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Impfmythen in der Pädiatrie

Vaccination myths in pediatrics

Zahlreiche Ängste und Mythen existieren um das Thema Impfung. Obwohl viele dieser Mythen nicht durch wissenschaftliche Studien belegt sind, beeinflussen sie das Verhalten von Menschen, insbesondere im Hinblick auf Impfentscheidungen, nachhaltig. Diskussionen um die Wirksamkeit und die Sicherheit von Impfungen sorgen für Ängste, Missverständnisse und Zweifel. Aufgrund unzureichender und/oder falscher Informationen zu Impfstoffen lehnen Eltern Impfungen für sich oder ihre Kinder ab und gefährden damit die Erfolge öffentlicher Impfprogramme.

Mythos 1

Impfungen sind heute nicht mehr erforderlich.

Die besonders von Impfgegnern verbreitete Argumentation, Impfungen seien heute gar nicht mehr erforderlich, da Krankheiten, gegen die geimpft wird, allein schon aufgrund unserer guten Lebensbedingungen verschwunden seien oder unkompliziert verlaufen, ist ein Mythos. Richtig ist, dass ehemals häufige Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Tetanus, Pertussis oder Poliomyelitis, die mit einer hohen Morbidität verbunden sind, besonders in den entwickelten Staaten selten geworden sind. Verantwortlich für diese Entwicklung sind die seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts in diesen Ländern erfolgreich umgesetzten öffentlichen Impfprogramme ab dem frühen Säuglingsalter. Die erfolgreiche Prävention schwerwiegender, früher häufig tödlich verlaufender Infektionen durch Impfungen hat die Bedrohung durch Erkrankungen und damit verbundene Risiken aus der Wahrnehmung der Menschen verschwinden lassen. Impfungen und Impfprogramme sind damit gewissermaßen Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.

Impfpräventable Erkrankungen können nur durch anhaltend hohe Durchimpfungsraten eradiziert werden

Menschen neigen fälschlicherweise dazu zu glauben, die durch Impfungen verhinderten Infektionen seien verschwunden und würden heute keine Gefahr mehr darstellen. Tatsächlich ist es in der Geschichte der Menschheit bisher nur einmal gelungen, eine Infektionskrankheit, die Pocken, erfolgreich auszurotten. Voraussetzung dafür war, dass der größte Teil der Menschen weltweit aktiv gegen Pocken geimpft worden war und dadurch nicht nur ein Individualschutz, sondern zusätzlich auch ein passiver Gruppenschutz erzeugt werden konnte (Herdenprotektion; [1]). Heute eingesetzte Impfungen haben zweifelsohne die Inzidenz von Tetanus, Diphtherie, Pertussis, Röteln-Embryopathie, Masern, Mumps, Poliomyelitis oder von Infektionen durch Haemophilus influenzae, Pneumo- und Meningokokken erheblich gesenkt [2,3,4]. Doch keine dieser Infektionskrankheiten konnte bislang vollständig eradiziert werden, obwohl dies beispielsweise für Masern oder Poliomyelitis problemlos möglich wäre, wenn einfach nur genügend Individuen geimpft würden.

Am Beispiel von Masern kann die Bedeutung von Impfungen für die Prävention schwerer Erkrankungen eindrücklich illustriert werden. Bis zur Einführung der Impfung im Jahr 1963 waren Masern weit verbreitet. In den USA wurden jährlich etwa 4 Mio. Erkrankungen und, assoziiert damit, mehr als 450 Todesfälle registriert. Fünfzig Jahre später gelten endemische Masern in den USA als ausgerottet [5]. Trotzdem kommt es in den USA auch heute immer wieder zu lokalen Ausbrüchen durch einreisende an Masern Erkrankte aus Ländern wie Japan, der Schweiz oder Deutschland. Im Jahr 2015 wurden 159 Masernfälle in den USA registriert, wobei 45 % der betroffenen Personen nicht gegen Masern geimpft waren und 38 % einen unklaren Impfstatus aufwiesen. Ähnlich verhält es sich in Deutschland. Nach der Weltgesundheitsorganisation(WHO)-Definition gilt ein Land als masernfrei, wenn weniger als eine Infektion unter 1.000.000 Menschen im Jahr auftritt. Im ersten Halbjahr 2018 hat das Robert Koch-Institut (RKI) in Deutschland 387 Masernfälle registriert [6]. Das sind zwar weniger als die knapp 800 Fälle des Vorjahres, aber deutlich mehr als die von der WHO festgelegten zulässigen 80 Fälle/Jahr. In der europäischen Region haben sich im ersten Halbjahr 2018 nach WHO-Angaben mehr als 41.000 Kinder und Erwachsene mit Masern infiziert. Mindestens 37 Todesfälle seien erfasst worden. Im gesamten Jahr 2017 waren in der WHO-Region Europa 23.927 Menschen erkrankt; im Jahr 2016 waren es 5273 [7].

