their commuting activities into account as these activities have an impact on their use of public institutions and their involvement in migrant organizations.

Keywords

Migration Neighborhood Public institutions Participation Formal and informal networks 

Soziale Vernetzung am Wohnort stellt für ältere Menschen eine wichtige Unterstützungsressource dar, die die Lebensqualität steigert. Für Personen mit Migrationshintergrund trifft dies ebenfalls zu. Doch den bisherigen Organisationen der Altershilfe, des Gesundheits- und des Gemeinwesens sowie der öffentlichen Verwaltung gelingt es häufig (noch) nicht, den Zugang zu dieser Personengruppe herzustellen und sie bei der Planung neuer Angebote einzubinden. Besonders wichtig sind deshalb Kenntnisse über erfolgversprechende partizipative Ansätze am Wohnort der älteren Migrantinnen und Migranten.

In der Schweiz hat sich die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer im Alter 65 und mehr Jahre seit den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt [2] und beträgt im Jahr 2014 rund 157.000 Personen. Werden auch eingebürgerte Personen eingerechnet, haben rund 269.000 Personen im Alter 65+ einen Migrationshintergrund der ersten Generation (d. h. diese Personen sind selber migriert; [9]).

Die ursprüngliche Annahme, dass viele dieser Personen im Alter ins Herkunftsland zurückkehren, hat sich nicht bestätigt [15]. Bei einer Mehrheit der großen Migrationsgruppen1 ist der Anteil der Auswandernden im Alter 60+ geringer als bei den Schweizerinnen und Schweizern2. Nur bei Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien sind die Auswanderungsprozente für 60- und mehr Jährige höher3 [3, eigene Berechnungen], d. h., bei diesen Gruppen wandern im Alter 60+ mehr Personen aus als bei den Schweizerinnen und Schweizern.

Obschon Personen mit Migrationshintergrund noch deutlich jünger sind als Personen ohne Migrationshintergrund, stellen sie eine ernst zu nehmende und immer größer werdende Gruppe dar, mit der sich Regelstrukturen aus dem Altersbereich auseinandersetzen müssen, wenn sie ihre Angebote auch für diese Gruppe von Personen zugänglich gestalten möchten. Der Begriff der „Regelstrukturen“ ist im Schweizerischen Recht verankert4 und meint „die gesellschaftlichen Bereiche und Angebote, welche allen in der Schweiz anwesenden Personen zu einer selbstbestimmten Lebensführung offenstehen müssen“ [28]. Bezogen auf Vicino sind dies insbesondere das Gesundheitswesen, die öffentliche Verwaltung, Institutionen der Altershilfe sowie des Gemeinwesens.

„Vicino“, der Name des hier vorgestellten Forschungs-, Interventions- und Entwicklungsprojekts, bedeutet auf Italienisch „nahe“ bzw. „in der Nähe“. Im Zentrum des Projekts stand dementsprechend die Thematik der „Nähe“ im Sinne von sozialräumlicher Nähe, Zusammenleben im Quartier, nachbarschaftlichen Kontakten von älteren Migrantinnen und Migranten sowie die Nähe – bzw. Annäherung – von Regelstrukturen an ältere Migrantinnen und Migranten und deren eigene Organisationen.

Ältere Menschen mit Migrationshintergrund stehen in der Schweiz seit ca. den 1990er-Jahren im Fokus von Forschungs- und Interventionsprojekten (z. B. die ersten Publikationen von Bolzman et al. [4, 5] und Fibbi et al. [12]). Insbesondere in den letzten 5 Jahren ist eine zunehmende Forschungstätigkeit festzustellen. Allgemein bekannt ist die Heterogenität der Gruppe der älteren Migrantinnen und Migranten, die in fast jedem Werk betont wird. Die sozialräumliche Perspektive fließt in der Schweiz mit Vicino und weiteren Projekten [1] nun in die Praxis- und Forschungslandschaft des Themenbereichs „Alter und Migration“ ein.

Im Rahmen von Vicino stand folgende Frage im Zentrum: Mit welchen partizipativen Methoden können bestehende soziale Netze älterer Migrantinnen und Migranten am Wohnort gestärkt und erweitert sowie der Bezug zu Regelstrukturen hergestellt bzw. intensiviert werden?

