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Frühkindliche Regulationsstörungen: Störungsbilder und Behandlungskonzepte

Regulatory disorders in early childhood: clinical picture and treatment concepts

  • CME
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Psychotherapeut Aims and scope Submit manuscript

Zusammenfassung

Regulationsprobleme, wie Schwierigkeiten beim Schlafen und Füttern und exzessives Schreien, können sich unter Beteiligung hoher elterlicher Belastung und dysfunktionaler Eltern-Kind-Interaktionen rasch zu persistierenden, sich selbst aufrechterhaltenden Störungen – sog. Regulationsstörungen – entwickeln. Regulationsstörungen betreffen etwa 10 % der Familien mit Kindern im Alter von 0 bis 3 Lebensjahren. Die Auswirkungen von Regulationsproblemen sind bis in die spätere Kindheit nachweisbar. Dieser Beitrag führt in die Störungsbilder und deren Diagnostik ein, kontextualisiert sie im Rahmen der frühkindlichen Entwicklung und der Eltern-Kind-Beziehung und zeigt Behandlungsmöglichkeiten auf. Anhand eines Fallbeispiels werden Diagnostik und Behandlungskonzept der Ambulanz für Familientherapie des Universitätsklinikums Heidelberg exemplarisch dargestellt. Schließlich wird der aktuelle Forschungsstand zur Wirksamkeit der Behandlung frühkindlicher Regulationsstörungen in Deutschland dargelegt und ein Ausblick gegeben.

Abstract

Regulation problems, such as difficulties with sleeping, feeding and excessive crying, can rapidly develop into persistent, self-perpetuating disorders, so-called regulatory disorders, when high parental stress and dysfunctional parent-child interactions are involved. Regulatory disorders affect approximately 10% of families with children 0–3 years of age. The effects of dysregulation problems can be traced into later childhood. This article introduces the disorders and their diagnostics, contextualizes them within the framework of early childhood development and the parent-child relationship and presents treatment options. A case study is used to illustrate the diagnostics and treatment concept of the Outpatient Clinic for Family Therapy at Heidelberg University Hospital. Finally, the current state of research on the effectiveness of the treatment for early childhood regulatory disorders in Germany is presented and an outlook is formulated.

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Notes

  1. Im Folgenden wird die Mutter als die Person benannt, die die Koregulation besonders stark pflegt; dies kann selbstverständlich auch der Vater oder eine andere Bezugsperson sein.

  2. Das mittlerweile durch das DC: 0–5 (Zero-to-Three 2016) überholte diagnostische Klassifikationssystem DC: 0–3 (Zero-to-Three 1994) definierte Regulationsstörungen als konstitutionelle und reifungsbedingte Muster und Schwierigkeiten der Regulation von physiologischen, sensorischen, aufmerksamkeitsbezogenen, motorischen oder affektiven Prozessen, die dazu beitragen einen ruhigen aufmerksamen oder affektiv positiven Zustand zu organisieren.

  3. Die Studie zur Stabilität der Behandlungserfolge ein Jahr nach Therapieende befindet sich aktuell noch in der Veröffentlichung.

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Correspondence to Anna K. Georg.

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Interessenkonflikt

Gemäß den Richtlinien des Springer Medizin Verlags werden Autoren und Wissenschaftliche Leitung im Rahmen der Manuskripterstellung und Manuskriptfreigabe aufgefordert, eine vollständige Erklärung zu ihren finanziellen und nichtfinanziellen Interessen abzugeben.

Autoren

A. Georg: A. Finanzielle Interessen: Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeuten (VAKJP) für die Durchführung der RCTs zur Wirksamkeit von Säuglings-/Kleinkind-Eltern-Psychotherapie, Heidehof Stiftung für die Untersuchung der langfristigen Effekte von Säuglings-/Kleinkind-Eltern-Psychotherapie. – Referentenhonorar oder Kostenerstattung als passiver Teilnehmer: Vortragstätigkeit und Schulungen zu den Themen „Frühkindliche Regulationsstörungen“ und „Säuglings-/Kleinkind-Eltern-Psychotherapie“, Wissenschaftliche Leitung des Fortbildungscurriculums Säuglings-/Kleinkind-Eltern-Psychotherapie. – B. Nichtfinanzielle Interessen: Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) am Institut für Psychosoziale Prävention des Universitätklinikums Heidelberg, Ambulanzforschungsleitung am Institut für Psychosoziale Prävention des Universitätklinikums Heidelberg | Mitgliedschaften: Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Kammermitglied der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, MBT-D‑A‑CH Verein, Society for Psychotherapy Research (SPR).