Masern und auch andere impfpräventable Erkrankungen können nur durch anhaltend hohe, idealerweise über 95 % liegende Durchimpfungsraten eradiziert werden. Nur dann gelingt es, die statistische Wahrscheinlichkeit einer Übertragung zu reduzieren und Herdenprotektion zu erzeugen. Dadurch werden indirekt auch vulnerable Individuen, bei denen eine vollständige Immunisierung nicht möglich ist (z. B. immunsupprimierte Personen), vor möglicherweise schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen geschützt [8].

Mythos 2

Die Krankheit selbst zu durchleben, schützt besser als eine Impfung.

Seit der Einführung der Masernimpfung in den 1960er-Jahren veranstalteten Gruppen impfkritischer Eltern „Masernpartys“, um ihre Kinder auf „natürliche Weise“ gegen Masern zu schützen. Dahinter steht die Vorstellung, dass eine Auseinandersetzung mit dem Wilderreger eine natürlichere oder bessere Form der schützenden Immunantwort erzeugt, oder auch, dass das Durchleben einer natürlich vorkommenden Infektionskrankheit für die körperliche und die seelische Entwicklung von Kindern grundsätzlich bedeutend ist.

Bedauerlicherweise verkennen diese Eltern, dass eine Erkrankung an Masern mit deutlich höheren Risiken verbunden ist als die möglichen Nebenwirkungen der Impfung [9]. Masern sind neurotope Viren, die häufig bei Infektionen zu neurologischen Komplikationen führen. Durchschnittlich eines von 1000 Kindern, die an Masern erkranken, entwickelt eine Enzephalitis, nicht selten mit bleibenden neurologischen Folgen oder gar tödlichem Verlauf. Die akute Maserninfektion induziert eine passagere, über 3 bis 6 Monate andauernde Immunsuppression, die gerade kleine Kinder für weitere Infektionskrankheiten prädisponiert. Im Gegensatz dazu scheint die Masernimpfung eher das kindliche Immunsystem zu stabilisieren. Bei einem unter 3000 bis 10.000 Erkrankten kann es Jahre nach der Infektion zu einer immer tödlich verlaufenden subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) kommen, einer Komplikation, die bisher noch nie nach Masernimpfung aufgetreten ist. Laut der WHO zählen die Masern bis heute zu den häufigsten Todesursachen bei Kleinkindern, die allesamt durch konsequente Impfungen verhindert werden könnten.

Mythos 3

Impfrisiken und Nebenwirkungen sind nicht hinreichend bekannt.

Auch dieser Mythos ist falsch. Impfungen werden seit mehr als 50 Jahren regelhaft verabreicht, und es liegen unzählige Studien zu Wirksamkeit und Sicherheit der heute genutzten Impfstoffe vor. Gerade die in den vergangenen Jahren zugelassenen neuen Impfstoffe mit modernen Adjuvanzien sind in Studien mit mehr als 100.000 Teilnehmern geprüft und zur Zulassung gebracht worden. Auch nach der Zulassung werden die Impfstoffhersteller heute regelmäßig durch die European Medicines Agency (EMA) zur Durchführung von Phase-IV-Studien verpflichtet, um sehr seltene Nebenwirkungen zuverlässig erfassen zu können. Anhand dieser Untersuchungen konnte bisher kein Zusammenhang zwischen Impfungen und Erkrankungen wie beispielsweise Autismus oder multipler Sklerose nachgewiesen werden. Ebenso werden Allergien nach aktueller Studienlage durch zeitgerechte Impfungen eher verhindert als ausgelöst. Vor einigen Jahren wurde ein Zusammenhang von plötzlichem Kindstod („sudden infant death syndrome“, SIDS) mit Impfungen diskutiert. Eine umfangreiche Untersuchung des Robert Koch-Instituts über mehrere Jahre [10] konnte keinen Hinweis dafür finden – im Gegenteil weisen Daten des Paul Ehrlich Instituts eher darauf hin, dass das Risiko für SIDS durch Impfungen verringert wird [11].

