Skip to main content

Klug entscheiden

Allem voran die Indikationsqualität

Choosing wisely

Primarily the quality of indications

Es ist unbestritten, dass das übergeordnete Ziel unseres Gesundheitssystems die Gewährleistung der bestmöglichen Qualität in der Versorgung unserer Patienten ist. Um dies zu erreichen, müssen alle drei Ebenen der medizinischen Versorgungsqualität auf hohem Niveau liegen [1]. Während die Strukturqualität die grundlegende fachliche Qualifikation und die apparativ-technische Voraussetzung einschließlich der Hygienemaßnahmen beschreibt, definiert die Ergebnisqualität den Erfolg einer Behandlung im Hinblick auf Patientenzufriedenheit, Komplikationen, Lebensqualität und Sterblichkeit. Schließlich definiert die Prozessqualität den Ablauf der Diagnostik und Therapie. Sie beinhaltet die Indikationsqualität und damit das „Wie“ des medizinischen Vorgehens.

Die korrekte Indikationsstellung ist die Basis für ein qualifiziertes ärztliches Handeln

Die korrekte Indikationsstellung ist die Basis für ein qualifiziertes ärztliches Handeln. Bei falscher Indikation kann selbst ein formal gutes Ergebnis nicht wirklich als solches betrachtet werden und die Prozessqualität wird zum Selbstzweck. Leitlinien haben das übergeordnete Ziel, die korrekte Indikationsstellung für diagnostische und therapeutische Maßnahmen evidenzbasiert zu vermitteln. Darüber hinaus hängt die Qualität der Indikationsstellung in hohem Maße von der Betrachtung des individuellen Patienten und der Erfahrung des behandelnden Arztes ab.

Gerade in Anbetracht des rasanten medizinischen Fortschritts und der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten ist die evidenzbasierte, individuelle ärztliche Beratung und Behandlung unserer Patienten von großer Wichtigkeit. Umso bedeutungsvoller ist gerade jetzt die Qualitätsinitiative „Klug entscheiden“, welche die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zusammen mit allen internistischen Schwerpunkten gestartet hat [2]. Sie identifiziert diagnostische und therapeutische Maßnahmen, die häufig nicht fachgerecht erbracht werden. Dies beinhaltet sowohl Überversorgung als auch Unterversorgung und resultiert in einer Negativ- bzw. Positivempfehlung.

Nicht alles, was machbar ist, muss auch gemacht werden

Die Klug-entscheiden-Empfehlungen sollen den Ärzten bei der Indikationsstellung als Hilfe dienen [3, 4]. Sie sollen zudem den Patienten helfen, sich für eine sinnvolle Maßnahme zu entscheiden. Andererseits sollen die Empfehlungen Ärzte unterstützen, wenn es darum geht, einen Patientenwunsch nach Durchführung einer nicht sinnvollen Maßnahme zurückzuweisen. Schlussendlich soll „Klug entscheiden“ auch dafür sensibilisieren, dass nicht immer alles gemacht werden muss, was machbar ist. Die Grundeinstellung, möglichst viel oder eben alles zu tun, wird uns im Studium in die Wiege gelegt. Die Faszination des Machbaren führt dann unweigerlich zu einer Vernachlässigung der Fokussierung auf das Notwendige und Sinnvolle.

Die Qualitätsoffensive „Klug entscheiden“ der DGIM orientiert sich an der amerikanischen Choosing-Wisely-Initiative, die im Jahr 2012 vom American Board of Internal Medicine (ABIM Foundation) gestartet wurde [5, 6]. David Casarett hat vor Kurzem wichtige Gedanken zur Choosing-Wisely-Initiative unter dem Titel „The science of choosing wisely – overcoming the therapeutic illusion“ publiziert [7]. Casarett ermahnt uns Ärzte, nicht der Illusion des Therapieerfolgs zu unterliegen und unsere Maßnahmen sorgfältig zu überdenken: „Bevor man zu dem Schluss kommt, dass eine Behandlung wirksam war, sollte man nach anderen Erklärungsmöglichkeiten suchen. Sieht man Belege des Erfolgs, sollte man nach Belegen des Versagens suchen“ (übersetzt aus dem Englischen). Casarett warnt aber auch, dass eine Desillusionierung der Ärzte zu Unterversorgung führen könnte. Und deshalb ist es gut, dass die DGIM im Gegensatz zur amerikanischen Initiative sowohl Überversorgung als auch Unterversorgung adressiert. Schließlich warnt Casarett vor der Erstellung von Choosing-Wisely-Empfehlungen allein durch die Schwerpunktgesellschaften und plädiert für einen breiteren Ansatz. Auch da ist die DGIM-Initiative mit ihrem Konsensusprozess über alle internistischen Schwerpunkte gut aufgestellt [3].

In der vorliegenden Ausgabe von Der Internist wird die Klug-entscheiden-Initiative der DGIM vorgestellt, Klug-entscheiden-Empfehlungen zu endokrinologischen und infektiologischen Themen werden präsentiert. Schließlich werden aus den 120 Positiv- und Negativempfehlungen, die bisher von der DGIM und ihren Schwerpunkten und assoziierten Fachgesellschaften erstellt wurden, diejenigen zusammengefasst, die ganz besonders für die direkte Arzt-Patienten-Interaktion relevant sind.

figure b

G. Hasenfuß

figure c

E. Märker-Hermann

figure d

M. Hallek

figure e

C. Sieber

Literatur

  1. Gemeinsamer Bundesausschuss (2015) Struktur-, Prozess und Ergebnisqualität. https://www.g-ba.de/institution/themenschwerpunkte/qualitaetssicherung/ergebnisqualitaet/

    Google Scholar 

  2. Hallek M (2014) „Choosing Wisely“ – Vermeiden unnötiger medizinischer Maßnahmen. Dtsch Med Wochenschr 139(40):1975

    CAS  Article  PubMed  Google Scholar 

  3. Hasenfuß G et al (2016) Die Initiative Klug entscheiden. Gegen Unter- und Überversorgung. Dtsch Arztebl 13:2–4

    Google Scholar 

  4. Fölsch UR et al (2016) Mitgliederbefragung zu Klug entscheiden. Wie Internisten das Problem von Über- und Unterversorgung werten. Dtsch Arztebl 13:5–7

    Google Scholar 

  5. ABIM Foundation. http://www.choosingwisely.org

  6. Morgan DJ, Wright SM, Dhruva S (2015) Update on medical overus. JAMA Intern Med 175:120–124

    Article  PubMed  Google Scholar 

  7. Casarett D (2016) The science of choosing wisely – overcoming the therapeutic illusion. New Engl J Med 374:1203–1205

    Article  PubMed  Google Scholar 

Download references

Author information

Authors and Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to G. Hasenfuß.

Ethics declarations

Interessenkonflikt

G. Hasenfuß, E. Märker-Hermann, M. Hallek und C. Sieber geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Hasenfuß, G., Märker-Hermann, E., Hallek, M. et al. Klug entscheiden. Internist 57, 519–520 (2016). https://doi.org/10.1007/s00108-016-0077-z

Download citation

  • Published:

  • Issue Date:

  • DOI: https://doi.org/10.1007/s00108-016-0077-z