C. Bark: A. Finanzielle Interessen: BerndtSteinKinder Stiftung Förderung an mich persönlich, Mittelverwendung projektbezogen gebunden an die Universität Heidelberg. – B. Nichtfinanzielle Interessen: Seit 2019 in Elternzeit, Leiterin der Eltern-Säuglings-Sprechstunde, Ambulanz für Familientherapie des Instituts für Psychosoziale Prävention des Universitätsklinikums Heidelberg.

J. Wiehmann: A. Finanzielle Interessen: Referentenhonorar oder Kostenerstattung als passiver Teilnehmer: Fortbildungscurriculum SKEPT – Säuglings-Kleinkind-Eltern-Psychotherapie. – B. Nichtfinanzielle Interessen: Angestellte Psychologin im Institut für Psychosoziale Prävention, Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, Universitätsklinikum, Heidelberg.

S. Taubner: A. Finanzielle Interessen: Honorare: Universitätsklinikum Freiburg, Universitäten Greifswald, Gießen, Arbeitskreis Wissenschaftliche Psychotherapie Freiburg. – B. Nichtfinanzielle Interessen: Direktorin und W3 Professorin im Institut für Psychosoziale Prävention, Universitätsklinikum Heidelberg | Leitungsfunktionen in der Society for Psychotherapy Research und der European Society for the Study on Personality Disorders | Mitgliedschaften: Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs), Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG).

Wissenschaftliche Leitung

Die vollständige Erklärung zum Interessenkonflikt der Wissenschaftlichen Leitung finden Sie am Kurs der zertifizierten Fortbildung auf www.springermedizin.de/cme.

Der Verlag

erklärt, dass für die Publikation dieser CME-Fortbildung keine Sponsorengelder an den Verlag fließen.

Additional information

Wissenschaftliche Leitung

Florian Junne, Magdeburg

Alexandra Martin, Wuppertal

Carsten Spitzer, Rostock

Andreas Ströhle, Berlin

Svenja Taubner, Heidelberg

Die Autoren Anna K. Georg und Christine Bark teilen sich die Erstautorenschaft.

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Supplementary Information

278_2022_594_MOESM1_ESM.docx

Im Zusatzmaterial wird das Diagnostikkonzept der Ambulanz für Familientherapie des Universitätsklinkums Heidelberg konrekt, inklusive aller verwendeten Instrumente, ausgeführt.

CME-Fragebogen

CME-Fragebogen

Das Konzept der Symptomtriade wird in der Praxis herangezogen, um die Entstehung von Regulationsstörungen zu erklären. Zur Symptomtriade gehören folgende Bereiche:

Regulative Verhaltensschwierigkeiten des Kindes

Psychische Erkrankungen auf Elternebene

Fehlabstimmung in der Koregulation

Unreife Selbstregulation

Somatische Erkrankungen des Kindes

Zur Entwicklung der Selbstregulation benötigt das Kind ein Gegenüber, das dieses aktiv und der jeweiligen Situation angepasst im Sinne einer abgestimmten Koregulation begleitet. Die Abstimmung von Selbst- und Koregulation hat einen Einfluss auf …

Die Entwicklung eines Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms (ADHS).

Die Integrationsfähigkeit in die Gleichaltrigengruppe.

Die sensorische Integration.

Die Bindung des Kindes zu der koregulativen Person.

Die Mentalisierungsfähigkeit des Kindes.

Regulationsstörungen entstehen häufig an Entwicklungsschwellen in der frühen Kindheit. Zu den Entwicklungsschwellen gehören:

Durchbrechen des ersten Zahns

Die ersten Worte

Die Fremdenangst

Die Sauberkeitsentwicklung

Der Übergang in die Fremdbetreuung

Regulationsstörungen umfassen unterschiedliche Störungsbilder, deren Symptome zumeist an bestimmten charakteristischen Entwicklungsschwellen entstehen. Zu den Störungsbildern gehören:

Pica im Kindesalter

Nichtorganische Schlafstörungen

Pavor nocturnus

Emotionale Störung mit Trennungsangst im Kindesalter

Exzessives Klammern

Exzessives Schreien kann über den 6. Lebensmonat hinaus andauern und zeigt im Verlauf eine Komorbidität mit folgenden Störungsbildern:

Fütterstörungen

Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom

Emotionale Störung im Kindesalter

Anklammerndes Verhalten

Exzessives Trotzen

In der Ambulanz für Familientherapie wird zu Beginn einer Behandlung eine umfassende Diagnostik durchgeführt, um vor dem Erstgespräch eine Orientierung über die Symptomatik des Kindes, die Belastung der Eltern sowie die Risiko- und Schutzfaktoren der Familie zu erhalten. Elemente der ersten diagnostischen Einschätzung umfassen:

Die körperliche Untersuchung des Kindes

Die elterliche Mentalisierungsfähigkeit

Eine sprachfreie Intelligenzdiagnostik des Kindes

Einen Fragebogen zum frühkindlichen Autismus

Eine fremde Situation

In der Ambulanz stellt sich eine alleinerziehende Mutter mit 3 Kindern aus unterschiedlichen Beziehungen vor. Das jüngste Kind (4 Monate alt) ist Indexpatient; es wacht nachts stündlich auf und schläft nur mithilfe der mütterlichen Brust wieder ein. Die Mutter ist u. a. durch den Schlafmangel stark belastet. Das mittlere Kind (5 Jahre) nässt tagsüber regelmäßig ein. Welche Unterstützungsmaßnahme sehen Sie hier im Vordergrund?

Begleitung der Eltern-Kind-Interaktion (Mutter-Indexpatient)

Kontaktaufnahme durch die Eltern zum Jugendamt für eine praktische aufsuchende Unterstützung

Urologische Abklärung des 5‑jährigen Kindes

Untersuchung des 4 Monate alten Kindes im Schlaflabor

Medikamentöse Unterstützung des 4 Monate alten Kindes

In der Ambulanz stellt sich eine Familie mit einem 4 Monate alten Kind vor, das Kind schreie seit der 2. Lebenswoche exzessiv. Das Kind sei per Notsectio entbunden worden. Die Mutter berichtet mit leiser monotoner Stimme von einer schweren depressiven Episode in der Adoleszenz. Es fällt Ihnen im Erstgespräch auf, dass das Kind auf dem Arm der Mutter kaum Blickkontakt sucht, wenn es unruhig wird, gibt die Mutter das Kind rasch zur Beruhigung auf den Arm des Vaters. Durch ein ruhiges Zwiegespräch oder im Verlauf auch durch Tragen des Kindes im Tragetuch kann er es rasch beruhigen. Welche Maßnahme empfehlen Sie neben einer weiteren Begleitung in der Ambulanz als Erstes?

Vorstellung der Mutter beim Erwachsenenpsychiater

Entwicklungsdiagnostik des Kindes im sozialpädiatrischen Zentrum

Videointeraktionstraining für Mutter und Kind

Vorstellung der Mutter beim Gynäkologen

osteopathische Behandlung des Kindes

Nach den Klassifikationssystemen der Arbeitsgruppe Zero-to-Three/Five werden Störungen im Altersbereich 0–3 („diagnostic classification“ DC:0–3R) bzw. in der aktuellen Version im Altersbereich 0–5 (DC: 0–5) multiaxial beschrieben. Zu den Achsen gehören:

Die ICD-10-Diagnose des Kindes

Die psychiatrische Diagnose der Eltern

Die körperliche Gesundheit des Kindes

Eine Einschätzung des kindlichen Temperaments

Die Einschätzung des Strukturniveaus der Eltern

In Deutschland wird in den vergangenen Jahren verstärkt die Wirksamkeit der Säuglings‑/Kleinkind-Eltern-Psychotherapie (SKEPT) empirisch untersucht. Die Wirksamkeit der psychodynamisch-fundierten fokussierten SKEPT (fSKEPT) bei diagnostizierten Regulationsstörungen zeigt im Vergleich zur pädiatrischen Regelbehandlung („treatment as usual“, TAU) …

Eine Abnahme des Vorkommens postpartaler Depressionen.

Eine Abnahme von Regulationsstörungen bei Geschwisterkindern.

Eine Zunahme des Strukturniveaus der Eltern.

Eine verbesserte Triangulierungsfähigkeit der Familie.

Eine Abnahme kindlicher Regulationssymptomatik.

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Georg, A.K., Bark, C., Wiehmann, J. et al. Frühkindliche Regulationsstörungen: Störungsbilder und Behandlungskonzepte. Psychotherapeut 67, 265–278 (2022). https://doi.org/10.1007/s00278-022-00594-x

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