Ein Impfstoff ist ein Medizinprodukt und kann daher, insbesondere bei genetisch bedingt empfänglichen Personen Nebenwirkungen entfalten. Diese bestehen jedoch in der Mehrzahl aus passageren lokalen Effekten an der Injektionsstelle, wie Rötung, Schwellung, Schmerz und Überwärmung. Auch eine Fieberreaktion ist nicht ungewöhnlich, ist sie doch lediglich Ausdruck der durch die Impfung eingeleiteten schützenden Immunantwort [12]. Im Gegensatz dazu sind Krankheiten, gegen die Impfungen empfohlen werden, wie beispielsweise Masern, durch schwerwiegende Komplikationen und Begleiterscheinungen belastet. Das Risiko für Schäden aufgrund der Erkrankung ist daher wesentlich höher als das Risiko eines Gesundheitsschadens durch die Impfung.

Mythos 4

Zu viele Impfungen bzw. Kombi-Impfungen überlasten das Immunsystem.

Die heute verwendeten Impfstoffe sind deutlich besser verträglich als die noch vor wenigen Jahrzehnten verwendeten Impfstoffe. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass moderne Impfstoffe spezifischer im Hinblick auf eine erwünschte schützende Immunantwort formuliert werden. Der Fortschritt der Biotechnologie ermöglicht es heute, aus der Vielzahl von antigenen Strukturen eines Mikroorganismus exakt die Bestandteile zu identifizieren und zu isolieren, die für die erwünschte Impfantwort optimal sind. So enthalten die neuen Meningokokken-Typ-B-Impfstoffe lediglich 2 bis 4 Komponenten, und Humanes-Papillomavirus(HPV)-Impfstoffe enthalten als Antigen nur noch jeweils ein Proteinelement aus der Hülle der Viren. Eine Untersuchung von Offit et al. [12] zeigt, dass beispielsweise die heute genutzten azellulären Keuchhustenimpfstoffe mit 3 bis 5 Komponenten deutlich weniger antigene Strukturen enthalten, im Vergleich zu den früher genutzten Ganzkeim-Pertussis-Impfstoffen mit mehr als 3000 unterschiedlichen Antigenen. So ist es gelungen, die Zahl der heute Säuglingen im ersten Jahr verabreichten Impfstoffe mindestens um den Faktor 10 auf etwa 150 Antigene zu reduzieren. Zudem sind früher in Impfstoffen enthaltene Konservierungsstoffe wie Thiomersal mittlerweile aus den heute verabreichten Formulierungen entfernt worden. Die Belastung durch die als Adjuvanzien in Impfstoffen enthaltenen Aluminiumsalze ist ebenfalls wesentlich geringer als die Menge an Aluminium, die wir durch Nahrungsmittel oder Kosmetika aufnehmen.

Schließlich sollte man die Qualität des Immunsystems eines Menschen nicht unterschätzen. Schon bei Geburt sind alle wesentlichen Abwehrfunktionen ausgebildet, und der junge Mensch adaptiert sich in wenigen Wochen an die Herausforderungen seiner Umwelt. Volumenmäßig ist die Menge an Fremdantigenen, die wir täglich mit der Nahrung aufnehmen, um ein Vielfaches über der insgesamt über das Leben verabreichten Antigenmenge in Impfstoffen.

Mythos 5

Impfungen sind für Autoimmunerkrankungen verantwortlich.

