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Der Pathologe

, Volume 40, Issue 1, pp 3–4 | Cite as

Geschichte der Pathologie – von den ersten Obduktionen bis in die neuere Zukunft

Neue Beitragsserie in Der Pathologe
  • U. KellnerEmail author
  • T. Braunschweig
  • D. Groß
Editorial
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History of pathology—from the first autopsies to the near future

A new series of articles in Der Pathologe

Die Pathologie als institutionalisiertes Fach wird in diesem Jahr 200 Jahre alt (Lobsteins in Straßburg 1818, Rokitansky in Wien 1844, Mohr in Würzburg 1845); sie beginnt als anatomische Pathologie bereits schon Jahrhunderte früher – jedoch ohne diese Bezeichnung zu tragen. Systematische Obduktionen wurden etwa im späten Mittelalter, insbesondere in Italien, durchgeführt. In erster Linie ging es hierbei um die Darstellung anatomischer Verhältnisse. Da wissenschaftlicher Fortschritt – bis heute – von vorherrschenden moralischen, politischen und religiösen Vorstellungen und Rahmensetzungen abhängig ist, konnten in jener Zeit nur dann Erkenntnisse erzielt werden, wenn man sich über obduktionsfeindliche kirchliche Vorstellungen hinwegsetzte.

Viele Irrtümer in der Medizin konnten seitdem durch Obduktionen wiederlegt werden; leider wurden aber auch Obduktionsbefunde lange Zeit bewusst fehlinterpretiert, um – wie wir jetzt wissen – falsche Dogmen von antiken Autoritäten wie z. B. Galen zu festigen. Obduktionen waren – und sind in Sonderfällen bis heute – eine Conditio sine qua non zum Nachweis von kausalen Zusammenhängen zwischen klinischen Beobachtungen und morphologischen Veränderungen. Sie erbrachten und erbringen somit Erkenntnisse über die Krankheiten, wenngleich diese – vielfach bis in das frühe 16. Jahrhundert – brauchten, um sich durchzusetzen. Zitiert sei hier exemplarisch Antonio Benivieni (1443–1502) mit seiner Zusammenfassung „De Abditis Nonnullis ac Mirandis Morborum et Sanationum Causis“ [1], die erst nach seinem Tode 1507 erschien.

Die auf Obduktionen basierende „Anatomische Pathologie“ stellte in Deutschland bis in die 1940er-Jahre des 20. Jahrhunderts in den meisten pathologischen Einrichtungen die größte Unterabteilung dar; dies galt auch für die universitären Institute. Ausführlich wird auf dieses Thema in der ersten Arbeit der Geschichtsserie von Danebrock et al. [2] eingegangen.

Auch die technische Basis unseres Faches ist zum größten Teil deutlich älter als das Fach selbst:

Gerne nehmen wir das, was wir nutzten, als selbstverständlich hin, aber selbst die Hämatoxylin-Eosin-Färbung stand nicht am Anfang der Histologie. Wann gab es die ersten „Mikroskope“? Wie wurde das Gewebe aufgearbeitet? Die Paraffinierung des Gewebes war nicht die erste Methode, um dünne histologische Schnitte herzustellen. Selbst die Histologie als diagnostische Methode war in den Anfängen der institutionalisierten Pathologie nicht von allen anerkannt und die In-situ-Hybridisierung wurde früher als die Immunhistochemie am Schnittpräparat etabliert!

Dies sind nur einige überraschende Beispiele alltäglich eingesetzter Methoden unseres Faches.

Auch die Vertreter des Faches boten und bieten interessante Einblicke: Viele Pathologen wechselten in Bereiche der „Therapie“ und Industrie und eroberten so einen Platz in der Geschichte. Etliche Nobelpreisträger entstammen der Pathologie: beispielhaft genannt seien hier Santiago Felipe Ramón y Cajal aus Spanien, Johannes Andreas Grib Fibiger aus Dänemark, George Hoyt Whipple aus den USA, Gerhard Johannes Paul Domagk aus Münster oder John Robin Warren aus Australien.

Auch Entwicklungen und Verwicklungen der Pathologie während des Nationalsozialismus sollen beleuchtet werden: Hier wurden unter der wissenschaftlichen Leitung der Medizinhistoriker Heiner Fangerau (Universitätsklinikum Düsseldorf) und Dominik Groß (Universitätsklinikum Aachen) Projekte, finanziert durch die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP) und den Bundesverband deutscher Pathologen e. V. (BV), bereits begonnen (Schwerpunkt DGP: Vorstandsmitglieder und Opfer unter den Pathologen während des Nationalsozialismus; Schwerpunkt BV: Täter unter den Pathologen während des Nationalsozialismus).

Die nahe Zukunft mit deutlichen Veränderungen des Faches in molekulare Dimensionen hat bereits begonnen, aber wie sieht die Zukunft des Faches aus?

Um diesen Fakten und Fragestellungen Rechnung zu tragen, wollen wir, von der AG Geschichte der Pathologie initiiert, unsere Geschichte bzw. die Geschichte unseres Faches in mehreren Kapiteln angehen. Geplant sind u. a. folgende Themen, die in unregelmäßigen Abständen beleuchtet werden:
  • Obduktionen (in dieser Ausgabe),

  • technische Wegbereitung: Von der Gewebeaufarbeitung zum Mikroskop,

  • die Pathologie als eigenständiges Fach,

  • Pathologie im Nationalsozialismus,

  • jüngste Entwicklungen und Blick in die Zukunft.

Ergänzungen oder Änderungen sind möglich. Für Vorschläge ist die AG gerne offen und bereit, diese zu diskutieren und gegebenenfalls zu realisieren.

Zudem sei angemerkt, dass historische Arbeiten nach Absprache mit dem Editor-in-Chief von Der Pathologe künftig regelhaft von einem Fachhistoriker mitbegutachtet werden sollen. Diese Maßnahme soll neben der wissenschaftlichen Qualitätssicherung der historischen Aussagen ggf. auch ein frühzeitiges sachdienliches Feedback an die einreichenden Autoren ermöglichen. Insofern wird angeraten, bei Arbeiten an historischen Themen a priori einen Medizinhistoriker einzubinden.

Notes

Interessenkonflikt

U. Kellner, T. Braunschweig und D. Groß geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Benivieni A (1507) De Abditis Nonnullis ac Mirandis Morborum et Sanationum Causis. Impressum Florentiae: opera & impensa Philippi GiuntaeGoogle Scholar
  2. 2.
    Diallo-Danebrock R, Abbas M, Groß D, Kellner U (2018) History of the anatomical and clinical autopsy. Pathologe.  https://doi.org/10.1007/s00292-018-0461-7 CrossRefPubMedGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Pathologie, Mühlenkreiskliniken, Johannes Wesling Klinikum MindenRuhr Universität BochumMindenDeutschland
  2. 2.Institut für PathologieUniversitätsklinikum RWTH AachenAachenDeutschland
  3. 3.Institut für Geschichte, Ethik und Theorie der MedizinUniversitätsklinikum RWTH AachenAachenDeutschland

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