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HNO

, Volume 67, Issue 12, pp 896–897 | Cite as

Onkologische Therapiekonzepte bei Kopf-Hals-Tumoren

Wichtige Ergebnisse des weltgrößten Krebskongresses 2019
  • T. K. HoffmannEmail author
Einführung zum Thema
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Oncologic treatment concepts for head and neck cancer

Important results from the world’s largest cancer congress, 2019

Für onkologisch interessierte Ärzte und Forscher stellt die Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago ein echtes Highlight dar. Vom 31. Mai bis zum 04. Juni 2019 wurden den rund 45.000 Kongressteilnehmern unter dem Motto „Caring for Every Patient, Learning from Every Patient“ wichtige Erkenntnisse aus der klinischen Onkologie präsentiert.

Das übergeordnete Ziel der zukünftigen Forschungsbemühungen ist die Personalisierung der onkologischen Therapie

Die letzten Jahrzehnte der onkologischen Forschung haben gezeigt, wie heterogen eine Krebserkrankung ist. Nicht nur zwischen den verschiedenen Organtumoren oder deren histologischen Subtypen, sondern auch innerhalb jeder einzelnen Tumorentität gibt es große Unterschiede in Hinblick auf molekulare Eigenschaften, Ansprechen und Prognose. Das übergeordnete Ziel der zukünftigen Forschungsbemühungen ist die Personalisierung der onkologischen Therapie, was grundsätzlich auch in der Kopf-Hals-Onkologie, z. B. unter Einschluss bestimmter Marker (beispielsweise HPV, PD1), Berücksichtigung findet. Durch eine individualisierte Behandlung soll einerseits das Therapieansprechen und damit die Prognose der Patienten optimiert werden, anderseits die Rate und das Ausmaß unerwünschten Nebenwirkungen minimiert werden. In den nachfolgenden Übersichtsartikeln werden die wichtigsten Studienergebnisse zur Behandlung von Kopf-Hals-Malignomen zusammengefasst und dabei kritisch in den Kontext der Studienresultate der vergangenen Jahre eingeordnet.

Chemotherapie

Der bisherige systemtherapeutische Erstlinienstandard in der Palliation von Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs ist seit einer Dekade das sog. EXTREME-Schema – bestehend aus Cisplatin, 5‑Fluorouracil und Cetuximab, welches aber nicht für jeden Patienten geeignet und mit bestimmten Nebenwirkungen assoziiert ist. Dieser bisherige Therapiestandard wurde in der TPExtreme-Studie modifiziert. Auch wenn die Studie im eigentlichen Sinne negativ war (der EXTREME-Arm lief ungewöhnlich gut), war im Therapiearm etwas weniger Toxizität bei einem längeren Überleben feststellbar, was in Zukunft ggf. Onkologen dazu veranlassen könnte, EXTREME durch TPEx zu ersetzen [2].

Immuntherapie

Die Krebsimmuntherapie hat sich nicht zuletzt durch die Zulassung des Checkpointinhibitors Nivolumab als Standard in der Palliation (v. a. in der Zweitlinie bzw. nach Platinvorbehandlung) von Patienten mit rekurrenten bzw. metastasierten Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs etabliert. Die aktuellen Studienbemühungen zielen in Richtung des früheren Einsatzes der gegen Checkpoints gerichteten Antikörper beispielsweise in der Neoadjuvanz oder der palliativen Erstlinie (Chemotherapie-naiv). Gerade bei Letztgenannter werden die Checkpointinhibitoren zukünftig eine große Rolle spielen, was durch die Daten der KEYNOTE-048-Studie (Rischin et al. [5]) verdeutlicht wurde. Nach den vorliegenden Ergebnissen dürfte der bisherige Standard des EXTREME-Protokolls der Vergangenheit angehören, wobei für die Zulassung der prätherapeutische Einsatz von Biomarkern (z. B. CPS, „combined positivity score“) relevant sein wird, was nicht nur aus prädiktiven, sondern auch aus ressourcenschonenden Überlegungen sinnvoll erscheint. Eine weitere Herausforderung wird es zukünftig sein, prätherapeutisch Subgruppen zu definieren, welche von einer Immuntherapie, einer Chemotherapie oder deren Kombination profitieren.

Humanes Papillomavirus

Hinsichtlich des humanen Papillomavirus (HPV) war bereits mit der 8. Ausgabe der TNM-Klassifikation die hohe prognostische Relevanz einer HPV-Infektion für Patienten mit Plattenepithelkarzinomen des Oropharynx sichtbar geworden. Zwangsläufig wurden verschiedene Deeskalationsbemühungen initiiert, wobei in diesem Jahr keine Phase-III-Studie vorgestellt wurde. Auch wenn in Zukunft eine Deeskalation bei bestimmten Formen des HPV-induzierten Oropharynxkarzinoms wahrscheinlich ist, so ist eine generelle Deeskalation nach der aktuellen Datenlage noch immer nicht indiziert.

