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Der Nervenarzt

, Volume 89, Issue 5, pp 493–494 | Cite as

Haben wir die pflegenden Angehörigen Demenzkranker im Blick?

  • S. G. Riedel-Heller
Einführung zum Thema
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Do we have the caring relatives of dementia patients in mind?

Eine aktuelle repräsentative Bevölkerungsumfrage von 65- bis 96-Jährigen ergab, dass 90 % der Senioren in Deutschland in ihrer Wohnung und in ihrem privaten Umfeld alt werden möchten [6]. Tatsächlich werden auch 70 % der Demenzkranken in Deutschland zu Hause versorgt [3]. Sie werden durch nahe Angehörige gepflegt, meist durch Ehepartner und Kinder, insbesondere durch Frauen und Töchter. Pflegende Angehörige sind ein wesentlicher Pfeiler der Demenzversorgung. Es sind vor allem die familiären Ressourcen, die das Bild der informellen Pflege in häuslichen Pflegearrangements bestimmen [5].

Häusliche Pflegearrangements sind oft fragil und werden vor allem durch eine hohe Belastung der Pflegenden gefährdet. Diese Belastung erhöht sich bei herausforderndem Verhalten und einer wachsenden Hilfebedürftigkeit der zu pflegenden Demenzkranken, aber auch durch dysfunktionale Einstellungen der Pflegenden. Gleichsam gefährden gesundheitliche Probleme der Pflegenden das Pflegearrangement, wobei Depressivität, Schlafstörung und muskuloskelettale Beschwerden häufig sind. Demenzerkrankungen sind gegenwärtig der häufigste Grund für einen Heimeintritt. Im Rahmen der AgeCoDe-Studie (Study on Ageing, Cognition and Dementia in Primary Care Patients) konnte gezeigt werden, dass es im Durchschnitt gegenwärtig 4 Jahre dauert, bis Senioren, die in einem Privathaushalt wohnen und an einer Demenz erkranken, in eine Heimeinrichtung eintreten [11]. Wie lange Demenzkranke in der Häuslichkeit verbleiben können, ist von vielen Faktoren abhängig. Luppa et al. lieferten dafür einen konzeptionellen Rahmen, der aufzeigt, was Betroffene länger zu Hause leben lässt [10]. Drei wesentliche Punkte sollen herausgegriffen werden:

Die Stabilität der häuslichen Pflege ist von der Situation der Pflegenden abhängig

(1) Eine gute ärztliche und leitliniengerechte Versorgung Demenzkranker inklusive einer adäquaten Behandlung nichtkognitiver Symptome ist ein zentrales Element. Wir wissen, dass herausforderndes Verhalten das Risiko eines Heimeintritts um das 4‑Fache erhöht [9]. Aktuelle Ergebnisse aus Deutschland zeigen, dass die Einbindung von Psychiatern oder Neurologen in die Behandlung Demenzkranker einen Heimeintritt verzögert [4]. Bohlken und Kostev verweisen darauf, dass Verbesserungen in der Behandlung Demenzkranker der letzten Jahre einer verbesserten fachärztlichen Behandlung zuzuschreiben sind [2]. (2) Das Angebot gemeinde- und quartiersnaher Dienste vor Ort hat ebenfalls Einfluss darauf, wie lange Betroffene in der Häuslichkeit versorgt werden können. (3) Die Stabilität des häuslichen Pflegearrangements wird zudem maßgeblich von der Situation der pflegenden Angehörigen bestimmt. Deshalb stehen pflegende Angehörige Demenzkranker im Zentrum dieses Heftes.

Ina Zwingmann und Kollegen verweisen in ihrem Beitrag auf ungedeckte Versorgungsbedarfe pflegender Angehöriger. Angehörige thematisieren ihre eigenen Probleme kaum. Deshalb sollten Behandler besondere Aufmerksamkeit auf die Bedarfe pflegender Angehöriger lenken. Die Autoren geben eine Übersicht über Möglichkeiten, diese Bedarfe systematisch zu erfassen. Ines Conrad et al. vergleichen in einem weiteren Beitrag die Lebensqualität älterer pflegender Angehöriger mit der Lebensqualität älterer Menschen in der Allgemeinbevölkerung. Wichtig erscheint, dass mit der demographischen Entwicklung auch die pflegenden Angehörigen zunehmend älter werden. Diesem Umstand muss in Zukunft mehr Beachtung geschenkt werden. Christian Brettschneider et al. nehmen in ihrem Beitrag die sog. informellen Pflegeleistungen genauer unter die Lupe und gehen im Rahmen der AgeCoDe-AgeQualiDe-Studie der Frage nach, was sich alles dahinter verbirgt. Gudrun Ulbrecht und Kollegen widmen ihren Beitrag den niedrigschwelligen Beratungsangeboten für pflegende Angehörige, wie der Angehörigenberatung, den Angehörigengruppen und den Pflegekursen. Obgleich es Beispiele guter Praxis gibt, mangelt es oft an einer Vernetzung.

Zukünftig werden weniger jüngere Menschen für die Pflege Hochbetagter zur Verfügung stehen

Die Beiträge machen deutlich, dass der Stabilisierung häuslicher Pflegearrangements und der Unterstützung pflegender Angehöriger eine zunehmende Bedeutung zukommt. Die demographische Entwicklung macht es uns dabei nicht einfacher: Es werden in Zukunft deutlich weniger jüngere Menschen für die Pflege der Hochbetagten zur Verfügung stehen [1]. Dieser Trend erfährt zudem eine Verschärfung durch Veränderungen in den partnerschaftlichen Lebensformen, durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen und vor allem durch die größere Mobilität und damit zunehmenden Wohnentfernungen zwischen alten Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Umso intensiver müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie pflegende Angehörige am besten unterstützt werden können. Dies wird international intensiv diskutiert. Hoffnung wird dabei auf die Etablierung einer sog. multiprofessionellen und sektorübergreifenden kollaborativen Versorgung gesetzt. Diese Prinzipien sind aus den Grundsätzen moderner psychiatrischer gemeindebasierter Behandlung bekannt und werden in regionalen gerontopsychiatrischen Netzwerken und Verbünden bereits praktiziert [13]. In Deutschland wurden regionale Versorgungsnetzwerke für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen etabliert, um Schnittstellenprobleme und Konkurrenzbeziehungen von Anbietern zu minimieren (s. auch https://demenznetzwerke.de/). Zahlreiche solcher Netzwerke sind jüngst entstanden und wurden im Hinblick auf den Nutzen für pflegende Angehörige positiv evaluiert [7].

Diese Initiativen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass zahlreiche Aspekte der Versorgung Demenzkranker und ihrer Angehörigen aus versorgungsforscherischer Perspektive wenig durchleuchtet sind. Obgleich hier verschiedene patientenbezogene, behandlerbezogene und systembezogene Aspekte ineinandergreifen, ist die Unterstützung pflegender Angehöriger und der Einbezug ihrer Sichtweise in den Versorgungsprozess von zentraler Bedeutung [8, 12]. Gezielten Handlungsbedarf hat auch die Gesundheitspolitik erkannt: Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung für die aktuelle 19. Legislaturperiode stellt deshalb explizit Demenzkranke und ihre Angehörigen als wichtiges Aktionsfeld heraus.

Prof. Dr. med. Steffi G. Riedel-Heller, MPH

Notes

Interessenkonflikt

S. G. Riedel-Heller gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP)Universität LeipzigLeipzigDeutschland

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