Vicino wurde als Kooperationsprojekt vom Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) geleitet und erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Pro Senectute der Kantone Zürich und Aargau. Ziel war die Entwicklung eines Leitfadens für Fachleute aus dem Alters- und Migrationsbereich zur Frage, wie die ältere Migrationsbevölkerung am Wohnort erreicht und in bestehende Regelstrukturen eingebunden werden kann.

Studiendesign und Untersuchungsmethoden

Vicino umfasste einen Forschungs-, einen Interventions- und einen Entwicklungsteil.

Als Untersuchungs- und Interventionsfelder wurden die zwei Schweizer Kantone Zürich und Aargau ausgewählt. Während Zürich über eine längere Erfahrung und bereits bestehende Organisationen und Strukturen für ältere Migrantinnen und Migranten verfügt, sind etablierte Organisationen im Alters- und Migrationsbereich im Kanton Aargau erst dabei, Strukturen im Bereich Alter/Migration aufzubauen.

Im Forschungsteil von Vicino wurden im ersten Schritt Daten zur Zielgruppe in den beiden ausgewählten Kantonen bevölkerungsstatistisch ausgewertet und anschließend pro Gemeindetyp (Stadt, Land, Agglomeration) diejenige Gemeinde mit dem höchsten Anteil älterer Personen mit ausländischer Nationalität5 für detaillierte Untersuchungen und die Pilotinterventionen ausgewählt. Dies ausgehend von der Annahme, dass sich das Angebot für ältere Personen je nach Gemeindetypus unterscheidet (mehr Angebote in Städten, weniger in ländlichen Regionen).

Ausgewählt wurden Reinach als ländliche Gemeinde im Kanton Aargau, Zürich-Altstetten als Quartier in der Stadt Zürich und Uster als Agglomerationsgemeinde im Kanton Zürich.

Zürich-Altstetten ist das größte Quartier der Stadt Zürich, sowohl in Bezug auf seine Fläche wie auch die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner (im Jahr 2014 sind es 31.486 Einwohnerinnen und Einwohner, 35,4 % haben eine ausländische Nationalität; [26]). Im Quartierspiegel von Altstetten ist von dessen auch in Zukunft anhaltendem Wachstum die Rede sowie vom „weiteren Zusammenrücken mit der Kernstadt“ [26] durch neue und bessere Verkehrsverbindungen zum Zürcher Hauptbahnhof. Im Jahr 2014 hatten in Altstetten 1241 Personen im Alter 60+ eine ausländische Nationalität [26].

Uster ist die drittgrößte und eine ständig wachsende Stadt im Kanton Zürich [25]. Sie weist im Jahr 2015 33.853 Einwohnerinnen und Einwohner auf; der Anteil der Ausländerinnen und Ausländer beträgt 22,5 % [18]. Wie Zürich-Altstetten steht auch Uster in stetem Wandel, im Moment gekennzeichnet durch viele Bauprojekte [25]. Im Jahr 2015 hatten in Uster 970 Personen im Alter 60+ eine ausländische Nationalität [27, eigene Berechnungen].

Reinach befindet sich im Kanton Aargau. In der schweizerischen Gemeindetypologie wird der Ort zu den „ländlichen Gemeinden“ gezählt. Reinach war in der Vergangenheit ein wichtiger Industriestandort der Zigarrenherstellung und der Metallverarbeitung. Die Gemeinde zählte Ende 2014 8127 Einwohnerinnen und Einwohner, davon waren 38 % Ausländerinnen und Ausländer [16]. Ende 2015 wohnten in Reinach 341 Personen im Alter 60+ mit ausländischer Nationalität [17, eigene Berechnungen].

