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Noch einmal: Theoretische Pathologie

Once again: theoretical pathology

Zusammenfassung

Theoretische Pathologie bezeichnet den Versuch, Denkansätze der Geisteswissenschaften, der philosophischen Logik und der Gestaltphilosophie in der Krankheitsforschung und -lehre wieder heimisch zu machen. Krankheiten, vor allem aber Krankheitseinheiten und komplexere polypathogenetische Krankheitsprozesse haben aufgrund pathophysiologischer Bedeutungszusammenhänge „Gestaltqualität“, sie haben „Gestalt“. Es ist das Verdienst der Forschungsstelle für Theoretische Pathologie der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, den Begriff der Gestalt für die Diagnostik in der Morphologie und Pathologie wieder nutzbar gemacht zu haben. Gestalt meint Vorstellungskomplexe von pathophysiologischen Bedeutungszusammenhängen im Bewusstsein des Diagnostikers. Additive und assoziative Gestaltdiagnostik ist in der Pathologie ohne Wissen um den synthetischen Einheitsbegriff der Logik schlechterdings unmöglich.

Abstract

Theoretical pathology refers to the attempt to reintroduce methodical approaches from the humanities, philosophical logic and „gestalt philosophy“ into medical research and pathology. Diseases, in particular disease entities and more complex polypathogenetic mechanisms of disease, have a „gestalt quality“ due to the significance of their pathophysiologic coherence: they have a „gestalt“. The Research group Theoretical Pathology at the Academy of Science in Heidelberg are credited with having revitalized the philosophical notion of „gestalt“ for morphological and pathological diagnostics. Gestalt means interrelated schemes of pathophysiological significance in the mind of the diagnostician. In pathology, additive and associative diagnostic are simply not possible without considering the notion of synthetic entities in Kant’s logic.

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Abb. 1
Abb. 2
Abb. 3
Abb. 4
Abb. 5

Notes

  1. Krankheiten werden durch ihre Ätiopathogenese definiert, durch ihre einheitliche, krankheitsimmanente Ursache (Ätiologie) und ihre einheitliche krankheitsimmanente Krankheitsentwicklung (Pathogenese).

  2. Der Begriff „Krankheitseinheit“ gehört nicht in die Systematik der ätiopathogenetisch und symptomatisch-syndromatisch definierten Begriffswelt „Krankheit – Syndrom“. Krankheitseinheiten sind multikausale pathophysiologische Einheiten, zu einer Einheit verschmolzene, wesensverschiedene, pathophysiologisch definierte Krankheitsprozesse mit oft höchst komplexer, pathophysiologisch bedingter Symptomatik. Der Begriff „Krankheitseinheit“ hat schon bei seiner Einführung in die deutschsprachige Nosologie durch Kraepelin den synthetischen Einheitsbegriff der Logik gemeint, versteht Einheit mithin als „Synthese des Mannigfaltigen“ (Kant), als ein aus Teilen zusammengesetztes, ein „synthetisches“ Ganzes [12]. Es war insofern ein fundamentales Missverständnis der Informatik des 20. Jahrhunderts, den Einheitsbegriff in der allgemeinen Krankheitslehre auf die „Unitas“, auf eine unteilbare und unzerteilte Monade (Leibniz), auf das „Unum per se“ der Philosophie, auf die „Unity“ und Unit der Naturwissenschaften beziehen zu wollen.

  3. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass der Begriff „Morphologie“ von Goethe 1796 in die Naturwissenschaften eingebracht worden ist, in einer Tagebuchnotiz vom 25.09.1796 und in einem Brief an Schiller vom 12.11.1796. Goethe selbst sprach noch nicht von „Naturwissenschaften“, sondern von „Naturgeschichte“. Goethe hat sich damals offenbar mit dem Gedanken getragen, unter dem Terminus Morphologie eine Gestaltlehre vorzulegen, die alle naturgeschichtlichen Erscheinungen, die organischen wie die unorganischen, umfassen sollte [37].

  4. Goethe schreibt 1817: „Betrachten wir aber alle Gestalten, besonders die organischen, so finden wir, dass nirgend ein Bestehendes, nirgend ein Abgeschlossenes vorkommt, sondern dass vielmehr alles in steter Bewegung schwanke“ [29].

  5. W. Doerr [20] hat die therapeutisch erzwungene Pathomorphose noch 1990/1991 als die eigentliche Domäne der gestaltphilosophisch orientierten Pathologie bezeichnet, dabei anlässlich einer Hörsaaleinweihung am Universitätsklinikum Mannheim aber auch eingestanden, dass die Erarbeitung der geistigen Grundlagen des Gestaltwandels an dem in den Fünfzigerjahren zusammengetragenen Datenmaterial später nicht mehr gelungen sei.

  6. Goethe hatte zwischen 1791 und 1820 in seinen Naturwissenschaftlichen Schriften mehrfach den Versuch gemacht, Beziehungen zwischen dem Begriff der „Gestalt“ und einem „allgemeinen Typus“ aufzuzeigen: „Wir können den Menschen nicht als Urbild der Tiere, die Tiere nicht als Urbild des Menschen ansehen, die Wissenschaft ist weit genug vorgeruckt, dass wir gegenwärtig die Gestalt finden können, auf welche sich die übrigen Gestalten beziehen lassen.“

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Bleyl, U. Noch einmal: Theoretische Pathologie. Pathologe 31, 303–314 (2010). https://doi.org/10.1007/s00292-009-1172-x

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Schlüsselwörter

  • Krankheitslehre
  • Krankheitseinheit
  • Einheitsbegriff der Logik
  • Gestaltphilosophie
  • Erkenntnistheorie

Keywords

  • Theory of diseases
  • Disease entity
  • Synthetic entities
  • Gestaltphilosophy
  • Gestaltquality
  • Theory of cognition