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Systemische Therapie

Systemic therapy

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Die Feststellung, dass Patienten Familien haben, ist wie die Feststellung, dass ein krankes Organ Teil eines Menschen ist. Beides scheint zu offensichtlich zu sein, als dass es diskutiert würde, doch wurde lange keine dieser Feststellungen durch medizinische Berufe anerkannt. (Richardson 1945)

Mit diesem Zitat machte Henry B. Richardson als Direktor der Joshia Macy Jr. Foundation, der ersten US amerikanischen Stiftung zur Aus- und Weiterbildung im Gesundheitswesen, die Bedeutung der Familie in der multiprofessionellen Gesundheitsversorgung deutlich (Richardson 1945).

Meilensteine

In die Zeit der 1950er-Jahre fallen auch die frühen Modelle der Familientherapie. Das Individuum wurde ergänzt um die Familie. Der Komplexität menschlichen Erlebens auch in der Erklärung und Behandlung dysfunktionaler Dynamiken wurde zunehmend Rechnung getragen. Das heutige Verständnis der Systemischen Therapie entwickelte sich erst in den 1960er‑ und 1970er-Jahren. Mit der erstmaligen Verwendung des Adjektivs „systemisch“ (Selvini Palazzoli et al. 1977) in der von Helm Stierlin (1926–2021) und Josef Duss von Werdt (1932–2019) gegründeten Familiendynamik offenbarte sich bereits der Paradigmenwechsel. Die Kybernetik 1. Ordnung als die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, übertragen auf die menschliche Kommunikation, galt handlungsleitend. In der Frage, wie Interpretationen von Beobachtungen mit der in einer Handlung verkörperten Bedeutungszuschreibung übereinstimmen, gründete sich die Kybernetik 2. Ordnung (Bateson 1941). Die Idee einer objektiven Realität wurde ersetzt durch den Eigenwert rekursiv-denkender Systeme: Zunehmend stand das, wie etwas in einem sozialen System passiert (Kybernetik 2. Ordnung), und weniger das, was passiert (Kybernetik 1. Ordnung), im Vordergrund, und wie wir sowohl für das eine als auch das andere Verantwortung übernehmen können (v. Foerster und Ollrogge 2008). Mit den 1990er-Jahren erschienen die größten theoretischen Debatten geführt und die Systemische Therapie konsolidiert. Es begann eine Zeit der Rückbezüglichkeit auf Kernannahmen der Psychotherapie, z. B. die Bindungstheorie in der Attachment Based Family Therapy (ABFT; Diamond et al. 2003), und der Erweiterung systemischer Grundkonzepte, z. B. in der Arbeit mit größeren Systemen in der Multifamilientherapie (Asen und Scholz 2019) oder den Systemaufstellungen (Hunger-Schoppe 2020).

Berufspolitik

Die Systemische Therapie blickt im Jahr 2021 auf zwei berufspolitisch bedeutsame Entwicklungsphasen zurück. Die erste ist in den genannten Meilensteinen als eine ca. 30-jährige Pionierphase bis ca. 1990 beschrieben. Ihr Ergebnis sind vielfältige erkenntnistheoretische und systemtherapeutische Innovationen, Haltungen und Interventionen. An ihrem Ende schrieben Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe die Erstauflage ihres Lehrbuchs (Schweitzer und v. Schlippe 1996; v. Schlippe und Schweitzer 1996) zur Systemischen Therapie mit dem Ziel, diese Neuerungen für den deutschen Sprachraum zugänglich zu machen. Es folgte eine weitere, ebenfalls ca. 30-jährige Durchsetzungs- und Verankerungsphase. In den Fokus rückten die Qualität systemtherapeutischer Weiterbildungen, Evidenzbasierung der Systemischen Therapie und das Ringen um ihre nachhaltige auch institutionelle Verankerung v. a. in Jugendhilfe und Psychotherapie. Die Jahre 2018–2020 markierten für Deutschland die endgültige Etablierung der Systemischen Therapie im Kreis der sozialrechtlich anerkannten und zu finanzierenden Psychotherapieverfahren. Zu diesem Zeitpunkt schrieben Ulrike Borst und Kirsten von Sydow ihr Praxisbuch Systemische Therapie (v. Sydow und Borst 2018) und Christina Hunger-Schoppe (2021) ihr Kompaktbuch zu Systemischer Therapie mit dem Ziel, einen theoretisch fundierten und evidenzbasierten Überblick auch für interessierte Neueinsteiger:innen in Systemischer Therapie zu ermöglichen.

Aktuelle Beiträge

In unser Schwerpunktthema führen Kirsten von Sydow und Rüdiger Retzlaff mit ihrem Beitrag zum aktuellen Stand der Wirksamkeitsforschung durch Sichtung der wichtigsten Metaanalysen und neueren Reviews mit Befunden zu randomisierten kontrollierten Studien (RCT) und zur Implementierung der Systemischen Therapie als Psychotherapieverfahren innerhalb des deutschen Gesundheitswesens ein. Einem störungsspezifischen Überblick sowie RCT widmen sich Christina Hunger-Schoppe et al. in ihrem Beitrag zur Systemischen Therapie sozialer Ängste. Mit einer ausgewählten systemtherapeutischen Methode befassen sich Barna Konkoly Thege et al. in ihrer systematischen Übersichtsarbeit zur Wirksamkeit von Familienaufstellungen. In weitere neue systemtherapeutische Formen führen Kolja Heumann et al. im Sinne des Offenen Dialogs ein, eine in Finnland entwickelte multiprofessionelle, sektorenübergreifende sowie gemeindebasierte Behandlungsstruktur/‑organisation. Schließlich widmen sich Eva-Maria Messner und Kyra Isabel Feikes der nutzerzentrierten Entwicklung systemischer internet- und mobilbasierter Interventionen und bringen damit die Systemische Therapie in das Zeitalter der Digitalisierung.

So bietet dieses Schwerpunktheft vielfältige Einblicke in das, was Systemische Therapie in ausgewählten Beiträgen aktuell bewegt. Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre und fruchtbare Impulse für Ihre weitere Auseinandersetzung mit der Systemischen Therapie.

Christina Hunger-Schoppe

Ulrike Borst

Kernaussage

Die Systemische Therapie ist geprägt von einem fundamentalen Vertrauen in eine demokratische Psychotherapiekultur, die sich dadurch auszeichnet, dass Gesundheit als Gemeinschaftsleistung verstanden wird und Störung als die kontextbezogen für den Moment beste Möglichkeit zu sozialer Interaktion.

Literatur

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  5. Hunger-Schoppe C (2020) Familienaufstellung als Einzelintervention im Gruppensetting bei chronisch-psychosozialen Konflikten: Kurz-, mittel- und langfristige Wirksamkeit. Z Psychiatr Psychol Psychother 68(4):263–273. https://doi.org/10.1024/1661-4747/a000424

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  11. v. Sydow K, Borst U (2018) Systemische Therapie in der Praxis. Beltz, Weinheim

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C. Hunger-Schoppe und U. Borst geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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Hunger-Schoppe, C., Borst, U. Systemische Therapie. Psychotherapeut 66, 467–468 (2021). https://doi.org/10.1007/s00278-021-00543-0

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