Im zweiten Schritt wurden in Zürich-Altstetten, Reinach sowie Uster im Frühjahr 2014 sowie im Frühjahr 2015 insgesamt 31 qualitative Interviews mit älteren Migrantinnen und Migranten aus den Herkunftsländern mit der höchsten Zahl älterer Migrantinnen und Migranten geführt. Dies waren Personen aus Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, der Türkei, Bosnien, Kroatien, Serbien und dem Kosovo. Da in bisherigen Studien (z. B. [6, 7, 19]) mehrheitlich nichtdeutschsprachige Gruppen untersucht wurden, wurden in Vicino bewusst auch Migrantinnen und Migranten aus Deutschland und Österreich einbezogen. Der Zugang zum Feld wurde von den Praxispartnern der Pro Senectute der Kantone Zürich und Aargau initiiert und durch Partnerorganisationen unterstützt, die Projektflyer in der jeweiligen Muttersprache der potenziellen Interviewpartnerinnen und -partner auflegten. Die Interviews wurden unter Zusicherung des Datenschutzes in der jeweiligen Muttersprache oder auf Hoch- oder Schweizerdeutsch geführt. Circa zwei Drittel der Befragten waren zwischen 65 und 74 Jahre alt; der Rest der Interviewten war älter oder jünger. Mehr als zwei Drittel sind zwischen 1960 und 1979 in die Schweiz migriert. Die meisten Gesprächsteilnehmenden sind als Arbeitsmigrantinnen und -migranten in die Schweiz gekommen und im Pflege-, im kaufmännischen Bereich, in handwerklichen Berufen oder im Baugewerbe tätig gewesen. Vier Interviewte verfügten über einen hohen Bildungsstatus (Hochschule), 13 über die Sekundarstufe oder eine Art Lehre, und 14 Interviewte hatten einen eher niedrigen Bildungsstatus (Grundschule). Nach der Transkription der Interviews ins Hochdeutsche wurden die Daten in einer Kombination von strukturierender und zusammenfassender Inhaltsanalyse nach Mayring [21] analysiert, das heißt, in der ersten Phase erfolgte die strukturierende Auswertung des Materials anhand von 15 Hauptkategorien, die sich stark an den Interviewleitfaden anlehnten, im zweiten Schritt wurde das Material im Sinne der zusammenfassenden Inhaltsanalyse analysiert.

Die Interviews mit den älteren Migrantinnen und Migranten wurden durch 4 Expertengespräche mit Verantwortlichen für Alters- und Migrationsprojekte sowie Imamen ergänzt. Anhand der Expertengespräche konnten Informationen zu schwer zugänglichen Gruppen (Bosnien, Kosovo) und zur Nutzung von Migrantenorganisationen erhoben werden. Auch diese Gespräche wurden auf Tonband aufgenommen und mithilfe der strukturierenden sowie zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring [21] ausgewertet.

In den 3 Untersuchungsgebieten wurde je eine Pilotintervention durchgeführt. Auswahl und Konzeption der Interventionen erfolgten unter Einbezug folgender Informationsquellen:
  • in den Interviews mit den älteren Migrantinnen und Migranten sowie den Expertinnen und Experten ermittelter Informations- und Vernetzungsbedarf,

  • Haupterkenntnisse aus den Interviews in Bezug auf die Bedeutung von Schlüsselpersonen, den Einfluss transnationaler Beziehungen auf die Nutzung von Angeboten sowie die hohe Bedeutung nationalitäten- und sprachspezifischer Netzwerke,

  • Erkenntnisse bisheriger Studien zur Konzeption partizipativer Interventionen (z. B. [1, 11, 20, 30]),

  • langjährige Erfahrungen der Kooperationspartner (Pro Senectute) in der Kooperation mit Migrantenorganisationen.

In Zürich-Altstetten wurde eine Zukunftswerkstätte mit älteren Spanierinnen und Spaniern, in Reinach eine Informationsveranstaltung für ältere italienische Migrantinnen und Migranten in den Räumlichkeiten einer ihrer Organisationen und in Uster eine Informationsmesse zum Thema Leben im Alter, an der Italien als „Gastnation“ teilnahm, durchgeführt. Die Interventionen wurden detailliert dokumentiert und mit den beteiligten Migrantenorganisationen sowie im Forscherteam reflektiert. Der Reflexion zugrunde lag die Frage, inwiefern sich die gewählte Interventionsmethode sowie das Vorgehen bei der Planung und Durchführung für die entsprechende Zielgruppe geeignet haben. Die Erkenntnisse bildeten zusammen mit den Resultaten des Forschungsteils die Grundlage für die Entwicklung des Leitfadens für Verantwortliche im Alters- und Migrationsbereich mit dem Titel „Ältere Migrantinnen und Migranten am Wohnort erreichen“ in deutscher und französischer Sprache [13, 14].

