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Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie

, Volume 49, Issue 8, pp 685–691 | Cite as

„Genderspezifische Bedürfnisse von Pflegeheimbewohner_innen“

Fokus Körperpflege
  • J. Heusinger
  • S. Dummert
Beiträge zum Themenschwerpunkt

Zusammenfassung

Hintergrund

Pflegeeinrichtungen sind spezialisiert auf die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und zur Achtung von deren Würde und Selbstbestimmungsrechten verpflichtet. Dazu gehört der respektvolle Umgang mit genderspezifischen Bedürfnissen und Wünschen der BewohnerInnen. Ein wichtiger Bereich, auf den sich diese Wünsche beziehen, ist die Körperpflege.

Ziel der Arbeit

In einer Studie wurde die genderspezifische Wahrnehmung von Pflege und Alltag im Pflegeheim aus Sicht der BewohnerInnen untersucht. Der Beitrag fokussiert genderübergreifende und -spezifische Bedürfnisse im Bereich der Körperpflege, um Veränderungsbedarfe aufzuzeigen.

Material und Methoden

In 4 Einrichtungen wurden insgesamt 10 männliche und 10 weibliche BewohnerInnen ohne kognitive Beeinträchtigung leitfadengestützt interviewt. Die inhaltsanalytische Auswertung und Ergebnisdarstellung erfolgten in 2 Schritten: Zunächst wurde rekonstruiert, wie die Befragten ihren Alltag und die Pflege erleben; dann wurde die Genderspezifik analysiert.

Ergebnisse

Im Bereich der Körperpflege wurden sowohl universale als auch genderspezifische Bedürfnisse identifiziert. Genderübergreifend fand sich der – teilweise verletzte – Wunsch nach Achtung von Würde und Intimsphäre. Ebenfalls genderübergreifend war das Bedürfnis nach sinnstiftender Kommunikation und achtsamer Beziehungsgestaltung. Genderspezifische Wünsche bezogen sich insbesondere auf das Geschlecht der Personen, die bei der Körperpflege unterstützen bzw. diese durchführen.

Schlussfolgerung

Neben einer besseren Wahrnehmung und Berücksichtigung genderspezifischer Bedürfnisse ist es notwendig, die Pflege in stationären Einrichtungen differenziert auf die individuellen Bedürfnisse der BewohnerInnen abzustimmen. Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der Perspektive der Pflegekräfte und der Entwicklung von partizipativen Methoden der Gestaltung des Heimalltags, gemeinsam mit den BewohnerInnen.

Schlüsselwörter

Bewohnerperspektive Geschlecht Selbstbestimmung Gender Scham 

“Gender-specific needs of nursing home residents”

Focus on personal hygiene

Abstract

Background

Residential nursing homes are specialized in dealing with people in need of care and are required to respect their dignity and right to self-determination. This includes the respectful handling of gender-specific needs and wishes of residents. Personal hygiene is one important area to which this applies.

Objective

This study was carried out to investigate residents’ gender-specific perception of life and care in nursing homes. This article focuses on unspecific and gender-specific needs in the area of personal hygiene, seeking to identify where changes are needed.

Material and methods

Structured interviews were conducted in four nursing homes with a total of ten male and ten female residents without cognitive impairments. Content analysis and description of findings proceeded in two stages: interviewees’ experiences of everyday life and care were first reconstructed before gender-specific aspects were analyzed.

Results

Both universal and gender-specific needs were identified in the area of personal hygiene. The gender-unspecific wish for respect for dignity and privacy was in some cases neglected. A need for meaningful communication and respectful relationships was also gender-unspecific. Gender-specific wishes related in particular to the gender of persons assisting with or conducting personal hygiene measures.

Conclusion

In addition to improved perception and consideration of gender-specific needs, it is also necessary to adapt nursing in residential institutions more closely to the individual needs of residents. Further research is needed in relation to the perspectives of nursing staff and the development of participatory methods for involving residents in shaping everyday life in residential institutions.

Keywords

Residents’ perspective Sex Self determination Gender Shame 

Notes

Danksagung

Die Autoren danken Sina Berndt, Lena Junk, Kerstin Kammerer und Katrin Falk sowie Nico Pfeil und Thorsten Stellmacher für ihre Mitwirkung in den Projektarbeiten.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

J. Heusinger und S. Dummert geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Authors and Affiliations

  1. 1.Hochschule Magdeburg-StendalMagdeburgDeutschland
  2. 2.Institut für Gerontologische Forschung e. V.BerlinDeutschland

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