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Diagnose einer gewaltsamen Erstickung

Teil 1: Reevaluation der Spezifität makroskopischer und histomorphologischer Befunde

Diagnosis of a fatal suffocation

Part 1: Re-evaluation of the specificity of macroscopic and histomorphological findings

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Zusammenfassung

Die Identifikation der gewaltsamen Erstickung als Todesursache, insbesondere im Zusammenhang mit Vitalitätszeichen, stellt weiterhin ein großes Problem in der forensischen Diagnostik dar. Die allgemeine Doktrin der zuverlässigen Erstickungstoddiagnose ausschließlich durch Nachweis des Erstickungsvorgangs oder seiner Spuren an der Leiche behält ihre singuläre Validität. Bei Fehlen dieser eindeutigen Indizien können jedoch die klassischen makroskopischen Befundkomplexe trotz ihrer Unspezifität als wegweisend herangezogen werden. Versuche der Identifikation von spezifischen Hypoxiezeichen auf Zellpopulationsebene im Rahmen von Zellzahlbestimmungen pulmonaler Entzündungszelllinien führten bei eingeschränkter Übertragbarkeit der vielversprechenden Ergebnisse im Tierexperiment bislang nicht zum Erfolg. Somit sind weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen hinsichtlich der asphyktisch induzierten Veränderungen als Äquivalente der Rekrutierung pulmonaler Entzündungszellen notwendig.

Abstract

In medicolegal investigations the identification of suffocation as a cause of death, especially in the context of the vitality of lesions, remains a challenging issue. The doctrine of a reliable diagnosis only by proof of the suffocation process or the marks left on the corpse still has exclusive validity; however, in the case of lacking clear evidence, the unspecific classical macroscopic signs of asphyxiation (such as congestion, petechiae, lung alterations) can be used as useful indications. So far, a variety of attempts at the identification of specific signs of hypoxia on the cell population level by counting the numbers of different pulmonary inflammatory cell lines has failed, despite the promising results of animal experiments (with significantly higher duration of preterminal hypoxia). Therefore, further scientific investigations concerning the asphyxia-induced changes at molecular and cellular levels as an equivalent of the recruitment of inflammatory cells should be performed.

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Abb. 5

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Correspondence to Dr. med. E. Gutjahr.

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E. Gutjahr: A. Finanzielle Interessen: Referentin, Reisekostenübernahme durch das Universitätsklinikum Bonn für die Teilnahme am International Congress & Scientific and Practical School, Association of Forensic Medical Experts, Moskau, April 2019. – B. Nichtfinanzielle Interessen: Assistenzärztin für Pathologie, Pathologisches Institut, Universitätsklinikum Heidelberg, Heidelberg | bis Oktober 2019: Doktorandin am Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Bonn, Bonn | Mitgliedschaft: IAP (Internationale Akademie für Pathologie, Deutsche Abteilung e. V.

B. Madea: A. Finanzielle Interessen: Reise‑/Übernachtungskosten, bezahlte Teilnehmergebühren) für aktive Tagungsteilnahme: 05.–07.07.2018 International Congress, Universität Sapienza Rom, Italien | 12.–13.01.2019 International Symposium on Forensic Pathology, Universität Wakayama, Japan. – B. Nichtfinanzielle Interessen: Institutsleiter des Institut für Rechtsmedizin, Universität Bonn, Bonn.

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Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

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Wissenschaftliche Leitung

B. Madea, Bonn

CME-Fragebogen

CME-Fragebogen

Eine junge Frau wird in einer angedeuteten Bauchlage mit einem Metallseil, horizontal am Hals verlaufend und leicht asymmetrisch seitlich aufsteigend, in einer abseits gelegenen Parkanlage aufgefunden. Das Metallseil ist um einen ca. 2 m vom Boden entfernten, größeren Ast eines Baumes gewickelt und am Steuer des einige Meter weiter stehenden Pkw mit laufendem Motor und gelöster Handbremse festgebunden. Der Leichnam weist einen lockeren Bodenkontakt mit Fersen bei aufgerichtetem und am Seil hängendem Rumpf auf. Welche Form einer gewaltsamen Erstickung ist hier zu diagnostizieren?

Typisches Erhängen mit zentral gerichteter Suspension

Atypisches Erhängen durch das eigene Körpergewicht

Erdrosseln mit werkzeugvermittelter Strangulation

Erwürgen mit manueller Kompression des Halses

Ersticken durch Verschluss äußerer Atemöffnungen

Laut der heute weiterhin obligat geltenden, allgemeinen Doktrin ist die sichere Diagnose einer gewaltsamen Erstickung ausschließlich durch Nachweis des erstickenden Vorgangs und seiner Spuren an der Leiche möglich. Welche der folgenden Konstellationen kann dabei am ehesten als zutreffend angesehen werden?

Kleinkind mit deutlich ausgeprägtem Lungenödem und ohne nachweisbare oronasale epidermale Vertrocknungen der Haut, erstickt mithilfe einer weichen großflächig ausgeprägten Abdeckung

Junger Mann mit flächenhaften, teils tief reichenden Verbrennungen und mit vertikal zum Nacken hin aufsteigender Strangfurche, assoziierten Zwischenkammblutungen und zervikalen Weichgewebseinblutungen

Frau mittleren Alters mit hellroten Totenflecken, Bittermandelgeruch und zahlreichen frischen subkutanen Einblutungen und Kratzspuren, auch im Halsbereich mehrfach ersichtlich

Junger Mann mit dorsal betonter Ausprägung der nicht mehr wegdrückbaren Livores mortes und vertikal zum Nacken hin aufsteigender Strangmarke, abgeschnitten von einem Baum im Park

Ältere Frau, aufgefunden in Bauchlage mit mehrfach verschobenen Bekleidungsstücken sowie mit ausgeprägten Petechien im Bereich der Konjunktiven und der Gesichtshaut

Welches Organ ist das primäre Erfolgsorgan einer Erstickung?