Ergebnisse

Im vorliegenden Abschnitt werden die wichtigsten Ergebnisse von Vicino kurz dargestellt. Wenn nichts anderes erwähnt ist, beziehen sich diese auf den Forschungsteil.

Hohe Bedeutung nationalitäten- und sprachspezifischer Netzwerke

Formelle und informelle nationalitäten- bzw. sprachspezifische Netzwerke (religiöse, kulturelle, arbeitsbezogene sowie humanitär tätige Organisationen) haben insbesondere für Personen, denen es Mühe bereitet, sich auf Deutsch auszudrücken, eine hohe Bedeutung, wie folgende 2 Zitate aus den Interviews zeigen:

Es ist wie ein zweites Haus. Meine Freizeitbeschäftigung ist die Mission. (Italienische Migrantin über die Missione Cattolica di lingua italiana)

Die Kirche ist unsere größte Abwechslung, wir haben die Gelegenheit, uns zu unterhalten, Kaffee zu trinken. (Serbische Migrantin über die serbisch-orthodoxe Kirche)

Diese Organisationen übernehmen zahlreiche Aufgaben, wie z. B. die Organisation von Treffpunkten und Veranstaltungen, aber sie spielen auch eine zentrale Rolle bei der Betreuung und Beratung älterer Personen. Ein breites Angebot an solchen Netzen ist in Städten vorhanden; kleinere Gemeinden und insbesondere ländliche Regionen können diese Breite an sprach- und nationalitätenspezifischen Netzen jedoch nicht gewährleisten.

Regelstrukturen (z. B. Angebote der Pro Senectute) werden von den interviewten Personen mit wenig Deutschkenntnissen selten genutzt, von Personen mit guten Deutschkenntnissen hingegen schon. Neben den Sprachkenntnissen spielt auch die Informationslage über bestehende Angebote eine wichtige Rolle bei der Nutzung der Angebote.

Transmigration statt Migration

Die Ergebnisse aus den Interviews zeigen, dass das „Pendeln“ vom Aufnahme- ins Herkunftsland einen Einfluss darauf hat, wie bestehende Angebote der Alters- und Migrationshilfe sowie migrationsspezifische Netzwerke genutzt werden. Der Einfluss zeigt sich in zweierlei Hinsicht:
  • Netzwerke in der Schweiz werden von älteren Migrantinnen und Migranten in den Monaten genutzt, in denen sie nicht im Herkunftsland weilen.

  • Aufgrund von Pendelabwesenheiten sind ältere Migrantinnen und Migranten häufig eher punktuell und bezogen auf einzelne Aktivitäten in ihren Vereinen und Netzwerken engagiert und üben keine aktiven Funktionen aus.

Ältere Migrantinnen und Migranten sind im Sinne von Pries [23] als „Transmigranten“ zu verstehen, insbesondere im „Dritten Alter“, das Oswald und Konopik [22] als besonders „ressourcenreich“ bezeichnen. Häufige und längere Kontakte im Herkunftsland werden gemäß den Ergebnissen von Vicino begünstigt durch soziale und familiäre Bezugspunkte, eigene Immobilien im Herkunftsland und ein Gefühl, dort zu Hause zu sein, wie es ein Interviewpartner ausdrückt:

Wenn ich in die Türkei gehe, kenne ich alles, und alles ist eher einfacher für mich. Die Natur, die Leute und Kultur. Alles ist mir sehr bekannt, und ich fühle mich sehr wohl. (Migrant aus der Türkei)

Eher lose Kontakte zum Herkunftsland sind insbesondere dann feststellbar, wenn enge familiäre Beziehungen in der Schweiz bestehen, z. B. zu Kindern und Enkelkindern oder, wenn sich familiäre Bindungen im Herkunftsland auflösen (z. B. durch Tod der eigenen Eltern). Auch eine hohe Identifikation mit dem Aufnahmeland Schweiz kann dazu führen, dass die Bezugspunkte zum Herkunftsland eher lose sind:

Wenn jemand 50 Jahre hier gelebt hat, hat er sich schon an das Leben hier gewöhnt. Ich fühle mich mehr als Schweizerin und weniger als Italienerin. Mit der Zeit merkst du, dass dein Platz hier ist und nicht dort. (Migrantin aus Italien)

Schlüsselpersonen als Brücke zwischen Regelstrukturen und Migrantenorganisationen

Die Aussage einer Expertin: „Wenn man den Imam in der Tasche hat, hat man den ganzen Verein“, zeigt die hohe Bedeutung auf, die Schlüssel- und Vertrauenspersonen in den Migrantenorganisationen und -vereinigungen für den Zugang zu älteren Migrantinnen und Migranten haben.

