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Schädel-Hirn-Trauma beim Polytraumatisierten

Traumatic brain injury in polytrauma patients

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Schädelverletzungen aller Schweregrade, etwa die Schädelprellung (Contusio capitis), oftmals in Verbindung mit dramatisch aussehenden großflächigen Wunden, wie auch das tatsächliche Schädel-Hirn-Trauma (SHT) mit zumindest einer kurzfristigen neurologischen Störung, bis hin zur offenen Schädel-Hirn-Verletzung sind nach wie vor Alltag in unseren Ambulanzen und Schockräumen. Das SHT repräsentiert im Rahmen des Polytraumas unverändert den entscheidenden Parameter hinsichtlich des Überlebens und des Outcomes [1]. Verletzungen mehrerer Organsysteme unter Einbeziehung des Gehirns gehören durch ihre gegenseitige Beeinflussung bzgl. primärer Diagnostik und Erstbehandlung, Verlaufskontrolle und schließlich der Wahl des Zeitpunkts, des Umfangs und der Reihenfolge bei der Versorgung von Einzelverletzungen zu den schwierigsten Kapiteln der Traumatologie. Der behandelnde Unfallchirurg ist dabei im Gegensatz zu den kollaborierenden Kollegen (Neurochirurgen, Neurologen, Radiologen) mit völlig unselektierten Patienten konfrontiert und hat dabei ad hoc nach erfolgter Triage die korrekte Behandlung einzuleiten, was beim Mehrfachverletzten noch zusätzlich durch andere lebensbedrohliche Verletzungen überlagert und erschwert wird.

Verglichen mit anderen Weltregionen ist das Niveau der SHT-Versorgung in Mitteleuropa als sehr hoch einzustufen. In der Bundesrepublik Deutschland wird mit ca. 280.000 Schädel-Hirn-Verletzten aller Schweregrade pro Jahr gerechnet, entsprechend einer Inzidenz von 332 Verletzten/100.000 Einwohner [2], wobei etwa 30 % aller schweren SHT im Rahmen eines Polytraumas auftreten.

“Beim SHT muss zusätzlich mit einem sekundären Hirnschaden gerechnet werden”

Bei jedem schweren Schädel-Hirn-Trauma ist zusätzlich mit einem sekundären Hirnschaden („second hit“) zu rechnen, welcher beim Polytrauma durch die „Krankheit Trauma“ beeinflusst wird. Auf diese Probleme nehmen Lahner und Fritsch in ihrem Beitrag „Pathophysiologie intrakranieller Verletzungen“ sowie Leitner et al. in ihrem Artikel „Die Rolle des Unfallchirurgen beim Mehrfachverletzten“ Bezug. Da jeder unfallchirurgisch tätige Kollege in die „Verlegenheit“ kommen kann, eine lebensrettende Intervention am Schädel durchführen zu müssen, ist die Kenntnis diesbezüglicher chirurgischer Basistechniken unerlässlich. Dies bietet der Beitrag von Clarici „Operationstechniken beim Schädel-Hirn-Trauma unter besonderer Berücksichtigung des Polytraumas“. Die Behandlung des SHT hat in den letzten Jahren auch im Bereich der Intensivmedizin eine rasante Entwicklung genommen. Trimmel et al. fassen in ihrem Artikel „Intensivtherapie des Schädel-Hirn-Traumas beim Mehrfachverletzten“ neue zukunftsweisende Konzepte, aber auch die Überarbeitung altbewährter Algorithmen zusammen. Eine Säule des Intensivneuromonitorings stellt die Messung des intrazerebralen Drucks dar, welcher sich der Artikel „Hirndruckmonitoring beim Polytraumatisierten mit SHT“ widmet.

Der Forderung, SHT-Verletzungen von einem routinierten „Spezialisten“ und nicht mehr von einem „Allrounder“ behandeln zu lassen, stehen oftmals die realen Verhältnisse entgegen. So ist in Österreich fast die Hälfte aller neurochirurgischen Abteilungen (5/11) in der Bundeshauptstadt und dem angrenzenden Zentralraum lokalisiert. Gerade in Regionen mit extremen geographischen und witterungsbedingten Gegebenheiten, welche den Einsatz moderner Rettungssysteme behindern, ist die Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Helfern von entscheidender Bedeutung. Somit werden die Unfallchirurgen immer mit schweren SHT konfrontiert sein, wobei eine flächendeckende adäquate Versorgung nur durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit neurochirurgisch kompetenter Unfallchirurgen mit unfallchirurgisch kompetenten Neurochirurgen erfolgen kann. Dass dies durchaus ein erfolgsversprechendes Konzept darstellt, beweisen Daten aus der Literatur [3] bei denen, wenn schon nicht „time is life“, so zumindest „time is brain“ gilt.

Ich hoffe, dass Ihnen mit dem Themenheft ein Überblick über den aktuellen Stellenwert der Unfallchirurgie beim Schädel-Hirn-Trauma sowie wertvolle Hinweise für die tägliche Arbeit vermittelt werden können.

Ihr

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Prim. Dr. Thomas Neubauer

Literatur

  1. 1.

    Rickels E (2008) Schädel-Hirn-Verletzungen bei Polytrauma. In: Oestern HJ (Hrsg) Das Polytrauma. Elsevier, Amsterdam, S 89–108

    Google Scholar 

  2. 2.

    Jager TE, Weis HB, Coben JH, Pepe PE (2000) Traumatic brain injuries evaluated in US emergency departments. Acad Emerg Med 7:134–140

    CAS  Article  PubMed  Google Scholar 

  3. 3.

    Barber MA, Helmer SD, Morgan JT, Haan JM (2012) Placement of intracranial pressure monitors by non-neurosurgeons: Excellent outcomes can be achieved. J Trauma Acute Care Surg 73:558–564

    Article  PubMed  Google Scholar 

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Neubauer, T. Schädel-Hirn-Trauma beim Polytraumatisierten. Unfallchirurg 120, 720–721 (2017). https://doi.org/10.1007/s00113-017-0348-8

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