Die Bedeutung von Impfstoffen für die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen wird seit Jahren diskutiert. Unverändert sind die Ursachen von Autoimmunerkrankungen nicht hinreichend geklärt. Es wird angenommen, dass auf Basis einer genetischen Prädisposition verschiedene Faktoren aus der Umwelt, wie beispielsweise auch Infektionserkrankungen, in der Pathogenese eine Rolle spielen. Da Impfstoffe das Immunsystem zumindest in ähnlicher Weise wie die in der Natur vorkommenden Infektionserreger adressieren, ist es grundsätzlich vorstellbar, dass auch eine Impfung bei einem genetisch suszeptiblen Individuum einmal zur Auslösung einer Autoimmunreaktion beitragen kann [13].

Ob Impfstoffe tatsächlich zur Entwicklung von autoimmunen Prozessen beitragen können, ist Gegenstand intensiver Forschung. Bislang gibt es jedoch keine definitive Evidenz, die einen kausalen Zusammenhang zuverlässig belegt [14]. Die meisten Berichte über mögliche Assoziationen von Impfungen und Autoimmunerkrankungen basieren auf Fallstudien mit niedrigem Evidenzniveau.

Vor einigen Jahren wurde von einer Forschergruppe das „Syndrom autoimmunologischer Erkrankungen, ausgelöst durch Additive“ („autoimmune syndrome induced by additiva“, ASIA) beschrieben. Die Arbeit diskutiert Autoimmunerkrankungen, die möglicherweise mit Impfstoffadditiven (Zusatzstoffe wie Adjuvanzien und Konservierungsstoffe) im Zusammenhang stehen könnten [15]. Obwohl ASIA in der Fach- und Laienpresse viel Aufmerksamkeit erfahren hat, stellt es unverändert ein primär theoretisches Konzept dar. Der damit befassten Forschergruppe ist es bisher nicht gelungen, neben hypothetischen Überlegungen formal wissenschaftliche Evidenz für einen kausalen Zusammenhang von Impfstoffen und Autoimmunphänomenen vorzulegen [16, 17]. Trotzdem bleibt natürlich grundsätzlich die Möglichkeit eines Zusammenhangs bestehen. Bisher haben alle Untersuchungen zur Inzidenz von Autoimmunerkrankungen in geimpften vs. ungeimpften Populationen kein erhöhtes Risiko für derartige Erkrankungen im Zusammenhang mit Impfungen nachweisen können.

Mythos 6

Impfungen führen zu Autismus.

Dieser Mythos ist ein in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vorgetragenes Argument gegen Impfungen. Die Falschinformation geht im Wesentlichen auf eine Arbeit von Wakefield et al. in der Zeitschrift Lancet aus dem Jahr 1998 zurück [18]. Darin berichtet der englische Gastroenterologe Wakefield über einen Zusammenhang zwischen den Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) und dem Auftreten von Autismus. Die Studienergebnisse Wakefields beruhten tatsächlich nur auf 8 Patienten. Die Publikation wurde damals sehr schnell von der Laienpresse aufgegriffen und führte in England und anderen Ländern zu einem drastischen Vertrauensverlust in MMR-Impfungen mit konsekutivem Abfall der Durchimpfungsraten. In der Folge kam es in diesen Ländern zu großen Masernausbrüchen mit hohen Komplikations- und Sterbezahlen.

Die Überprüfung der von Wakefield publizierten Untersuchung durch mehrere internationale Forschergruppen offenbarte erhebliche methodische Schwächen und mögliche Interessenkonflikte. Die Kontroverse führte zunächst zur Neubewertung der Schlussfolgerungen der Publikation im Jahr 2004 [19] und zu einer vollständigen Rücknahme durch Lancet im Jahr 2010 [20]. Im selben Jahr verlor der Autor wegen schwerer Verstöße gegen die Berufsordnung seine ärztliche Zulassung in Großbritannien.