Diskriminierungserfahrungen in der Schweiz, sprachliche Hürden, schlechte Erfahrungen generell mit Regelstrukturangeboten sowie fehlende Informationen über bestehende Organisationen sind Gründe dafür, dass ältere Migrantinnen und Migranten, insbesondere mit eher geringen Deutschkenntnissen, diese Organisationen wenig nutzen.

Die in Vicino durchgeführten Interventionen haben gezeigt, dass eine aktive Herstellung von Kontakten zu Migrantenorganisationen durch Regelstrukturen (in der Regel über Schlüsselpersonen), zugehende Ansätze und eine partizipative Einbindung von älteren Personen mit Migrationshintergrund in allen Phasen der Angebotsentwicklung Zugangsbarrieren zu Regelstrukturen abbauen. Interventionen sind v. a. dann erfolgreich, wenn sie in den eigenen Strukturen der Migrantinnen und Migranten („Setting“-Ansatz; [30]) geplant werden, in der Muttersprache stattfinden und auch niederschwellige Zugänge (z. B. Aufsuchen der älteren Migrantinnen und Migranten in ihren Lieblingscafés) einbeziehen.

Der Kontaktaufbau zwischen Regelstrukturen und Organisationen von Migrantinnen und Migranten braucht Zeit, d. h., es ist ein „commitment à la longue“ unter Einbezug mehrerer Schlüsselpersonen (zur Vermeidung von Überlastung und Personenabhängigkeit) nötig, wie im Projekt Vicino aufgezeigt werden konnte. Ein wertschätzender Umgang mit den Schlüsselpersonen, bei dem auch darauf geachtet wird, dass beide Seiten profitieren (win-win), ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit wichtig.

Diskussion

Die hohe Bedeutung, die Migrantenorganisationen für ältere Migrantinnen und Migranten haben, zeigte sich auch in anderen Studien aus der Schweiz (z. B. [19]) oder aus Deutschland [24]. Diese Erkenntnis weist darauf hin, Migrantenorganisationen bei der Vernetzung mit Regelstrukturen und der Entwicklung von neuen Angeboten unbedingt als wichtige Akteure einzubeziehen.

Dass sich eine partizipative Einbindung älterer Migrantinnen und Migranten bei der Entwicklung von Angeboten der Altershilfe lohnt, zeigt sich auch in internationalen Initiativen, beispielsweise in den Projekten „active ageing oft migrant elders across europe“ (AAMEE, [11]), „AMIQUS – ältere MigrantInnen im Quartier: Stützung und Initiierung von Netzwerken der Selbstorganisation und Selbsthilfe“ (Deutschland, [20]) oder MIGRALTO (für die Schweiz, [1]).

Wie schon in der umfangreichen Studie zum Engagement von Migrantenorganisationen in der Schweiz von Cattacin und Domenig [10], weisen auch die Ergebnisse von Vicino auf die Herausforderungen der Transnationalisierung hin, die sich sowohl für Migrantenorganisationen als auch für die Vernetzung dieser mit bestehenden Regelstrukturen ergeben. Gemäß Pries [23] ist dem Thema der Transnationalisierung in der Forschung zunehmende Aufmerksamkeit zu schenken. Erste Forschungsergebnisse hat Yilmaz für die ältere türkische Bevölkerung in Deutschland generiert, wobei er beispielsweise auf die gesundheitspräventiven Aspekte des Pendelns [29] hinweist.