Herz

Gehirn

Lunge

Milz

Leber

Welcher der makroskopischen Befunde gilt als untypisch für eine gewaltsame Erstickung?

Hämorrhagisches Lungenödem

Blutfülle der inneren Organe

Homogen geronnenes Leichenblut

Schaumpilz vor Mund und Nase

Dilatation der rechten Herzkammer

Welche Voraussetzung ist für die Entstehung von petechialen Einblutungen erforderlich?

Zügelung des venösen Blutabflusses bei aufrechterhaltener arterieller Blutversorgung

Zügelung der arteriellen Blutversorgung bei aufrechterhaltenem, venösem Blutabfluss

Beschleunigung des globalen Blutflusses bei gesteigertem arteriellem Blutdruck (Hypertonus)

Zügelung der proximalen Blutversorgung bei gesenktem arteriellem Blutdruck (Hypotonus)

Beschleunigung der zervikalen Blutzirkulation bei behindertem venösem Blutabfluss

Welcher Umstand führt bei einem Erstickungsopfer am ehesten zu einem höheren Ausprägungsgrad des Lungenödems?

Steigende präterminale Hypoxiedauer

Steigendes Lebensalter

Begleitende Kehlkopffrakturen

Längeres postmortales Intervall

Höheres Lungengewicht

Welche Gesamtdauer ist zutreffend für den Eintritt des vollständigen Erliegens der Blutzirkulation und somit des Todes nach Beginn einer gewaltsamen Erstickung ohne prolongierende Faktoren (z. B. Lösen des Würgegriffs, Überstülpen einer offenen Tüte über den Kopf)?

1–4 min

5–10 min

5–15 min

16–20 min

21–25 min

Welcher Befundkomplex charakterisiert das von Brinkmann et al. 1978 etablierte hämorrhagisch-dysorische Syndrom?

Hämorrhagien, Mikroembolien, Lungenödem, Lungenemphysem

Hämorrhagien, akute Blutfülle der inneren Organe, Lungenödem, Lungenemphysem

Hämorrhagien, Lungenödem, akute Blutfülle der inneren Organe, splenale Blutarmut

Hämorrhagien, Lungenödem, Lungenemphysem, Frakturen des Kehlkopfgerüstes

Hämorrhagien, Lungenödem, Lungenemphysem, Ablösungen des Bronchialepithels

Welches der folgenden Merkmale gilt als ein sicheres Vitalitätszeichen einer Erstickung?

Zunahme der Zellzahl der pulmonalen mehrkernigen Riesenzellen mit subpleuraler Akzentuierung

Zunahme der pulmonalen Megakaryozytenzahl als Zeichen einer hypoxischen Knochenmarkaktivierung

Nachweis von Knochenmarkbestandteilen als Zeichen einer aktiven Embolie

Zunahme von frei im Lumen flottierenden Bronchialepithelverbänden als Zeichen von gewaltsamen Bronchialepithelablösungen

Nachweis eines histologischen Mischbilds des Lungenparenchyms, bestehend aus einem eosinophilen Exsudat und kleinen, diffus verteilten Luftbläschen

Warum ist der im Rahmen einer prolongierten Erstickung in der Literatur teils beschriebene Anstieg der pulmonalen Populationen der mehrkernigen Riesenzellen ist kritisch zu hinterfragen?

Immunhistochemisch wurde beobachtet, dass keine erhöhte mitotische Aktivität der Alveolarmakrophagen und damit keine Fusion zu mehrkernigen Riesenzellen eintritt.

In felinen Zellkulturexperimenten wurde festgestellt, dass die Entstehung von mehrkernigen Riesenzellen einen Zeitraum von mehreren Tagen in Anspruch nimmt.

In histologischen Untersuchungsreihen wurde beobachtet, dass eine Riesenzellbildung primär auf eine Voroperation oder das Vorliegen einer Tuberkulose hinweist.

Enzymhistochemisch wurde festgestellt, dass eine grundsätzliche Zunahme der pulmonalen Riesenzellpopulationen mit zunehmendem Lebensalter nach lebenslanger Exposition gegenüber den Abgasen zu verzeichnen ist.

In molekulargenetischen Studien wurde beobachtet, dass die absolute pulmonale Populationen der Riesenzellen eine signifikant ausgeprägte Geschlechtsabhängigkeit aufweist.

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Gutjahr, E., Madea, B. Diagnose einer gewaltsamen Erstickung. Rechtsmedizin 30, 55–63 (2020). https://doi.org/10.1007/s00194-019-00369-w

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Schlüsselwörter

  • Todesursache
  • Stauungssyndrom
  • Hämorrhagisch-dysorisches Syndrom
  • Riesenzellen
  • Präexistenz-Hypothese

Keywords

  • Cause of death
  • Congestion
  • Hemorrhagic dysoric syndrome
  • Giant cells
  • Pre-existence theory