Uro-News

, Volume 21, Issue 5, pp 54–54 | Cite as

Urologische Nobelpreise (Teil 2)

Mitten ins Herz — Salto Mortale

  • Elmar W. Gerharz
Prisma URO-Kult
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Zu einem „Todessprung“ hätte es werden können, als sich der Berliner Werner Otto Theodor Forßmann im Frühsommer 1929 im Selbstversuch zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin eine Sonde in die rechte Herzkammer vorschob. „Mit einem derart lächerlichen Kunststück habilitiert man sich vielleicht in einem Zirkus, aber nicht an einer ordentlichen deutschen Klinik“, kommentierte sein späterer Chef an der Charité, Chirurgenlegende Ferdinand Sauerbruch, das im November 1929 in der Klinischen Wochenschrift publizierte Experiment mit vernichtender Abfälligkeit. „Man schiebt sich keine Fahrradspeiche ins Herz“, mit diesem oder ähnlichen Sprüchen wurde der damals 25-Jährige auch von seinen Kollegen verspottet. Selbst in einem Artikel zu Forßmanns 100. Geburtstag klingt noch etwas Missgunst durch, wenn der unerschrockene Selbstversuch quasi als Selbstvermarktungs-Coup diskreditiert wird: Sein „Ziel bestand darin, die Ungefährlichkeit der Herzkatheterisierung beim Menschen durch ein spektakuläres Experiment zu beweisen, um sich dadurch für eine akademische Karriere ins Gespräch zu bringen“.

Werner Forßmann und seine Ehefrau Elisabeth , die selbst als Urologin tätig war.

© Heinz-Jürgen Göttert/dpa/p

Zwar hatten französische Ärzte bereits tierexperimentelle Erfahrungen mit Herzkathetern gesammelt, doch am Menschen hatte das noch niemand ausprobiert. Forßmann verstieß gegen das kategorische Verbot seines Chefs, als er eine Krankenschwester bat, den Schrank mit den Kathetern für ihn zu öffnen; sie hatte sich erboten, als Versuchskaninchen zu dienen. Als sie schon auf dem Operationstisch lag, begann er mit dem Experiment. „Und hinter ihrem Kopf, wo sie das nicht sehen konnte, stand das Zeug und da hab ich mir das schnell eingespritzt und zack! hatte ich die Venaesectio gemacht und hatte das Ding drin“, beschrieb Forßmann später die skurrile Szene. Mehr als sechzig Zentimeter führte er den Katheter bis zum Herzen vor. Mit der Sonde in situ stieg er, begleitet von der überrumpelten Schwester, in den Keller zum Röntgengerät hinab. Zwar wurde er bei dem lebensgefährlichen Manöver von einem Kollegen ertappt, doch da war die Aufnahme schon gemacht.

Nachdem Forßmann die Charité verlassen hatte, arbeitete er im Städtischen Krankenhaus in Mainz, wo er seine spätere Ehefrau Elisabeth kennenlernte. Da Paaren nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten die Arbeit an demselben Krankenhaus verboten war, suchte Forßmann nach einer neuen Anstellung in Berlin. Dort baute gerade Karl Heusch die erste deutsche urologische Fachabteilung auf und bot ihm eine Anstellung als Oberarzt der Urologischen Abteilung am Rudolf-Virchow-Krankenhaus an. Über Heusch kam Forßmann in Kontakt mit dessen Lehrer Otto Ringleb, der die Urologie gegen den Widerstand von Sauerbruch an der Charité wesentlich vorantrieb. Auf dem ersten Fachkongress der Deutschen Urologischen Gesellschaft hielt Forßmann 1936 einen Vortrag zur Anwendung der Elektroresektion bei der Behandlung der Prostatahyperplasie. Nach einem dreijährigen Berufsverbot wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP praktizierte Forßmann als Landarzt in einem kleinen Schwarzwalddorf. 1950 nahm er dann seine Tätigkeit als Facharzt für Urologie an den Diakonie-Anstalten in Bad Kreuznach auf. Die Praxis mit 18 Belegbetten betrieb er gemeinsam mit seiner Frau, die 1952 ihre Anerkennung als Fachärztin erhielt.

Erst spät erkannte die Fachwelt das Potenzial des Herzkatheterismus. In Deutschland geriet Forßmanns Selbstversuch lange in Vergessenheit. Ganz anders in den USA. Dort entwickelten André Cournand und Dickinson Richards in den vierziger Jahren die Intervention zu einem klinischen Standardverfahren weiter. Als diese 1956 gemeinsam mit Forßmann den Nobelpreis für Medizin erhielten, wurden sie nicht müde zu erklären, dass der Deutsche der wahre Pionier auf diesem Gebiet gewesen sei. Und das alles verdankt die Medizin einem Lehrer, der Forßmann einst geraten hatte: „Da will ich Ihnen eins sagen: Wenn Sie Kaufmann werden, verdienen alle Leute Geld, bloß Sie nicht! Zum Kaufmann werden sind Sie viel zu dämlich, Sie müssen studieren, studieren Sie Medizin!“.

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© Springer Medizin 2017

Authors and Affiliations

  • Elmar W. Gerharz
    • 1
  1. 1.

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