In Vicino hat sich wie bereits in früheren Studien die Heterogenität der älteren Migrationsbevölkerung gezeigt. Zentral in Bezug auf die sozialräumliche Perspektive ist insbesondere die Heterogenität hinsichtlich der Vernetzungsbedürfnisse, der aktuellen Vernetzung mit Regelstrukturen und eigenen Organisationen, der Sprachkenntnisse und der Pendelaktivitäten. Bei den Interventionen in Vicino hat sich bestätigt, dass sowohl beim Zugang zu älteren Migrantinnen und Migranten als auch bei deren Anbindung an Regelstrukturen dieser Heterogenität Rechnung getragen werden muss und statt vorschnellen Kategorisierungen und Kulturalisierungen im ersten Schritt das Gegenüber (d. h. ältere Migrantinnen und Migranten mit ihren Organisationen) in seiner Individualität und mit den eigenen Bedürfnissen kennengelernt werden muss. Für den Zugang und den Vertrauensaufbau zu Migrantinnen und Migranten können Schlüsselpersonen, die mit den Regelstrukturen und der Migrantenorganisation vertraut sind, einen wichtigen Beitrag leisten.

Fazit für die Praxis

  • Ältere Migrantinnen und Migranten sind eine sehr heterogene Gruppe, deren Bedürfnisse jeweils spezifisch erfasst werden müssen.

  • Ihr Einbezug bei der Entwicklung von neuen Angeboten im Alters- und Migrationsbereich braucht gemäß Vicino ein „commitment à la longue“, d. h. eine kontinuierliche Zusammenarbeit, bei der Vertrauen aufgebaut wird.

  • Wertschätzende Begegnungen und aktiver Einbezug der älteren Migrantinnen und Migranten stärken die lokale Vernetzung vor Ort.

  • Veranstaltungen und Informationen sind bei Bedarf in der Muttersprache der betreffenden Personen durchzuführen.

  • Schlüsselpersonen stellen eine zentrale Ressource dar, für den Zugang zu Migrantinnen und Migranten und ihren Einbezug bei der Konzeption von Regelstrukturangeboten.

  • Pendelaktivitäten der Migrantinnen und Migranten müssen bei der Angebotsplanung berücksichtigt werden, sowohl seitens der Regelstrukturen wie auch seitens der Migrantenorganisationen. Der Transnationalität ist in zukünftigen Forschungen stärkere Bedeutung beizumessen.

Fußnoten

  1. 1.

    Dies trifft im Jahr 2015 zu für Personen aus Italien, Spanien, Portugal, der Türkei, Frankreich, Deutschland, dem Vereinigen Königreich und Österreich.

  2. 2.

    Es ist davon auszugehen, dass etwas mehr als ein Viertel der Personen mit Schweizer Nationalität eingebürgert sind. Im Jahr 2014 beispielsweise sind knapp 28 % der Personen mit Migrationshintergrund (aller Altersklassen) der 1. Generation eingebürgerte Ausländerinnen und Ausländer [8].

  3. 3.

    Serbien (43,6 %), Bosnien und Herzegowina (30,2 %), Kroatien (28,7 %), Mazedonien (27,9 %) und Montenegro (25,0 %; [3]).

  4. 4.

    In Art. 2 Abs. 3 der Verordnung über die Integration von Ausländerinnen und Ausländern (VlntA) vom 24. Oktober 2007.

  5. 5.

    Aufgrund der zum Zeitpunkt der Studie fehlenden statistischen Quellen zur Migrationsbevölkerung, unabhängig vom Kriterium der Nationalität, wurden nur Daten zu Ausländerinnen und Ausländern analysiert.

Notes

Förderung

„Vicino“ wurde ursprünglich finanziert von der Walder Stiftung sowie der Pro Senectute Schweiz.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Johner-Kobi und M. Gehrig geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Alle beschriebenen Untersuchungen, in welchen Menschen involviert waren, wurden in Einklang mit dem nationalen Recht durchgeführt. Alle Forschungsteilnehmenden wurden detailliert über die Studie informiert und willigten freiwillig in eine Teilnahme ein.

