Nach einer Untersuchung der wissenschaftlichen Tätigkeit von Dr. Scott S. Reuben von der Universitätsklinik für Anästhesie am Baystate Medical College in Springfield, Massachusetts, in den USA sind von der Zeitschrift Anesthesia & Analgesia 21 Artikel und Abstracts aus den letzten 15 Jahren zurückgezogen worden, weil eine erhebliche Manipulation der Daten festgestellt worden war [10]. Es ist damit zu rechnen, dass auch andere Fachzeitschriften ähnliche Schritte unternehmen werden; in Der Anaesthesist hat Dr. Reuben keinen Artikel veröffentlicht. Zwischen 1991 und 2009 erscheinen 72 Veröffentlichungen von Dr. Reuben in Medline. Erstaunlicherweise ist er bei 56 Artikeln der Erstautor; insgesamt sind seine Beiträge 1197-mal zitiert worden. Dr. Reuben und seine Koautoren haben bei der Untersuchung des Baystate Medical College voll kooperiert. Hierbei wurde festgestellt, dass die Datenmanipulation nur von Dr. Reuben vorgenommen wurde.

Dr. Reuben hat sich mit nichtsteroidalen Antiphlogistika („non-steroidal anti-inflammatory drugs“, NSAID) und Zyklooxygenase- (COX-)2-Hemmern beschäftigt. Eine Arbeitsgruppe der betroffenen Fachzeitschrift Anesthesia & Analgesia hat nach der Analyse der zurückgezogenen Veröffentlichungen von Dr. Reuben festgestellt, dass

  • nun keine eindeutigen Beweise für einen präemptiven Effekt von NSAID und COX-2-Hemmern mehr existieren,

  • ein klinischer Effekt von NSAID und COX-2-Hemmern auf eine Knochenheilung unklar ist und

  • multimodale präemptive Analgetikastrategien zur Verhinderung von chronischen Schmerzen nach großen orthopädischen Eingriffen nicht bewiesen sind [13].

Interessanterweise haben die meisten der jetzt zurückgezogenen Studien von Dr. Reuben neue Analgetika oder neue Applikationswege untersucht; diese wurden jeweils als günstig beschrieben.

Wie kann es passieren, dass Koautoren, Gutachter und Herausgeber diese Manipulationen nicht bemerkt haben? Es ist vermeintlich einfach zu erklären: Wissenschaft basiert auf Vertrauen. Wenn Daten von einem geschickten Fälscher plausibel manipuliert werden, ist eine Entdeckung sehr unwahrscheinlich. Dies zeigt uns, dass wir vielleicht misstrauischer sein müssten. Im Rahmen der Qualitätskontrolle der Manuskriptgutachten bei Annals of Emergency Medicine wurde festgestellt, dass zwei Drittel der Gutachter schwere Mängel [z. B. Randomisierung durch Münzwurf um Mitternacht oder visuelle Analogskala (VAS) sechs- statt zehnstufig; [2]] in einem Testartikel nicht gefunden hatten. Auch 10 Jahre später fanden weniger als 40% der Gutachter vom British Medical Journal in einen Testartikel eingebaute Fehler (z. B. Randomisierung nach Familiennamen; [9]). Als einen Ansatz zur Lösung bei der Aufarbeitung einer Datenmanipulation in der Innsbrucker Universitätsklinik für Urologie [11] nannten die Herausgeber von The Lancet: „… wissenschaftliche Anerkennung setzt Verantwortung der Koautoren voraus“ [8]. Wenn das unmittelbare Umfeld eines manipulierenden Wissenschaftlers keine Auffälligkeiten bemerkt oder solche nicht beanstandet, wird die Wahrscheinlichkeit der anschließenden Entdeckung durch Gutachter, Herausgeber und Leser einer Fachzeitschrift immer geringer. Wird unprofessionelles Verhalten geduldet, sind mehr unprofessionelle Vorgänge wahrscheinlich [7]. Umso schwerer sind dann der Schaden und der Vertrauensverlust auch für unbeteiligte Wissenschaftler, Universitäten, Fachzeitschriften, Patienten und Stipendiengeber, wenn Missstände nicht verhindert, sondern sogar in Fachzeitschriften [1] und in der Laienpresse diskutiert werden [3, 4, 6]. Wir alle müssen daher in unserem beruflichen Umfeld, z. B. bei der Qualitätskontrolle von Studien oder der Entscheidung über Autorenschaften, nicht nur Professionalität und Integrität vorleben [12], sondern diese auch unmissverständlich und von allen an unserer Arbeit Beteiligten einfordern, um fundamentale Probleme zu verhindern [5].