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Der Unfallchirurg

, Volume 122, Issue 10, pp 748–749 | Cite as

Brauchen wir neue Versorgungsstrukturen in der Unfallchirurgie?

Veränderte Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft
  • Eric HesseEmail author
Einführung zum Thema

Do we need new care structures in trauma surgery?

Altered needs of an aging society

Unsere Gesellschaft verändert sich in vielerlei Hinsicht. Dazu zählt, dass die Lebenserwartung steigt und wir länger leben. Dies sind grundsätzlich gute Aussichten. Mit dem demografischen Wandel geht jedoch auch einher, dass viele ältere und teilweise hochbetagte Menschen eine maligne oder chronische Krankheit erleiden. Zudem bedürfen hochbetagte Patienten eines besonderen pflegerischen und ärztlichen Umgangs. Deshalb stellt sich die Frage, ob die Strukturen innerhalb der Unfallchirurgie zur Versorgung dieser Patienten bereits auf dem aktuellsten Stand sind, oder ob Verbesserungsmöglichkeiten bestehen.

In letzter Zeit wurden viele Fortschritte zur besseren Versorgung hochbetagter Patienten in der Unfallchirurgie erreicht. Zu nennen ist z. B. die Implementierung standardisierter und an Qualitätskriterien orientierter alterstraumatologischer Zentren. Bestandteil dieser Zentren ist eine geriatrische Mitbehandlung, damit auf die speziellen Bedürfnisse der hochbetagten Patienten fachgerecht eingegangen werden kann. Dies ist eine sehr positive und erfolgreiche Entwicklung, die auch auf andere Aspekte im Zusammenhang mit der Behandlung alter Menschen übertragen werden könnte.

In alterstraumatologischen Zentren werden viele Patienten aufgrund einer Fraktur behandelt. In den meisten Fällen haben sich diese Frakturen infolge eines Traumas niedriger Energie oder sogar ohne ersichtliches Trauma ereignet. Der Grund dafür ist eine altersbedingte Abnahme der Knochenmasse und der Knochenstruktur, eine Osteoporose. Die Osteoporose zählt zu den Volkskrankheiten und betrifft Männer und Frauen. Gerade im fortgeschrittenen Stadium bei hohem Alter und Vorliegen von Komorbiditäten kann eine Osteoporose zu Fragilitätsfrakturen führen. Fragilitätsfrakturen gehen oft mit einer sehr hohen Morbidität und Mortalität einher, insbesondere kurz nach ihrem Auftreten, und haben deshalb äußerst negative Auswirkungen auf die betroffenen Patienten. Erfreulicherweise wurden im Bereich der operativen Versorgung dieser Frakturen deutliche Verbesserungen erzielt. Neue Implantate und Verfahren wurden entwickelt, die an das hohe Alter der Patienten und an den mechanisch wenig belastbaren Knochen angepasst sind und mit denen sich gute chirurgische Ergebnisse erzielen lassen. Was leider oft vergessen wird, ist, dass, abgesehen von einer Osteoporose auf dem Boden eines primären Hyperparathyreoidismus, die Therapie der Osteoporose als Systemerkrankung keine chirurgische, sondern eine medikamentöse ist. Dies bedeutet, dass nach der Frakturversorgung die Behandlung nicht abgeschlossen sein kann, sondern die Therapie der Grunderkrankung beginnen muss.

Zur medikamentösen Behandlung der Osteoporose steht eine Reihe sehr potenter Medikamente zur Verfügung (z. B. Bisphosphonate, Denosumab, Teriparatid), die das Frakturrisiko bis teilweise über 60 % reduzieren. Leider finden die bedürftigen Patienten und die sehr wirksamen Medikamente in den meisten Fällen und aus verschiedenen Ursachen nicht zueinander. Dies führt, insbesondere in Deutschland, zu einer eklatanten Versorgungslücke. Diese bedingt, dass Patienten mit einer Fragilitätsfraktur keine Behandlung der Grunderkrankung erhalten und deshalb einem deutlich erhöhten Risiko für Folgefrakturen mit oft tödlichen Konsequenzen ausgesetzt sind. Aus diesem Grund sollte darüber nachgedacht werden, ob für diese Patienten im Sinne einer qualitätsorientierten und evidenzbasierten Medizin eine Notwendigkeit zur Verbesserung der Versorgungsrealität gegeben ist.

Ein sehr gutes und im Ausland bereits seit Längerem und erfolgreich angewandtes Vorgehen ist eine strukturierte und standardisierte poststationäre Anbindung dieser Hochrisikopatienten an niedergelassene Ärzte. Auf Deutschland übertragen könnte es sich um besonders qualifizierte Ärzte handeln, die auf der Grundlage der S3-Leitlinie des Dachverband Osteologie (DVO) eine Diagnostik und Behandlung der Knochenstoffwechselerkrankung vornehmen [1]. Dadurch könnte eine Verbesserung der Versorgung unfallchirurgischer Patienten zügig erreicht und nachhaltig sichergestellt werden. Dies könnte zu einer maßgeblichen Senkung des Risikos für Folgefrakturen und der damit verbundenen Morbidität und Sterblichkeit dieser Patienten führen. Deshalb brauchen wir auch in Deutschland derartige Versorgungsstrukturen.

Das Leitthema dieser Ausgabe widmet sich verschiedenen Aspekten rund um Patienten mit Osteoporose. Diesbezüglich werden auch Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit der Etablierung intersektoraler Frakturnetzwerke im stationären und im niedergelassenen Bereich betrachtet. Die Artikel dieses Leitthemas sollen dazu beitragen darüber nachzudenken, ob Patienten mit Fragilitätsfrakturen über eine sehr gute Frakturversorgung hinaus weitergehende und sich an der Krankheitsursache orientierende Behandlungsoptionen angeboten werden können.

Ihr

Eric Hesse

Notes

Interessenkonflikt

E. Hesse ist Referent und/oder Berater für die Firmen Amgen, Eli Lilly, UCB, Binding Site, Clementia und AgNovos.

Literatur

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Molekulare Muskuloskelettale ForschungKlinikum der Ludwig-Maximilians-Universität MünchenPlanegg-MartinsriedDeutschland

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