Literatur

  1. 1.
    Abati V, Hungerbühler H (2011) MIGRALTO. Ein partizipatives Modell für die aktive Bürgerschaft der älteren Migrationsbevölkerung in Schweizer Gemeinden. Kurzfassung. http://www.integration.sg.ch/home/publikationen/_jcr_content/Par/downloadlist_1/DownloadListPar/download_4.ocFile/KURZFASSUNG_-_MIGRALTO_291220111.pdf. Zugegriffen: 21. Mai 2015Google Scholar
  2. 2.
    BFS (2014) Altersmasszahlen der ständigen Wohnbevölkerung nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht, 2014. Tabelle T01.02.03.03. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/infothek/lexikon/lex/0.Document.20565.xls. Zugegriffen: 14. Apr. 2016Google Scholar
  3. 3.
    BFS (2015) Auswanderung der ständigen Wohnbevölkerung nach Jahr, Kanton, Geschlecht, Staatsangehörigkeit (Land) und Altersklasse. https://www.pxweb.bfs.admin.ch/Selection.aspx?px_language=de&px_db=px-x-0103020300_102&px_tableid=px-x-0103020300_102\px-x-0103020300_102.px&px_type=PX. Zugegriffen: 9. Sept. 2016Google Scholar
  4. 4.
    Bolzman C, Fibbi R, Vial M (1996) La population âgée immigrée face à la retraite: problème social et problématiques de recherche. In: Wicker H‑R, Alber J‑L, Bolzman C, Imhof K, Wimmer A (Hrsg) Das Fremde in der Gesellschaft. Seismo, Zürich, S 123–142Google Scholar
  5. 5.
    Bolzman C, Fibbi R, Vial M (1993) Les immigrés face à la retraite: rester ou retourner? Schweiz Z Volkswirtsch Stat 129:371–384PubMedGoogle Scholar
  6. 6.
    Bolzman C, Fibbi R, Vial M (2001) Les immigrés vieillissent aussi... De nouveaux défis pour la prise en charge. Nova 32(2):21–25Google Scholar
  7. 7.
    Bolzman C, Fibbi R, Vial M (1999) Les Italiens et les Espagnols proches de la retraite en Suisse: situation et projets d’avenir. Gérontol Soc 91:137–151Google Scholar
  8. 8.
    Bundesamt für Statistik (2015) Bevölkerung nach Migrationsstatus. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/07/blank/key/04.html. Zugegriffen: 28. Sept. 2016Google Scholar
  9. 9.
    Bundesamt für Statistik (BFS) (2015) Ständige Wohnbevölkerung ab 15 Jahren nach Migrationsstatus und verschiedenen soziodemographischen Merkmalen, 2014. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/07/blank/key/04/06.Document.189165.xls. Zugegriffen: 14. Apr. 2016Google Scholar
  10. 10.
    Cattacin S, Domenig D (2012) Inseln transnationaler Mobilität. Freiwilliges Engagement in Vereinen mobiler Menschen in der Schweiz. Seismo, ZürichGoogle Scholar
  11. 11.
    Eppe C (2012) Aktives Altern ältere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – Das Projekt „Active Ageing of Migrant Elders Across Europe“ (AAMEE). In: Heinrich Böll Stiftung (Hrsg) Altern in der Migrationsgesellschaft. Dossier. Heinrich Böll Stiftung, Berlin, S 67–72Google Scholar
  12. 12.
    Fibbi R, Bolzman C, Vial M (1999) Alter und Migration: Europäische Projekte mit älteren Migranten und Migrantinnen. Pro Senectute, ZürichGoogle Scholar
  13. 13.
    Guntern R, Raymann A, Johner-Kobi S et al (2015) Ältere Migrantinnen und Migranten am Wohnort erreichen. Leitfaden für Verantwortliche aus dem Alters- und Migrationsbereich. https://www.zhaw.ch/storage/shared/sozialearbeit/Forschung/Vielfalt_gesellschaftliche_Teilhabe/Migration/Vicino_Leitfaden-Migration-zhaw.pdf. Zugegriffen: 22. Sept. 2016Google Scholar
  14. 14.
