Es sind mit Sicherheit nicht nur die onkologischen Erkrankungen, welche uns Urologen in der täglichen Betreuung von Patienten herausfordern. So ist es die Harnröhrenstriktur, eine gutartige Erkrankung, welche an uns Urologen besondere Anforderungen stellt. Dies liegt sicherlich auch daran, dass es bis auf die Versorgung von Patienten nach traumatischen Harnröhrenverletzungen und seit 2016 von Seiten der Amerikanischen Gesellschaft für Urologie (https://www.auanet.org/education/guidelines/male-urethral-stricture.cfm) nach wie vor (zumindest im europäischen Raum) keine allgemeinen und sinnvollen Leitlinienempfehlungen zur Behandlung gibt. Grund hierfür sind ggf. die unbefriedigenden Studiendaten in der aktuellen Literatur, welche sich meist auf methodisch minderwertige Studien beziehen und diese nur eingeschränkt miteinander verglichen werden können [1].

Obwohl die Harnröhrenstriktur mit einer Prävalenz von 0,9 % im Vergleich zu anderen urologischen Erkrankungen eher gering ist, muss davon ausgegangen werden, dass diese in den nächsten Jahren zunehmen wird [2]. Eine Erklärung hierfür mag die wegen der steigenden Lebenserwartung zu erwartende Zunahme an Patienten sein, die sich ggf. auch einer urologischen Intervention unterziehen müssen. Immerhin sind ca. 45 % aller Harnröhrenstrikturen iatrogen verursacht ([3, 4], meist durch Katheteranlagen oder transurethrale Eingriffe). Aber auch nach vorherigen Harnröhreneingriffen wie einer Hypospadiekorrektur, einer radikalen Prostatektomie oder einer Brachytherapie kann es zur Ausbildung einer Harnröhrenstriktur kommen [5].

Neben den Patienten mit der Erstdiagnose einer Striktur sind es v. a. diejenigen mit einem Rezidiv, bei denen eine Erfolg versprechende weiterführende Therapie besonders schwierig erscheint. Ob eine minimal-invasive Therapie im Rahmen einer Schlitzung oder eine offene Harnröhrenrekonstruktion erforderlich ist, muss individuell und in Abhängigkeit von der einzelnen Situation des Patienten getroffen werden. Wird eine offene Harnröhrenrekonstruktion geplant, ist nicht selten die Implantation eines Gewebeersatzes erforderlich. Ob Mundschleim‑, Präputial- oder Oberschenkelhaut, die Wahl ist sowohl von der Patientensituation als auch von der Expertise des Operateurs abhängig. Ein interessanter Ansatz ist mit Sicherheit der Gewebetransfer von Mundschleimhaut nach „biotechnologischer Aufarbeitung“. Auch wenn hierzu jüngst die 2‑Jahres-Daten einer prospektiven multizentrischen Studie veröffentlicht wurden, braucht es noch weitere Vergleichsstudien mit dem höchsten Evidenzgrad, um eine generelle Empfehlung für die tägliche Routine zu geben [6]. Vor der Entscheidung, zusammen mit dem Patienten, zur Festlegung der Strategie für die weitere Behandlung ist eine sinnvolle Diagnostik unumgänglich. Hierfür stehen uns relativ einfache Hilfsmittel zur Verfügung. Chaloupka et al. führen das diagnostische Armenatrium und einen „Workflow“ im ersten Themenbeitrag auf. Die am häufigsten vorkommenden Harnröhrenstrikturen sind die bulbären. Nicht selten ist zumindest bei Ersteingriff und einer kurzen Strikturlänge eine Schlitzung ausreichend. Ob dies jedoch aufgrund des erhöhten Rezidivrisikos in jedem Fall eine sinnvolle Therapieoption ist, und ob die bulbäre Harnröhrenstriktur immer nach dem gleichen operativen Standard operiert werden kann, ist Thema des zweiten Leitthemenbeitrags von Austen et al. aus Freiburg. Eine besonders hohe Anforderung an den Operateur sind Patienten nach Hypospadiekorrektur. Ob bei Kindern oder Erwachsenen, eine solche operative Behandlung kann aufgrund ihrer Komplexität nicht mit einer andernorts gelegenen Striktur verglichen werden. Kröpfl aus Essen hat sich in seinem Beitrag diesem Thema gewidmet und geht ausführlich auf diesen Themenschwerpunkt ein. Zeller et al. aus Hamburg widmen sich den Meatusengen und den glandulären Strikturen. Nicht nur, weil diese mit 18 % der anterioren Strikturen eine relevante Subgruppe aller Harnröhrenstrikturen ausmachen, sondern weil sie auch u. a. durch Erkrankungen wie dem Lichen sclerosus verursacht werden und die anatomischen Verhältnisse deutlich von der „Normalität“ abweichen, ist es ein ausgesprochen wichtiger Themenschwerpunkt, der zu beachten ist. Eine die Lebensqualität besonders beeinträchtigende Komplikation ist die Striktur der vesikourethralen Anastomose nach radikaler Prostatektomie. Welche therapeutischen Maßnahmen sinnvoll sind, und welche Therapie dem Patienten angeboten werden kann, ist von Beck et al. in deren Beitrag ausführlich beschrieben.

In diesem vorliegenden Heft sind somit besonders anspruchsvoll zu behandelnde Strikturformen berücksichtigt. Wir laden Sie ein, diese Themenbeiträge zu lesen und gemeinsam mit uns auch ggf. kontrovers zu diskutieren.

figure c

PD Dr. med. Frank Strittmatter

figure d

Prof. Dr. med. Christian G. Stief