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Uro-News

, Volume 22, Issue 4, pp 3–3 | Cite as

Nicht Prozesse — Ergebnisse definieren Qualität!

  • Springer Medizin
Editorial
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„Ein stattliches Kontingent von Kennzahlen täuscht Versorgungsqualität vor; anwachsend beim Mammakarzinom und Darmkrebs, stagnierend beim Prostatakarzinom.“

Prof. Dr. med. Lothar Weißbach

Gesundheitsforschung für Männer GmbH, Berlin

Die Qualitätsoffensive der Politik im Gesundheitswesen wird von allen Seiten gepriesen. Geschäftsführer, leitende Ärzte und Qualitätsmanager überschlagen sich im Bemühen, bessere Qualität zu produzieren. Deutsche Wertarbeit, weltweit anerkannt als „made in Germany“, erkennbar an Zuverlässigkeit, Funktionalität, Wertbeständigkeit und transparenten Prozessen, beispielhaft verwirklicht in der deutschen Autoindustrie, soll auch zum Qualitätsmerkmal künftiger Medizin werden. „Zertifizierung“ heißt das Zauberwort, das ein qualitätsgeprüftes Produkt entstehen lässt, das den Kunden zufriedenstellt und dem Shareholder Gewinn verspricht.

Damit nicht genug: Obendrein ist es politischer Wille, die Zahl der Kliniken zu reduzieren, denn zweifellos werden zu viele Patienten hospitalisiert, die ebenso gut ambulant behandelt werden könnten. Andererseits liefert manche Klinik inakzeptable Qualität. Sie zu schließen scheitert aber zumeist am Willen der zuständigen Politiker — man möchte schließlich keine Wähler verlieren. Wie aber ist Qualität in der Medizin definiert? Ist sie messbar? Mit welchen Indikatoren? IQWiG und IQTiG scheinen berufen, Qualität zu prüfen. Stattdessen werden Standards der industriellen Fertigung kritiklos übernommen. Wollen wir diese wirklich zum Maßstab der Patientenversorgung machen? Sind die sich aufdrängenden Vergleiche von messbarer Stückgutproduktion, Fließbandprozessen und optimierten Fertigungstechniken kompatibel mit ärztlicher Kunst und Patientenzufriedenheit? Kann Gesundheit als Ware mit Gütesiegel verkauft werden? Jede noch so absurde Idee hat ihre Profiteure.

In der Onkologie sammelt OnkoZert nicht nur Lob und Preise ein, sondern auch klingende Münze. Bilanzgewinn 2016: 2,3 Milliarden Euro, aufgebracht von zertifizierten Kliniken, die 10.000 bis 50.000 Euro berappen müssen — Geld, das für die klinische Versorgung fehlt! Als „erfolgreichsten und ungewöhnlichsten Unternehmer hierzulande“ feierte die Augsburger Allgemeine (25.6.17) den Geschäftsführer des Unternehmens, das ein digitales Überwachungsnetz über nahezu alle für eine Krebserkrankung anfälligen Organe geworfen hat. Ein stattliches Kontingent von Kennzahlen täuscht Versorgungsqualität vor; anwachsend beim Mammakarzinom und Darmkrebs, stagnierend beim Prostatakarzinom. Außer Struktur- und Prozessqualität wird kaum die Ergebnisqualität beleuchtet — doch allein auf die kommt es an! Ebenso zahl- wie zahnlose OnkoZert-Adjudanten bescheinigen mit „Ablassbriefen“ zertifizierte Strukturen und Prozesse und lassen die Sünden schlechter Qualität vergessen. Ohnehin sind Fehlermeldungen unerwünscht — sie könnten ja den Kreis der Zahlungspflichtigen verringern. Folge: Nicht ein einziges Zertifikat wurde bisher verweigert! Entscheidend ist, dass der Patient von alledem nichts hat. Von den wenigen Qualitätszahlen, zum Beispiel Schnittrand und Blutverlust, bekommt er nichts mit. Die für ihn so eminent wichtige Blasen- und Sexualfunktion wird nicht erfragt.

In dieser Ausgabe versuchen ein Betriebswirt, ein Epidemiologe und ein Arzt zum Kern der Dinge vorzudringen. Der ausgerufene Wettbewerb, in dem Klinik A gegen Klinik B und Klinik C antritt, der unsinnig ist und der fundiert kritisiert wird, kennt nur Verlierer, denn alle bezahlen für ein Gütesiegel ohne Wert. Was ist die Alternative? Die Besinnung auf die eigene Kompetenz ohne Einhaltung und Deklaration von (Olympia-)Normen. Ergebnisqualität lässt sich intern skalieren, indem vor allem Funktionsparameter durch den Patienten erhoben und von ihm zurückgemeldet werden. Ein solcher interner Qualitätsspiegel führt jedem Operateur seine Ergebnisse vor Augen. Im kollegialen Gespräch werden diese, eventuell mit externer Expertenbegleitung bewertet und verbessert. Einen solchen Weg geht die Martini-Klinik und er soll nun auch von der Charité beschritten werden.

Es geht auch einfacher, besser, intelligenter und ... preiswerter!

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