Zusammenfassung
In der deutschsprachigen psychotherapeutischen Versorgung spielen stationäre Behandlungen eine wichtige Rolle. Dabei stellt der stationäre Ansatz aufgrund seiner Charakteristika wie Multipersonalität, Multiprofessionalität, Multimodalität und Methodenintegration eine eigenständige Psychotherapieform dar. Die vielfältigen verbalen und nichtsprachlichen Methoden müssen in einen Gesamtbehandlungsplan eingebettet werden, um hilfreich sein zu können. Das Milieu des Krankenhauses ist zudem ein wichtiger Wirkfaktor und bedarf daher einer aktiven Gestaltung. Die Indikation für eine stationäre Psychotherapie ergibt sich aus der Erkrankung und zusätzlichen krankheits-, setting- und versorgungsbezogenen Kriterien. In integrativen Konzepten kommen dem multiprofessionellen Team ein wichtige Rolle und vielfältige Aufgaben zu. Die Wirksamkeit stationärer Psychotherapie ist gut belegt. Dennoch profitieren 20–30 % der Patienten nicht von der Behandlung und knapp 13 % beenden sie vorzeitig.
Summary
In German-speaking countries inpatient psychotherapy plays a major role in the mental healthcare system. Due to its characteristic features, i. e. multiprofessionalism, multimodality and method integration, the inpatient approach represents a unique and independent type of psychotherapy. In order to be helpful, the manifold verbal and non-verbal methods need to be embedded into an overall treatment plan. Additionally, the therapeutic milieu of the hospital represents an important effective factor and its organization requires a more active construction. The indications for inpatient psychotherapy are not only based on the mental disorder but also on illness, setting and healthcare system-related criteria. In integrative concepts, the multiprofessional team is a key component with many functions. The effectiveness of psychotherapeutic hospital treatment has been proven by meta-analysis studies; however, 20–30 % of patients do not benefit from inpatient psychotherapy and almost 13 % drop-out prematurely.
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Interessenkonflikt
C. Spitzer, N. Rullkötter und A. Dally geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.
CME-Fragebogen
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Wodurch unterscheidet sich die krankenkassenfinanzierte psychotherapeutische Versorgungssituation im deutschsprachigen Raum von anderen Ländern? Durch…
die hohe Anzahl psychologischer Psychotherapeuten.
das Vorhandensein teilstationärer Behandlungsplätze.
die hohe Anzahl ärztlicher Psychotherapeuten.
die hohe Anzahl vollstationärer Behandlungskapazitäten.
die Integration von Heilpraktikern für Psychotherapie.
Welche der folgenden Charakteristika sind keine Kennzeichnen stationärer Psychotherapie?
Multipersonalität
Multimodalität
Multiprofessionalität
Aktive Milieugestaltung
Multikausalität
Die Wirksamkeit stationärer Psychotherapie ist metaanalytisch gut belegt. Dabei wurde folgende Prä-Post-Gesamteffektstärke als Veränderung zwischen stationärer Aufnahme und Entlassung gefunden:
0,3
0,5
0,7
0,9
1,1
Welche der folgenden Aufgaben gehört nicht zu den Zielen der stationären Krankenhausbehandlung und damit auch der stationärer Psychotherapie?
Vorbeugen von Krankheiten
Erkennen von Krankheiten
Heilen von Krankheiten
Verschlimmerung von Krankheiten zu verhüten
Krankheitsbeschwerden zu lindern
Für die stationäre Psychotherapie im Krankenhaus gilt:
Es gibt so gut wie keine Kontraindikationen.
Psychopharmaka werden nicht verordnet.
Vor Beginn muss ambulante Therapieresistenz nachgewiesen sein.
Abwendung von Erwerbsunfähigkeit ist ihr Hauptziel.
Sie ist gleichermaßen Fokal- wie Gruppentherapie.
Wie hoch ist der Prozentsatz von Patienten, die von stationärer Psychotherapie nicht profitieren?
Ca. 0,5 %
Ca. 4–5 %
Ca. 8–10 %
Ca. 20–30 %
Ca. 40–50 %
Das multiprofessionelle Behandlungsteam gilt als „Herzstück“ stationärer Psychotherapie und hat vielfältige Funktionen. Welche Aufgabe gehört nicht dazu?
Wahrung und Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen
Klärung der Behandlungskosten mit der Krankenkasse
Nähe-Distanz-Regulation zwischen Patienten und Team
Aufrechterhaltung der Beziehungsgleichwertigkeit im Team
Schaffung und Sicherung einer entwicklungsförderlichen Atmosphäre
Welche der folgenden Aussagen zur stationären Psychotherapie trifft nicht zu?
Die vielfältigen und heterogenen Behandlungsmethoden und -ansätze müssen konzeptionell aufeinander bezogen sein (Gesamtbehandlungsplan).
Die größte Wirksamkeit kann sie entfalten, wenn Therapie- und Realraum strikt getrennt werden (psychoanalytisch-bipolares Konzept).
Die psychische Belastung der Patienten ist im stationären Setting sehr viel schneller rückläufig als in der ambulanten Psychotherapie.
Die stationäre Behandlungsbedürftigkeit ergibt sich nicht alleine aus der Erkrankung, sondern aus zusätzlichen Kriterien (z. B. Komorbidität).
Integrative Konzepte als ihr Kernmerkmal gehen über eine bloße Methodenkombination, Eklektizismus und Polypragmasie hinaus.
Wie viele Patienten beenden die stationäre psychotherapeutische Behandlung vorzeitig (Therapieabbrecher)?
Dazu gibt es keine Zahlen
Keine
Ca. 1 %
Gut 5 %
Knapp 13 %
Welcher Befund stellt keine Indikation für eine stationäre Psychotherapie dar?
Ausdrücklicher Wunsch des Patienten
Therapieresistenz im ambulanten oder teilstationären Setting
Schwere, Komplexität und Chronizität der Erkrankung
Fehlendes oder mangelhaftes Krankheitsverständnis
Spezialisierung auf besondere Störungen oder Therapiemethoden
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Spitzer, C., Rullkötter, N. & Dally, A. Stationäre Psychotherapie. Nervenarzt 87, 99–110 (2016). https://doi.org/10.1007/s00115-015-0025-5
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