    Guntern R, Raymann A, Johner-Kobi S et al (2015) Atteindre les migrants âgées dans leur lieu de vie. Guide pour les responsables spécialistes des domaines de l’âge de de la migration. https://www.zhaw.ch/storage/shared/sozialearbeit/Forschung/Vielfalt_gesellschaftliche_Teilhabe/Migration/Leitfaden-Migration-zhaw-FR.pdf. Zugegriffen: 22. Sept. 2016Google Scholar
  15. 15.
    Hungerbühler H, Bisegger C (2012) „Und so sind wir geblieben....“. Ältere Migrantinnen und Migranten in der Schweiz. Eidgenössische Kommission für Migrationsfragen EKM, BernGoogle Scholar
  16. 16.
    Kanton Aargau Departement Finanzen und Ressourcen (2015) Auswahl von Gemeindedaten. Stand 1.1.2015. https://www.ag.ch/de/dfr/statistik/statistische_daten/eckdaten/eckdaten_gemeinden/eckdaten_gemeinden_1.jsp. Zugegriffen: 21. Sept. 2016Google Scholar
  17. 17.
    Kanton Aargau Departement Finanzen und Ressourcen (2016) Kanton Aargau, Bevölkerungsstatistik. Spezialauswertungen im Rahmen des Projektes vicino: Gemeinde Reinach nach Alter und Nationalität, Stand 31.12.2015.Google Scholar
  18. 18.
  19. 19.
    Kobi S (2008) Unterstützungsbedarf älterer Migrantinnen und Migranten. Eine theoretische und empirische Untersuchung. Peter Lang, BernGoogle Scholar
  20. 20.
    May M, Alisch M (2013) AMIQUS – Unter Freunden. Ältere Migrantinnen und Migranten in der Stadt. Barbara Budrich, OpladenGoogle Scholar
  21. 21.
    Mayring P, Gahleitner SB (2010) Qualitative Inhaltsanalyse. In: Bock K, Miethe I (Hrsg) Handbuch Qualitative Methoden in der Sozialen Arbeit. Barbara Budrich, Opladen, S 295–304Google Scholar
  22. 22.
    Oswald F, Konopik N (2015) Bedeutung von ausserhäuslichen Aktivitäten, Nachbarschaft und Stadtteilidentifikation für das Wohlbefinden im Alter. Z Gerontol Geriatr 48(5):401–407CrossRefPubMedGoogle Scholar
  23. 23.
    Pries L (Hrsg) (2010) Transnationalisierung. Theorie und Empirie grenzüberschreitender Vergesellschaftung. VS, WiesbadenGoogle Scholar
  24. 24.
    Schäfer G, Brinkmann D, Freericks R et al (2015) Gestaltung und Wahrnehmung niedrigschwelliger Angebote für ältere Migranten im Stadtteil. Chancen für eine soziale Teilhabe im Kontext des freiwilligen Engagements. Z Gerontol Geriatr 48:426–433CrossRefPubMedGoogle Scholar
  25. 25.
    Stadt Uster (2016) Uster: viel städtische Lebensqualität. http://www.uster.ch/de/portrait/portraitpraesentation/. Zugegriffen: 21. Sept. 2016Google Scholar
  26. 26.
    Stadt Zürich (2016) Quartierspiegel 2015. Altstetten. Statistik Stadt Zürich, ZürichGoogle Scholar
  27. 27.
  28. 28.
    Tripartite Agglomerationskonferenz TAK (2009) Weiterentwicklung der schweizerischen Integrationspolitik. Bericht und Empfehlungen der TAK vom 29. Juni 2009. http://staedteverband.ch/cmsfiles/2009_tak_bericht_weiterentwicklung_der_schweizerischen_integrationspolitik.pdf. Zugegriffen: 25. Nov. 2016Google Scholar
  29. 29.
    Yilmaz T (2012) Transnationale Migration. Dargestellt am Beispiel des Pendelns älterer, in Deutschland dauerhaft lebender türkischer Migrantinnen und Migranten. Theor Prax Soz Arb 63:192–198Google Scholar
  30. 30.
    Zeman P (2012) Ältere Migrantinnen und Migranten in der Altenhilfe und kommunalen Alternspolitik. In: Baykara-Krumme H, Motel-Klingebiel A, Schimany P (Hrsg) Viele Welten des Alterns. Ältere Migranten im alternden Deutschland. SpringerVS, Wiesbaden, S 449–465CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag Berlin 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Departement Soziale Arbeit, Institut für Vielfalt und gesellschaftliche TeilhabeZürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)ZürichSchweiz

Personalised recommendations