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Pandemien: Was haben wir aus der H1N1-Influenza gelernt?

Pandemics: Lessons learned from the pandemic influenza (H1N1) 2009

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Influenza-Pandemie von 1918, hierzulande auch als „Spanische Grippe“ bezeichnet, forderte weltweit einen horrenden Tribut in einer Größenordnung von 25 bis 50 Millionen Todesopfern. Die erste Welle im Frühjahr 1918 verlief noch relativ mild, aber die zweite Welle im Herbst 1918 und die dritte Welle im Frühjahr 1919 waren mit einer außerordentlich hohen Erkrankungsrate und Letalität verbunden. Seitdem gehört die Feststellung einer Pandemie zu den am meisten alarmierenden Ereignissen im öffentlichen Gesundheitswesen.

Entsprechend ernst wurde daher die Nachricht über eine Häufung an tödlichen respiratorischen Erkrankungen in Mexiko aufgenommen, die von einem neuen Influenzavirus A/H1N1 hervorgerufen wurden. Es folgten die Feststellung der höchsten Warnstufe 6 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und umfangreiche Vorkehrungen durch die Gesundheitsbehörden zunächst mit dem Ziel, die Ausbreitung von im Ausland erworbenen Infektionen zu begrenzen. Gleichzeitig wurde intensiv an der Umsetzung von Pandemieplänen und deren Anpassung an die jeweils vorliegende Lage gearbeitet. Später rückten die Zulassung von pandemischen Impfstoffen und deren Beschaffung und Verteilung in das Zentrum des öffentlichen Interesses. Während anfangs die Besorgnis einer bevorstehenden schweren Krankheitswelle überwog, zeigte sich im weiteren Verlauf immer mehr, dass die klinischen Verläufe wesentlich weniger gravierend waren als befürchtet. Dies führte dazu, dass zunehmend Kritik laut wurde, die Reaktionen der WHO und die Maßnahmen der Behörden seien überzogen, die Zulassung und Beschaffung der Impfstoffe überstürzt gewesen.

Der unerwartet milde Verlauf der Pandemie ist natürlich grundsätzlich erfreulich. Auch wenn anfangs befürchtete ernste Folgen ausblieben, kann die Pandemie in der Rückschau als eine Art Probe aufs Exempel betrachtet werden. Nachdem die teilweise erregten Diskussionen abgeebbt sind und die Medien sich wieder anderen Themen zugewandt haben, besteht die Möglichkeit für eine sachliche Bestandsaufnahme mit dem Ziel, aus dem Umgang mit der A/H1N1-Pandemie 2009 die wesentlichen Lehren zu ziehen, um auf zukünftige Pandemiefälle bestmöglich vorbereitet zu sein. Zu dieser Aufarbeitung soll das vorliegende Themenheft beitragen.

Zunächst wird von Buda, Köpke und Haas aus den beim Robert Koch-Institut (RKI) eingegangenen Fallmeldungen ein epidemiologischer Steckbrief des neuen Influenzavirus A/H1N1 erstellt, der eine solide Grundlage für eine sachgerechte Einschätzung der Bedeutung dieses Erregers bietet. Die virologischen Charakteristika und molekulargenetischen Besonderheiten, die die Entstehung eines neuen Influenzavirus mit Pandemiepotenzial ermöglichten, werden von Stech, Beer, Vahlenkamp und Harder dargestellt. Um eine Chance zu haben, eine sich abzeichnende Pandemie durch Impfungen einzudämmen, müssen möglichst frühzeitig sehr weitreichende Entscheidungen getroffen werden; Löwer skizziert in seinem Beitrag die Überlegungen im Vorfeld zum Design pandemischer Impfstoffe einschließlich der Verwendung von Wirkungsverstärkern, den sogenannten Adjuvanzien. Da solche Impfstoffe (als Voraussetzung für ihren sinnvollen Einsatz) innerhalb einer äußerst kurzen Zeitspanne verfügbar sein müssen, ist hierfür ein spezielles Zulassungsverfahren bei der European Medicines Agency (EMA) entwickelt worden, dessen Besonderheiten Pfleiderer beschreibt. Die Tatsache, dass dieses Verfahren bewusst sehr zügig durchgeführt wurde, hat viele Kritiker dazu veranlasst, von einer unzureichenden Prüfung der Impfstoffe zu reden und vor der Gefahr unabsehbarer Nebenwirkungen zu warnen, was letztlich die Akzeptanz der Impfung in der Bevölkerung stark beeinträchtigte.

Eine der wesentlichen Aufgaben der Gesundheitsbehörden ist die Bekämpfung der Ausbreitung von gefährlichen Krankheitserregern, was entsprechende Vorkehrungen und Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen erfordert. Als Behörde mit der unmittelbarsten Bürgernähe sind die örtlichen Gesundheitsämter gefordert; das Management in der Pandemie wird von Bellinger, Götsch, Böddinghaus, Kraus-Leonhäuser und Gottschalk beschrieben. Bei einem überregionalen Ausbruch einer für die öffentliche Gesundheit relevanten Infektion, also besonders beim Auftreten einer Pandemie, kommt den Gesundheitsbehörden der Länder eine herausragende Rolle zu, die in dem Beitrag von Marcic, Dreesman, Liebl, Schlaich, Suckau, Sydow und Wirtz beschrieben wird. Bei einer Pandemie ist die Prävention naturgemäß eine staatenübergreifende Aufgabe, die unter anderem vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) wahrgenommen wird, wie von Nicoll dargelegt. In Deutschland laufen die Meldungen über das Pandemiegeschehen beim RKI zusammen, das eine zentrale Steuerungsfunktion ausübt. Eine Bestandsaufnahme aus Sicht der Gesundheitspolitik über die Bewährung von Pandemieplänen in der Praxis und die Lehren für die Zukunft geben Schaade, Reuß, Hass und Krause.

Am Verlauf der Pandemie nahm die Öffentlichkeit sehr starken Anteil; die vielfach auftretende Verunsicherung der Bürger drückte sich durch vielfältige telefonische, schriftliche und elektronische Anfragen aus. Als ein wesentliches Problem, das von Feufel, Antes und Gigerenzer thematisiert wird, stellte sich die sachgerechte Kommunikation von tatsächlichen und befürchteten Risiken heraus.

Das Auftreten des neuen Influenzavirus A/H1N1 und der Verlauf der Pandemie haben sehr deutlich gemacht, dass alle unsere Prognosen und Vorkehrungen mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet sind. So kann auch niemand voraussagen, wann die nächste Pandemie mit einem neuen, möglicherweise aggressiveren Influenzavirus oder einem anderen, jetzt noch unbekannten Erreger auftreten wird. Auf jeden Fall sind wir sicher gut beraten, wenn wir die Zeit nutzen, um die jetzt gemachten Erfahrungen auszuwerten, damit wir auf den nächsten Ernstfall so gut wie möglich vorbereitet sind.

Ihre

Rainer Seitz und Gérard Krause

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Seitz, R., Krause, G. Pandemien: Was haben wir aus der H1N1-Influenza gelernt?. Bundesgesundheitsbl. 53, 1221–1222 (2010). https://doi.org/10.1007/s00103-010-1169-x

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