Die Mär vom Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus verzögert das Ziel der Maserneradikation

In den vergangenen Jahren wurden mehrere große epidemiologische Studien mit dem Ziel durchgeführt, mögliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Autismus aufzuzeigen [21]. Eine 2014 veröffentliche Metaanalyse [22] untersuchte Daten aus 5 Kohortenstudien (mit 1.256.407 Kindern) und 5 Fall-Kontroll-Studien (insgesamt 9920 Kinder) im Hinblick auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Manifestation von Autismus oder Autismus-Spektrum-Störungen, ohne dass eine Verbindung zwischen der MMR-Impfung und Autismus festgestellt werden konnte. Neben den eigentlichen Impfantigenen wurden in der Metaanalyse auch Konservierungsstoffe wie die organische Quecksilberverbindung Thiomersal und Quecksilber als mögliche Ursachen einer Autismusentwicklung bewertet, ohne dass hierfür ein Zusammenhang identifiziert werden konnte. Die Mär vom ursächlichen Zusammenhang zwischen MMR-Impfungen und Autismus bleibt ein Mythos, der allerdings über nahezu 2 Jahrzehnte das Impfwesen und besonders das Ziel der weltweiten Maserneradikation erheblich beschädigt und verzögert hat.

Mythos 7

Schwangere sollten nicht geimpft werden.

In der Vergangenheit wurden Impfungen während der Schwangerschaft nur zurückhaltend eingesetzt, nicht zuletzt, weil bei begrenzter Datenlage das potenzielle Nebenwirkungsrisiko für Mutter und ungeborenes Kind nur eingeschränkt zu beurteilen war. Neue medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnisse erlauben eine Reevaluation dieser Fragestellung. Keller-Stanislawski et al. (vom Paul-Ehrlich-Institut) geben in zwei Publikationen [23, 24] einen umfassenden Überblick der Datenlage zur Sicherheit von Impfstoffen für Schwangere. Die Autoren werteten Publikationen seit dem Jahr 1946 sowie aktuelle Surveillance-Programme für ihre Arbeit aus. Insgesamt 112 Veröffentlichungen wurden berücksichtigt und durch Experten des Global Advisory Committee on Vaccine Safety (GACVS) der WHO beurteilt. Die Analyse umfasst Impfstoffe gegen saisonale und pandemische Influenza, Einzel- und kombinierte Impfstoffe gegen Meningokokken (Polysaccharid- und konjugierte Impfstoffe), Impfstoffe gegen Tetanustoxoid, Impfstoffe gegen Keuchhusten (azelluläre Pertussisvakzine), monovalente/kombinierte Impfstoffe gegen (Mumps-Masern‑)Röteln, Impfstoffe gegen Poliomyelitis und gegen Gelbfieber.

Die Ergebnisse bestätigen, dass Totimpfstoffe zu jedem Zeitpunkt einer Schwangerschaft sicher verabreicht werden können. Bei erhöhtem Ansteckungsrisiko für die Schwangere resp. einem erhöhten Risiko für die Krankheit (z. B. Influenza der Mutter im letzten Trimenon) für die Schwangere oder ihr Kind (Neonataltetanus oder Pertussis in den ersten Lebenswochen) überwiegen die Vorteile einer Impfung eindeutig gegenüber den möglichen Risiken. In einer Metaanalyse ließ sich für kein Trimenon ein Zusammenhang zwischen der Grippeimpfung und Fehlbildungen bei Neugeborenen erkennen [25]. Auch Impfungen während der Schwangerschaft gegen Hepatitis B, Pneumokokken, Meningokokken und HPV werden als unbedenklich eingestuft [26].

Totimpfstoffe können zu jedem Zeitpunkt einer Schwangerschaft sicher verabreicht werden

Lebendimpfstoffe sind wegen des theoretischen Risikos einer diaplazentaren Infektion des ungeborenen Kindes während bzw. kurz vor der Schwangerschaft grundsätzlich kontraindiziert. Die ausgewerteten Studien zu den Lebendimpfstoffen Masern‑, Mumps- und/oder Röteln-, oraler Polioimpfstoff sowie Gelbfieberimpfstoffe ergaben allerdings keine Hinweise auf ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind [23, 27, 28]. Eine versehentliche Impfung Schwangerer mit Lebendimpfstoffen hat nach gegenwärtigem Wissensstand kein oder nur ein marginales Risiko und stellt keine Indikation für eine Schwangerschaftsunterbrechung dar.

Ausdrücklich für Schwangere empfohlen werden die saisonale Influenzaimpfung und zukünftig auch die dTap-Impfung (Diphtherie, Tetanus, azellulärer Pertussis), am besten zwischen der 27. und 36. Schwangerschaftswoche. Tetanus, Pertussis und Influenza sind Erkrankungen mit potenziell schwerwiegenden Komplikationen für das ungeborene Kind und/oder die Mutter, die sich durch Impfung zuverlässig verhindern lassen [29, 30]. Die Pertussisimpfung einer Schwangeren bietet auch dem Neugeborenen einen zuverlässigen Infektionsschutz.

