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Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie

, Volume 45, Issue 7, pp 647–657 | Cite as

Geriatrietypische Multimorbidität im Spiegel von Routinedaten – Teil 2

Ambulante und stationäre Diagnosen bei geriatrisch versorgten und pflegebedürftigen Versicherten
  • M. Meinck
  • N. Lübke
  • F. Ernst
Originalarbeit

Zusammenfassung

Hintergrund

Die demographiebedingt immer bedeutsamer werdende Versichertengruppe mit Multimorbidität im höheren Lebensalter stellt uns vor große gesellschaftliche, medizinische und pflegerische Herausforderungen. In unterschiedlichen Zusammenhängen kann die Identifikation von Versicherten mit geriatrietypischen Merkmalskomplexen (GtMK) Ansätze für neue Versorgungsangebote und Qualitätssicherungsmaßnahmen bieten.

Material und Methoden

In Teil 2 des Beitrags wird die versichertenbezogene Übereinstimmung von GtMK mit einer geriatrietypischen Multimorbidität (GtMM) anhand von GKV-Routinedaten aus unterschiedlichen Versorgungssektoren in Abhängigkeit von der Inanspruchnahme geriatrischer Krankenhausbehandlung und dem Vorliegen von Pflegebedürftigkeit nach SGB XI untersucht. Für AOK-Versicherte (Alter ≥ 60 Jahre, mindestens eine stationäre Behandlung in einem Krankenhaus mit geriatrischer Fachabteilung) wurde versichertenbezogen die Häufigkeit von GtMK und GtMM in stationären und ambulanten Diagnosedaten des Jahres 2008 ermittelt und der Grad an Übereinstimmung der Diagnosestellungen in den beiden Versorgungssektoren bestimmt. Die GtMM wurde dabei als Vorliegen von mindestens zwei GtMK definiert.

Ergebnisse

Auf der Grundlage ambulanter und stationärer Diagnosen der 240.502 eingeschlossenen AOK-Versicherten variierten die Anteile der 15 geprüften GtMK in ambulanten und stationären Diagnosen deutlich. In einzelnen GtMK überwogen Anteile in ambulanten (z. B. Schmerz, Seh-/Hörstörung) und in stationären Diagnosen (z. B. Flüssigkeits-/Elektrolythaushaltsstörung, Fehl-/Mangelernährung, Inkontinenz) deutlich. Nur selten wurden geringe Unterschiede zwischen den Anteilen einzelner GtMK in den Diagnosen der beiden Versorgungssektoren beobachtet. Dies begrenzt die sektorenübergreifende Übereinstimmung im Sinne eines gemeinsamen Vorliegens oder Nichtvorliegens eines GtMK in ambulanten und stationären Diagnosen erheblich. Der Schwerpunkt der Übereinstimmungen lag auf Nichtkodierungen der einzelnen GtMK weder in ambulanten noch in stationären Diagnosen. Geriatrisch versorgte sowie Versicherte mit Pflegestufe (PS) gemäß SGB XI wiesen regelhaft höhere Anteile an den einzelnen GtMK sowohl in stationären als auch ambulanten Diagnosen gegenüber nichtgeriatrisch versorgten bzw. Versicherten ohne PS auf. Hinsichtlich des Vorliegens von GtMM in ambulanten oder stationären Diagnosen zeigten sich sowohl bei geriatrisch Versorgten wie auch bei Versicherten mit PS Anteile von rund 90%, die deutlich über den GtMM-Anteilen bei nichtgeriatrisch Versorgten und Versicherten ohne PS lagen.

Schlussfolgerungen

Die Einbeziehung ambulanter neben stationären Diagnosedaten bietet umfassendere Identifikationsmöglichkeiten von Versicherten mit GtMM. Die beiden Versorgungssektoren tragen merkmals- und versichertenbezogen in sehr unterschiedlichem Umfang zur Identifikation einzelner GtMK und damit auch GtMM bei. Zudem zeigen sich deutliche merkmalsbezogene Überschneidungen von Versicherten mit Inanspruchnahme geriatrischer Versorgungsleistungen und Versicherten mit PS. Diese Überschneidungen könnten Ansatzpunkte für vereinfachte Identifikationsmöglichkeiten eines Teils von Versicherten mit geriatrietypischen Merkmalskasuistiken eröffnen.

Schlüsselwörter

Multimorbidität Routinedaten Pflegeversicherung Geriatrische Versorgungsangebote Ältere 

Geriatric multimorbidity in claims data – part 2

Diagnoses of hospitals and diagnoses from physicians in the ambulatory setting

Abstract

Background

Due to demographics, characteristic multimorbidity in geriatric patients is resulting in increased social, medical, and healthcare challenges. Geriatric multimorbidity (GM) can be defined as the simultaneous occurrence of at least two diseases that require medical care with an interdisciplinary focus on independence in activities of daily living. Typical conditions of GM are, e.g., incontinence, cognitive impairment, frailty, and decubitus.

Material and methods

Part 2 of this study is based on claims data of 240,502 AOK insurants (AOK is one of the major health insurance companies of the German statutory health insurance system) aged ≥ 60 years with at least one admission to a hospital with a geriatric ward. Geriatric conditions (GCs) were ascertained in two ways: diagnoses from physicians in the ambulant care setting and diagnoses in a hospital setting in 2008. A total of 15 GC were assessed using diagnoses based on ICD-10 codes (as per suggestion from scientific geriatric societies). An insurant was defined as a person with GM, if he/she had at least two GCs.

Results

The proportion of GCs in ambulant or inpatient diagnoses of 240,502 insurants varied significantly in most cases. For specific GCs, considerably higher proportions of ambulant diagnoses (e.g., pain, impairment of vision, or hearing) or for inpatient diagnoses (e.g., electrolyte or fluid metabolism disorders, malnutrition, incontinence) were identified. Only on rare occasions were small differences observed comparing the proportions of specific GCs in the diagnoses of the two different care sectors. This finding reduces considerably the accordance between the two care sectors with reference to the presence or absence of a GC for ambulant or inpatient diagnoses. The main agreement was with the non-coding of specific GCs, not with ambulant or inpatient diagnoses. Insurants with a geriatric hospital admission or certain care level (level ≥ 1) generally had higher proportions for specific GCs for inpatient and ambulant diagnoses than non-geriatric treated insurants or insurants without a certain care level. Of the geriatric treated insurants and those with certain care levels, 90% were characterized by the presence of GM for both ambulant or inpatient diagnoses. This percentage is remarkably higher than for patients who featured no geriatric treatment or had no certain care level.

Conclusion

The inclusion of ambulant diagnoses in addition to inpatient diagnosis offers comprehensive possibilities to identify insurants with GM in claims data. The contribution of the diagnoses of both care sectors for the identification of GC and GM varies with regard to attribute and insurant orientation. Furthermore, significant attribute-oriented overlap of insurants claiming geriatric treatments and insurants with certain care levels became visible, which can open new possibilities for simpler identification of a portion of patients with GM.

Keywords

Multimorbidity Claims data Long-term care Health services for the aged Elderly 

Notes

Danksagung

Wir danken dem AOK-Bundesverband und dem GKV-Spitzenverband für die Unterstützung des Auswertungsvorhabens und insbesondere dem Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) für die Bereitstellung der Daten und die in diesem Zusammenhang erfolgte fachkundige Beratung.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt für sich und seine Koautoren an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Copyright information

© Springer-Verlag 2012

Authors and Affiliations

  1. 1.Kompetenz-Centrum Geriatrie des GKV-Spitzenverbandes und der Medizinischen Dienste c/o MDK NordHamburgDeutschland

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