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Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie

, Volume 49, Issue 8, pp 677–678 | Cite as

Gender und Pflege

Editorial

Gender and nursing

Mit „Gender“ und „Pflege“ werden zwei Begriffe aufeinander bezogen, zu denen in den vergangenen Jahrzehnten unzählige empirische und theoretische Arbeiten vorgelegt wurden. Eine Durchsicht der nun schon fast 50 Jahrgänge der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie zeigt, dass das Thema Pflege in der Zeitschrift großen Raum einnimmt und das Thema Geschlecht zunehmend berücksichtigt wird – insbesondere als Querschnittsthema im Kontext empirischer Beiträge. Theoretische Auseinandersetzungen mit dieser Kategorie sozialer Ungleichheit finden sich demgegenüber weit seltener. In der Folge können die zahlreichen Beiträge der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, die sich mehr oder weniger explizit auf die mit dem Geschlecht einhergehende Ungleichverteilung von Macht und Chancen beziehen, hier in ihrer Breite nicht ansatzweise gewürdigt werden. Festzustellen ist zugleich, dass die sozialkonstruktivistische Perspektive außerhalb der Geschlechterforschung im engeren Sinne und so auch in dieser Zeitschrift eher randständig ist. Dabei formulierte Simone de Beauvoir bereits 1949 den Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ [1]. Damit hatte sie nicht nur die Differenz zwischen „Sex/Geschlecht“ und „Gender“ markiert, sondern auch treffend beschrieben, was später von West und Zimmerman [2] als „Doing Gender“ in die sozialwissenschaftliche Forschung eingeführt und seither vielfach mit den unterschiedlichsten Methoden erforscht wurde. Längst kann als gesichert gelten, dass Geschlechterrollen nicht auf biologische Unterschiede zurückzuführen sind, sondern auf sozialen Zuschreibungen basieren, die in Interaktion mit der gesellschaftlichen und räumlichen Umwelt (re-)konstruiert werden und damit auch zu verändern sind. Dieses „Doing Gender“ prägt den Alltag aller Menschen bis ins höchste Alter und ist eng verwoben mit sozioökonomischen Lebenslagen und konkreten Lebenssituationen.

Mit dem Begriff der Pflege wird eine spezielle Lebenssituation angesprochen: Die Pflegebedürftigen benötigen zur Bewältigung ihres Alltags Unterstützung, die von anderen, seien es bezahlte Pflegekräfte oder Angehörige, in verschiedenen Settings erbracht wird. Die Konstruktion von „Gender“ in der Pflege spielte schon in den 1980er-Jahren eine Rolle. Man denke an die Diskussionen über das hohe „weibliche Alter“, an die „weibliche Pflege“ durch Angehörige im Kontext von geschlechtsspezifischer Sozialisation und Rollenverteilung sowie die im Vergleich zu Männern niedrigeren sog. Opportunitätskosten [3]. Noch heute gilt, dass die Pflege alter Menschen als Teil der gesellschaftlich notwendigen reproduktiven Sorgearbeit unabhängig davon, wo sie erbracht wird, ob im Privathaushalt oder institutionell, bezahlt oder unbezahlt, legal oder illegal, meist von Frauen geleistet wird. Bekannt ist weiterhin, dass in Pflegeheimen – wie in anderen Sozialberufen auch – Frauen überwiegend die schlechter bezahlten und weniger anerkannten personenbezogenen Dienstleistungen verrichten, während Männer vor allem die höheren Positionen besetzen. Insofern ist es paradox, dass die an der Pflege beteiligten Menschen in der aktuellen öffentlichen und in der Fachdiskussion meist entweder als Pflegebedürftige, als pflegende Angehörige oder Pflegekräfte bezeichnet werden – also mit geschlechtsneutralen Bezeichnungen – wiewohl allgemein bekannt ist, dass es sich weit überwiegend um Frauen handelt.

Eine gewisse „Genderblindheit“ lässt sich trotz (oder wegen?) vielfacher Vorgaben zum „Gender-Mainstreaming“ auch in der Forschung erkennen. Dabei werfen die Pflege und der Unterstützungsbedarf im Alter immer wieder neue Fragen auf, die eng mit Geschlechterrollen verknüpft sind [4]. Sie werden in diesem Schwerpunkt unter dem Titel „Gender und Pflege“ aufgegriffen.