Mythos 8

Jenner hat das moderne Impfwesen aufgrund der Beobachtung von Milchmägden entwickelt [31].

Im Jahr 1796, 75 Jahre, nachdem Lady Mary Wortley Montagu und Charles Maitland die Inokulation mit echten Pockenviren in England bekannt gemacht hatten, führte der Landarzt Edward Jenner ein Experiment durch, das schließlich zur Ausrottung der Pocken und einer neuen Ära des Impfwesens führen sollte. Am 14. Mai 1796 impfte Jenner einen 8-jährigen Knaben mit dem Sekret aus einer Kuhpockenpustel. Sechs Wochen später führte er die für die damalige Zeit übliche Variolation, d. h. die Inokulation mit Material von einem an echten Pocken (Variola major) Erkrankten durch, ohne dass der Junge daraufhin eine Impfreaktion zeigte. Mit seinem Experiment hatte Jenner bewiesen, dass mithilfe der Kuhpocken eine Immunität gegenüber Pocken erzeugt werden konnte.

Wie aber kam Edward Jenner auf die Idee zu diesem, die moderne Medizin grundlegend verändernden Versuch? Die Medizingeschichte konzentriert sich in dieser Frage meist auf die vermeintliche Rolle von Milchmägden. Von deren offensichtlich trotz häufiger Pockenausbrüche erhaltenen Schönheit soll Jenner die Vorteile der Kuhpockenimpfung abgeleitet haben. Die Milchmägde-Erzählung ist allerdings ein Mythos, erfunden von John Baron, Jenners Freund und erstem Biografen. Jenner selbst hat nie behauptet, die Bedeutung von Kuhpocken für die Impfung entdeckt zu haben, noch hat er hinterlassen, wie er zum ersten Mal auf die Idee kam. Jenner wurde zu Lebzeiten allerdings von vielen Ärzten, die seiner Methode nicht vertrauten, heftig kritisiert, u. a. auch, weil die Kuhpockenimpfung im Unterschied zur Variolation keine dauerhafte Immunität hinterließ. Baron erfand den Milchmägdemythos, wohl um dieser Kritik entgegenzuwirken.

Schon im Jahr 1768 fiel John Fewster, einem Landchirurgen, und seinem Kollegen, Mr. Grove, auf, dass eine große Anzahl von Patienten nicht erfolgreich mit Pockensekret inokuliert werden konnten. Die Ursache des Impfversagens wurde schließlich durch den Fall eines Farmers geklärt, der mehrere Male ineffektiv inokuliert worden war. Der Farmer versicherte, dass er noch nie an Pocken, wohl aber an Kuhpocken erkrankt gewesen sei. Fewster nahm diesen Hinweis auf und erkannte, dass die Mehrzahl der Menschen, die nicht auf eine Variolation reagierten, zuvor an Kuhpocken erkrankt waren. Der Arzt berichtete diese Beobachtung daraufhin in seiner medizinischen Gesellschaft, einer Vereinigung, der auch Jenner angehörte. Viele Jahre später bestätigte ein Freund von Jenner, dass dieser selbst einmal erwähnte, er habe 1768 zum ersten Mal von Kuhpocken gehört.

Um 1769 war Jenner in London als Hauschirurg für den berühmten experimentellen Chirurgen John Hunter im St. George’s Hospital tätig. Es ist belegt, dass er den Kuhpockeneffekt mit Hunter diskutiert hat. Ob Jenner aber tatsächlich bei dem Abendessen anwesend war, an dem Fewster seine Beobachtung der medizinischen Gesellschaft berichtete, ist nicht bekannt. Es ist wahrscheinlicher, dass Jenner von Fewsters Beobachtungen über seinen Chef Hunter erfahren hat.

