Neue WHO-Klassifikationen und digitales Lernen

New WHO classifications and digital learning

Die Pathologie gehört noch immer zu den Fachrichtungen in der Medizin, die bisher eine Subspezialisierung mit entsprechenden Zusatzbezeichnungen nicht vorsehen. Dies gilt zumindest für den deutschsprachigen und teilweise auch für den europäischen Raum. Daher sind wir auch weiterhin mit einem sehr breiten Spektrum ganz unterschiedlicher Krankheitsbilder konfrontiert. Die explosionsartige Vermehrung des medizinischen Wissens, die wir auch selbst durch Einsatz zahlreicher neuer, vor allem molekularpathologischer Methoden vorantreiben, zwingt uns zugleich, in ganz verschiedenen Bereichen stets up to date zu bleiben. Da die hohe Relevanz und Kompetenz der Pathologie zunehmend auch von den übrigen Fachdisziplinen erkannt wird, ist die Pathologin/der Pathologe heute unerlässliches Mitglied in den meisten (Tumor‑)Fallkonferenzen. Dies verlangt uns ein breites und tiefes Spezialwissen in verschiedensten Organsystemen ab. Wesentliche Hilfsmittel bei unserer Diagnosefindung sind in vielen Bereichen der Pathologie auch heute die jeweils aktuellsten WHO-Klassifikationen, die in immer häufigerer Abfolge aktualisiert und erneuert werden. Was liegt näher, als dass wir uns gegenseitig wichtige Neuerungen in verschiedensten Spezialgebieten gegenseitig vermitteln?

Das vorliegende Schwerpunktheft widmet sich Neuerungen, die in den zuletzt aktualisierten WHO-Klassifikationen zu den Themen „Weibliches Genitale“, „Mamma“, „Tumoren des Weichgewebes und der Knochen“ sowie „Nierenzellkarzinomen“ besprochen werden. Dabei wurde den Autoren freigestellt, die für sie relevantesten Neuerungen zu selektieren, da eine vollständige Darstellung der jeweiligen WHO-Klassifikationen den Umfang dieses Schwerpunktheftes gesprengt hätte.

Für das weibliche Genitale gibt es nun mehr Klarheit bei den Begriffen des Borderlinetumors und der unterschiedlichen Implantattypen. Bei den Ovarial- und den Endometriumkarzinomen wurden neue, prognostisch unterschiedliche Subtypen identifiziert, die vielfach auch molekular hinterlegt sind. Dies gilt ebenso für die endometrialen Stromatumoren. Auch die prognostische Relevanz einer HPV-Assoziation beim Zervixkarzinom ist nun abgebildet.

Die WHO-Klassifikation der Mamma hat zwar die grundsätzliche Systematik bei den invasiven Karzinomen beibehalten, stellt nun aber diverse molekulare Klassifikationen und weitere prädiktive und prognostische Faktoren vor, die für Therapieentscheidungen zunehmend Relevanz erlangen. Geändert wurde unter anderem die Definition von gemischten Karzinom, auch wurden neue Entitäten eingeführt und andere in vorbestehende invasive Karzinomsubtypen integriert. Neuroendokrine Neoplasien werden nun wie in anderen Organsystemen typisiert. Auch zu Phylloidestumoren und zu lobulären In-situ-Neoplasien gibt es Neuigkeiten.

Die WHO-Klassifikation zu Weichgewebs- und Knochentumoren bietet diverse neue Entitäten auf, die aufgrund ihres Umfangs nicht alle in das Themenheft aufgenommen werden konnten. Es wird daher vor allem auf die monomorphen Neoplasien des Weichgewebes fokussiert, da sich hier viele Neuerungen durch den Nachweis spezifischer Translokationen ergeben haben. Dies gilt insbesondere für die undifferenzierten klein-rundzelligen Sarkome. Eine weitere neue Tumorgruppe sind die bisher nicht in die neue WHO-Klassifikation integrierten GLI1-alterierten Tumoren, ferner NTRK-translozierte Tumoren mit neuen therapeutischen Möglichkeiten und schließlich eine neue molekulare Subtypisierung von Rhabdomyosarkomen.

Bei den Nierenzellkarzinomen haben neben immunhistochemischen Befunden auch molekulare Erkenntnisse zur Identifizierung und Definition neuer Subtypen geführt, die sich prognostisch und therapeutisch von der bisher vorliegenden Klassifikation aus 2016 signifikant unterscheiden. Es ergibt sich außerdem zunehmend die Möglichkeit, anhand bestimmter Subtypen eine hereditäre Tumorprädisposition zu erkennen.

Ein weiteres hochrelevantes Thema gerade in Zeiten der Pandemie stellt die Digitalisierung der Pathologie in der Lehre dar. In diesem Heft wird die Frage beleuchtet, welche Möglichkeiten sich für uns ergeben, wenn wir Lehrinhalte für Studierende aber auch für unsere Fachkolleginnen und -kollegen digital präsentieren. Es werden wichtige Merkmale des E‑Learnings wie Interaktivität, Multimedialität und Multimodalität erläutert und Anwendungsbeispiele gegeben, die sowohl im universitären Umfeld mit Studierenden als auch in der Weiterbildung von Fachkolleg*innen eingesetzt werden können. In diesem Kontext wird auch darauf hingewiesen, dass derartige Formate auch geeignet sind, Fallserien von Expert*innen zu digitalisieren und kuratieren, sodass Spezialwissen auch zukünftigen Generationen erhalten bleibt.

Vielen von uns sehnen sich trotz der rasant zunehmenden digitalen Möglichkeiten zusätzlich nach einem persönlichen Austausch jenseits der derzeit alle Lebensbereiche tangierenden Pandemie. Wir sollten versuchen, zukünftig aus beiden Welten das Beste zusammenzubringen, um unser Fach und uns lebendig zu halten. Und vielleicht sehen wir uns ja auch im kommenden Jahr persönlich bei der nächsten Jahrestagung unserer Fachgesellschaft im Juni 2022 in Münster?

Ich grüße Sie herzlich, bleiben Sie bitte gesund.

Ihre

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Eva Wardelmann

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E. Wardelmann gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Wardelmann, E. Neue WHO-Klassifikationen und digitales Lernen. Pathologe 42, 257–258 (2021). https://doi.org/10.1007/s00292-021-00940-x

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