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Psychotherapeut

, Volume 63, Issue 2, pp 120–128 | Cite as

Behagen im Hass

  • Christina von Braun
Schwerpunkt: Hass – Fanatismus - Versöhnung - Originalien
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Zusammenfassung

Der Beitrag geht davon aus, dass sich Hass nie an ein reales Objekt, sondern immer an einen Signifikanten richtet, der auf das „Reale“ projiziert wird. Die Projektion erklärt, dass die Symbolik selbst von einer historischen Epoche zur anderen andere Gestalt annehmen kann – ein Wandel, der mit den wechselnden Bedürfnissen des Hassträgers zusammenhängt. Da die wechselnden Bedürfnisse und damit auch der Wandel der Signifikanten zumeist mit historischen Bedingungen zusammenhängen, wird nach den Umständen der aktuellen „Hasskultur“ gefragt und diese in 3 Faktoren verortet: Abstraktion des Geldes, Globalisierung und Mobilität. Von diesen 3 Faktoren ist der dritte der komplizierteste, denn er umschließt nicht nur geografische Mobilität, sondern auch die Auflösung der alten Geschlechterordnung und die Entstehung „fließender“ Geschlechtergrenzen. Im letzten Abschnitt wird am Beispiel des Signifikanten Geschlecht gezeigt, dass sich hinter dem Hass auf die Mobilität der Geschlechtergrenzen die Angst vor sozialer Mobilität verbirgt. In Anlehnung an den Begriff der „Deckerinnerung“ ist die Rede von einem „Deckdiskurs“, der die Tatsache verbergen soll, dass mit der Kritik an Gender zugleich über die flexiblen Grenzen der Klassenzugehörigkeit verhandelt wird.

Schlüsselwörter

Geschichte Gefühle Globalisierung Migration Geschlecht 

Contentment in hate

Abstract

The article assumes that hate is never directed towards a real object, but always towards a significant figure linked to this object. This explains why one and the same object can become the target of quite different constructs from one historical period to another, the change itself being linked to the psychic requirements of the bearer of hate. As these requirements change with the transformation of historical contexts, this article queries the present context for a culture of hate and finds three factors: the abstraction of money, globalization and mobility. Of these three, the third is especially complicated as it includes both migration and the appearance of new flexible gender definitions. In the last part of the article the author proposes that the fear of mobile gender codes serves as a cover up for the opposition to social mobility. Referring to the psychological term of “screen memory”, she speaks of a “screen discourse” which is supposed to hide the fact that the criticism of flexible gender roles is in fact aimed at the idea of flexible class affiliation.

Keywords

History Emotions Globalization Migration Gender 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

C. von Braun gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von der Autorin durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Selma Stern Zentrum für Jüdische StudienHumboldt Universität zu BerlinBerlinDeutschland

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