Auf Basis einer Beobachtung initiierte Jenner eine der bedeutendsten Innovationen der Medizingeschichte

In medizinischen Kreisen wird gelegentlich diskutiert, dass Jenners Impfversuch nach heutigen Standards als unethisch eingestuft werden würde. Tatsächlich handelte Jenner jedoch für die damalige Zeit in akzeptabler Weise und gab James Phipps, dem Sohn eines armen Arbeiters, Schutz vor einer gefürchteten, nicht selten tödlich verlaufenden Krankheit. Ein Kind, das noch keine Pocken überstanden oder eine Variolation erhalten hatte, war zu Jenners Zeiten für keine Anstellung vermittelbar, weil niemand einen Jungen übernehmen wollte, der möglicherweise Pocken in den Haushalt einschleppen konnte. Die nicht ungefährliche Variolation mit echtem Pockensekret war demnach Standard, um einem Kind Schutz zu geben. Jenner hatte aufgrund zahlreicher Berichte über Patienten, die sich nach einer Kuhpockeninfektion als resistent gegenüber Pocken erwiesen hatten, guten Grund anzunehmen, dass die Impfung mit Kuhpocken funktionieren könnte. Mit seinem Versuch überprüfte er letztlich formal, ob die aktive Übertragung von Kuhpocken ebenso wie eine natürliche Kuhpockeninfektion Schutz gegen natürliche Pocken vermittelte. Nach Impfung mit Kuhpocken wurde Phipps, wie damals üblich, mit echten Pocken inokuliert. Hätte die Kuhpockenimpfung versagt, wäre der Junge durch die anschließende Variolation ebenfalls geschützt gewesen. Da die Inokulation zur damaligen Zeit ein akzeptiertes, in England weit verbreitetes Verfahren war, kann das Vorgehen Jenners auch aus heutiger Sicht nicht grundsätzlich als ethisch bedenklich angesehen werden, auch wenn heute ein solcher Versuch natürlich anderen Regularien und Standards unterliegen würde.

Das Narrativ, das Jenner nach Beobachtung von Milchmägden die Kuhpockenimpfung entwickelt hat, ist wohl ein Mythos. Schon 30 Jahre vor seinem entscheidenden Impfexperiment war unter Medizinern bekannt, dass Menschen nach einer Infektion mit Kuhpocken gegenüber Pocken gefeit waren. Der entscheidende Beitrag und Verdienst Jenners liegen allerdings darin, dass er auf Basis dieser Beobachtung die richtigen Schlüsse gezogen und damit eine der bedeutendsten Innovationen der Medizingeschichte initiiert hatte.

Fazit für die Praxis

  • Impfungen haben wie keine andere medizinische Innovation unser Leben und unsere Chancen auf Gesundheit und lange Lebenserwartung positiv beeinflusst.

  • Trotz der großen Erfolge von Impfungen werden Impfstoffe und öffentliche Impfprogramme immer wieder diskutiert und infrage gestellt. Angesichts des Verschwindens vieler früher lebensbedrohlicher Infektionskrankheiten, gerade durch den Einsatz von Impfstoffen, schwindet die Angst vor der Infektion und wächst die Sorge vor möglichen nachteiligen Effekten von Impfungen. Auch 222 Jahre nachdem Jenner erstmals eine Impfung mit einem abgeschwächten Erreger erfolgreich durchgeführt hat, halten sich Mythen über Risiken und Nebenwirkungen von Impfstoffen hartnäckig.

  • Keine der besonders von Impfgegnern beförderten Impfmythen ist bisher durch wissenschaftliche Evidenz bestätigt worden. Vielmehr belegen alle vorliegenden seriösen Erkenntnisse, dass heute eingesetzte Impfstoffe wirksam sind und immer eindeutig weniger Nebeneffekte haben als die Krankheiten, die durch sie verhindert werden können.

  • Als Ärzte dürfen wir nicht müde werden, Mythen in der Medizin zu demaskieren und das Vertrauen in die medizinische Prävention zu fördern.

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F. Zepp ist seit 1998 Mitglied der Ständigen Impfkommission beim RKI.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von dem Autor durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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G. Hansen, Hannover

R. Kerbl, Leoben

F. Zepp, Mainz

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Zepp, F. Impfmythen in der Pädiatrie. Monatsschr Kinderheilkd 166, 1114–1119 (2018). https://doi.org/10.1007/s00112-018-0610-3

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