Der Beitrag von Erna Dosch ist im Kontext der Fragen danach angesiedelt, von wem mit welcher Genderzugehörigkeit welche Art von Unterstützung erwartet und geleistet wird und wie pflegende Angehörige unterschiedlichen Geschlechts ihre Rolle an- und wahrnehmen. Unter dem Titel „Neue Männer hat das Land“ wird gezeigt, wie Männer Pflege und Beruf vereinbaren und dabei entgegen der Annahme, dass sie stärker „managerial“ pflegen und vermehrt technische oder organisatorische Aufgaben übernehmen, durchaus unterschiedliche „Pflegestile“ kultivieren. Die anderen Beiträge fokussieren das Pflegeheim als meist letzten Lebensort mit seinen besonderen Risiken eines zunehmenden Autonomieverlusts unter den Bedingungen einer – potenziell totalen – Institution. Josefine Heusinger und Sabine Dummert fragen danach, wie alte, gebrechliche Menschen mit ihrer Abhängigkeit und dem (notwendig werdenden) Eindringen in ihre Privat- und Intimsphäre umgehen, welche genderbedingte Wünsche sie bezüglich der Pflege haben und welche Spielräume und Grenzen des Doing Gender sich in der bis heute oft noch krankenhausähnlich durchstrukturierten Lebenswelt Pflegeheim bieten. Der Beitrag befasst sich mit genderspezifischen Bedürfnissen von PflegeheimbewohnerInnen rund um die Körperpflege. Ein weiterer Beitrag befasst sich ebenfalls mit den Wünschen der BewohnerInnen: Christian Teubner und andere zeigen, dass genderspezifische Angebote insbesondere dort vorgehalten werden, wo Beschäftigungswünsche der BewohnerInnen bei Einzug erfasst werden, wo Genderaspekte in der Pflegeplanung berücksichtigt und in den Pflegeteams regelmäßig reflektiert werden. Auch Elisabeth Reitinger und andere widmen sich dem „Doing Gender“ im Altenpflegeheim, nehmen aber die Perspektiven von Mitarbeitenden und Führungskräften in den Blick, wodurch sie nachzeichnen können, wie sich im Pflegeheime genderspezifische Machtstrukturen reproduzieren.

Zwar zeigen die Beiträge, dass sich Männer und Frauen nicht auf ihre Genderzugehörigkeit reduzieren lassen, sondern heterogen und individuell agieren. Die Berücksichtigung individueller Wünsche von Pflegebedürftigen, von denen genderspezifische Bedürfnisse ein Teil sein können, muss deshalb als der Weg der Wahl gelten. Zugleich führen die AutorInnen der Texte den Nachweis, dass die beschriebenen Pflegesettings von oberflächlich kaum wahrgenommenen Genderdifferenzen und Genderrollen tief geprägt sind. Die hier aus verschiedenen Perspektiven gestellten Fragen nach der zukünftigen Gestaltung einer für alle Beteiligten guten Versorgung oder gar nach einer „care revolution“ [5] werden sich also ohne Berücksichtigung der Genderperspektive kaum befriedigend beantworten lassen. Dafür sind die genderspezifischen moralischen Erwartungen, die ungleiche Bezahlung und die tradierte Arbeitsteilung in den Familien und der Gesellschaft zu eng mit der Gestaltung der Sorgearbeit verwoben.

Notes

Interessenkonflikt

K. Aner, K. Kammerer und J. Heusinger geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    de Beauvoir S (2000) Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt, HamburgGoogle Scholar
  2. 2.
    West C, Zimmerman DH (1987) Doing gender. Gend Soc 2:125–151CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Dallinger U (1997) Ökonomie der Moral. Konflikt zwischen familiärer Pflege und Beruf aus handlungstheoretischer Perspektive. Westdeutscher Verlag, OpladenGoogle Scholar
  4. 4.
    Heusinger J, Kammerer K (2013) Literaturstudie Pflege und Gender. Abschlussbericht zum ZQP Projekt. ZQP, BerlinGoogle Scholar
  5. 5.
    Winker G (2015) Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. trancript, BielefeldGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.FB SGMHochschule Magdeburg-StendalMagdeburgDeutschland
  2. 2.Institut für Gerontologische Forschung e. V.BerlinDeutschland
  3. 3.Fachgebiet Lebenslagen und AlternUniversität Kassel KasselDeutschland

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