Strahlentherapeutische Studien

Auch wenn die ORATOR-Studie von Nichols et al. [4] nur eine Phase-II-Studie darstellt, so ergaben sich Hinweise für eine bessere Schluckfunktion nach primärer Radiochemotherapie im Vergleich zu primärer Chirurgie. Dies steht im Widerspruch beispielsweise zu den damals von Frau Tschiesner (2012) [6] vorgestellten Ergebnissen und muss in weiterführenden Studien verifiziert werden. Schließlich werden von Frau Ott noch interessante neoadjuvante Therapiebemühungen beim Nasopharynxkarzinom und der Einsatz von Gabapentin (Antikonvulsivum) zur Verbesserung der Schmerzsituation sowie Schluckfunktion unter Radiochemotherapie vorgestellt.

Chirurgische Studien

Von den wenigen vorgestellten HNO-spezifischen Studien befasste sich eine aus Tokio mit der Entnahme des Wächterlymphknotens im Vergleich mit einer klassischen Neck-Dissection bei T1/T2-N0-Mundhöhlenkarzinomen. Die bisher angenommene hohe okkulte Lymphknotenmetastasierung wurde mit 30 % bestätigt. Zudem wurde das Wächterlymphknotenkonzept im Vergleich zur Neck-Dissection hinsichtlich des Gesamtüberlebens als gleichwertig bei geringerer Morbidität hinsichtlich der Funktion des N. accessorius identifiziert (Hasegawa et al. ASCO #6007 [3]) und stellt damit eine Ergänzung zu dem von Anil D’Cruz 2015 [1] vorgestellten Konzept dar.

Schilddrüsen- und Speicheldrüsenmalignome

Wie bereits im letzten Jahr werden die Schilddrüsenmalignome abgehandelt, nicht zuletzt damit wir als chirurgisch tätige Kopf-Hals-Onkologen diese Tumorentität weiterhin kompetent und nach dem neuesten Stand des Wissens behandeln können.

Neu aufgenommen in die vorliegende Publikationsserie wurde das Kapitel Speicheldrüsenmalignome, eine Entität, welche in der Vergangenheit u. a. aufgrund der geringen Inzidenz eher stiefmütterlich behandelt wurde. Auch wenn keine echten Therapiedurchbrüche vermeldet werden können, müssen wir uns als onkologisch arbeitende HNO-Ärzte dringend dieser Tumorentität widmen – erste Schritte sind der geplante Aufbau eines nationalen Registers und die Initiierung multizentrischer Studien.

Speicheldrüsenmalignome wurden u. a. aufgrund der geringen Inzidenz eher stiefmütterlich behandelt

Insgesamt ist der Kongress ein wichtiger Impulsgeber für die Behandlung der uns anvertrauten Patienten, und wir hoffen, Ihnen mit den Artikeln einen Ausblick geben zu können, was sich aufgrund dieser Daten in der klinischen Praxis zukünftig ändern wird.

Eine interessante Lektüre wünscht Ihnen

Ihr

Thomas Hoffmann

Notes

Interessenkonflikt

T.K. Hoffmann: Beratertätigkeit und Vortragshonorare für Bristol Myers Squibb, Merck, MSD, Astra Zeneca.

Literatur

  1. 1.
    D’Cruz AK, Vaish R, Kapre N et al (2015) Elective versus therapeutic neck dissection in node-negative oral cancer. N Engl J Med 373:521–529CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Guigay J, Fayette J, Mesia R et al (2019) TPExtreme randomized trial: TPEx versus extreme regimen in 1st line recurrent/metastatic head and neck squamous cell carcinoma (R/M HNSCC). J Clin Oncol 37:6002CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Hasegawa Y, Tsukahara K, Yoshimoto S et al (2019) Neck dissections based on sentinel lymph node navigation versus elective neck dissections in early oral cancers: a randomized, multicenter, non-inferiority trial. J Clin Oncol 37:6007CrossRefGoogle Scholar
  4. 4.
    Nichols AC, Theurer J, Prisman E et al (2019) A phase II randomized trial for early-stage squamous cell carcinoma of the oropharynx: radiotherapy versus trans-oral robotic surgery (ORATOR). J Clin Oncol 37:6006CrossRefGoogle Scholar
  5. 5.
    Rischin D, Harrington KJ, Greil R et al (2019) Protocol-specified final analysis of the phase 3 KEYNOTE-048 trial of pembrolizumab (pembro) as first-line therapy for recurrent/metastatic head and neck squamous cell carcinoma (R/M HNSCC). J Clin Oncol 37:6000CrossRefGoogle Scholar
  6. 6.
    Tschiesner U, Schuster L, Strieth S et al (2012) Functional outcome in patients with advanced head and neck cancer: surgery and reconstruction with free flaps versus primary radiochemotherapy. Eur Arch Otorhinolaryngol 269:629–638CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Hals‑, Nasen‑, Ohrenheilkunde, Kopf- und HalschirurgieUniversitätsklinik UlmUlmDeutschland

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