Impfbereitschaft unter intensivmedizinischem Personal: Ängsten entgegenwirken

Willingness to vaccinate among intensive care personnel: counteracting fears

Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) haben zwischen dem 03.12 und dem 12.12.20 eine anonyme Onlineumfrage unter dem medizinischen Personal, schwerpunktmäßig Intensivpersonal, zur Impfbereitschaft gegen „Severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2“ (SARS-CoV‑2) durchgeführt. Insgesamt nahmen 2305 Personen an der Umfrage teil (48 % Frauen), davon 35 % Pflegende und 56 % Ärzte neben weiteren assoziierten Berufen. Eine Berufserfahrung von mehr als 10 Jahren haben 70 % der Befragten. Diese Untersuchung stellt ein aktuelles Meinungsbild in den Krankenhäusern dar und erhebt nicht den Anspruch einer systematischen Untersuchung, zeigt jedoch ein Stimmungsbild zur Impfbereitschaft in der Krankenhausmedizin differenziert auf.

Unter dem sehr erfahrenen ärztlichen und pflegerischen Personal besteht einheitlich die Meinung, dass die Impfung wichtig zur Eindämmung der Pandemie ist (Abb. 1). Insgesamt würden sich 64 % der Befragungsteilnehmer impfen lassen, unter dem ärztlichen Personals etwa 73 %. Im Gegensatz dazu erscheint die Impfbereitschaft mit nur 50 % bei den Pflegenden und unter allen befragten Frauen für die stationäre Versorgung unzureichend. Unsicherheiten bei der Impfbereitschaft finden sich bei mehr als 25 % der Pflegenden und gleichfalls bei allen teilnehmenden Frauen (Abb. 2a, b). Die Wirksamkeit der Impfung wird vorwiegend als effektiv eingestuft (Abb. 3a). Allerdings werden offenbar erhebliche Ängste vor Nebenwirkungen und Langzeitfolgen insbesondere von den befragten Pflegenden (Abb. 3b, c) angeführt. Auch hier sind die Bedenken unter allen Frauen gleich welcher Berufsgruppe erheblich höher ausgeprägt als unter Männern. Dies erscheint besonders bemerkenswert, da gerade Mitarbeiter auf der Intensivstation die Schwere der Erkrankung erleben und selbst einem deutlich erhöhten Risiko ausgesetzt sind.

Abb. 1
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Halten Sie die anstehenden Impfungen gegen SARS-CoV‑2 für wichtig zur Eindämmung der Pandemie?

Abb. 2
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Würden Sie sich impfen lassen?

Abb. 3
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a Haben Sie Bedenken bezüglich der Wirksamkeit? b Haben Sie Bedenken vor möglichen Nebenwirkungen? c Haben Sie Bedenken vor möglichen Langzeitschäden?

Welche Schlüsse können aus dieser Umfrage gezogen werden?

Die Impfung gegenüber SARS-CoV‑2 wird im medizinischen Personal als sehr wichtig erachtet. Effektive und sichere Impfungen stellen einen wichtigen Baustein zum Schutz der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, vor nosokomialen Infektionen und zur Eindämmung der Pandemie dar. Trotz dieser Erkenntnis, dass es ohne eine Impfung nicht zu einem Verdrängen der Pandemie kommt, bestehen offenbar insbesondere unter Pflegenden erhebliche Bedenken bezüglich der Nebenwirkungen und Langzeitfolgen einer Impfung. Als Ergebnis würden sich nur 50 % der Pflegenden vorbehaltlos impfen lassen. Da insbesondere im Bereich der Intensiv- und Notfallmedizin ein erhebliches Risikopotenzial, sich selbst zu infizieren, besteht, drückt diese Zahl Sorge vor einem neuen Impfstoff aus, bei dem es noch keine Langzeiterfahrung gibt. Aus Sicht der World Health Organization (WHO) erscheint eine Impfquote von 60–70 % zur Erreichung einer Herdimmunität notwendig. Um weitere Ausbrüche im Personal zu verhindern und insbesondere eine Transmission des Virus auf vulnerable Patientengruppen zu verhindern, sollte diese nach Ansicht der Autorengruppe im medizinischen Bereich noch höher liegen.

Wie können die Ergebnisse verbessert werden?

Ein ganz wesentlicher Grund ist die mit dem neuen Impfstoff verbundene Unsicherheit. Dabei spielen der neue Wirkmechanismus des mRNA Impfstoffes und die fehlenden Langzeiterfahrungen sicherlich eine erhebliche Rolle. Daher ist eine sehr intensive Aufklärung über die Wirkmechanismen, Erfolge aber auch Nebenwirkungen in den bisherigen Studien sehr wichtig. Zweitens müssen Impfangebote niederschwellig und jederzeit verfügbar sein und zuletzt sollte auch eine breitflächige Aufklärung seitens der Gesundheitsämter und Betriebsmediziner bis hin zu Einzelgesprächen erfolgen. Drittens sollte immer eine reflektierte Unsicherheitskommunikation erfolgen, so lange Langzeitwirkungen nicht bekannt sind [1, 2]. Der Fokus der Kommunikation sollte darauf gerichtet sein, was dafür getan wird, die Unsicherheiten zu reduzieren. Zusammenfassend scheint die Impfbereitschaft gegen SARS-CoV‑2 innerhalb des medizinischen Personals deutlich höher als z. B. bei der Influenza zu liegen. Den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen müssen angesichts der hohen Effektivität der Impfungen bei gleichzeitig geringen und vertretbaren Nebenwirkungen die Vorbehalte genommen werden.

Literatur

  1. 1.

    Varwig C (2019) Kommunizieren oder verschweigen – Wie geht man mit wissenschaftlicher Unsicherheit um? Springer, Berlin, Heidelberg

    Google Scholar 

  2. 2.

    Wegwarth O, Wagner GG, Spies C, Hertwig R (2020) Assessment of German Public Attitudes Toward Health Communications With Varying Degrees of Scientific Uncertainty Regarding COVID-19. Jama Netw Open 3:e2032335

    Article  Google Scholar 

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Correspondence to Prof. Dr. Uwe Janssens.

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C. Karagiannidis erhielt Reisestipendien und Vortragshonorare von den Firmen Maquet und Rastatt, Deutschland. Er erhielt Reisestipendien und Honorare für Beiratssitzungen von den Firmen Xenios (Deutschland) und Bayer (Deutschland). Er ist Sprecher des Deutschen Registers für Intensivstationen und erhielt Zuwendungen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. C. Spies erhielt Zuwendungen von Aridis Pharmaceutical Inc., B. Braun Melsungen AG, der Drägerwerk AG & Co. KGaA, Zuschüsse von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Zuwendungen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), der Einstein Stiftung Berlin, der European Society of Anaesthesiology, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der Inneruniversitären Forschungsförderung, Zuschüsse vom Projektträger im DLR, Zuwendungen vom Stifterverband, Zuschüsse von den WHOCC, Zuwendungen von der Baxter Deutschland GmbH, der Cytosorbents Europe GmbH, der Edwards Lifesciences Germany GmbH, Fresenius Medical Care, der Grünenthal GmbH, der Masimo Europe Ltd., der Pfizer Pharma PFE GmbH, persönliche Honorare vom Georg Thieme Verlag, Zuwendungen von der Dr. F. Köhler Chemie GmbH, der Sintetica GmbH, der Europäischen Kommission, dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e. V./Philips, der Stiftung Charité, der Aguettant Deutschland GmbH, der AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG, der Amomed Pharma GmbH, InTouch Health, der Copra System GmbH, der Correvio GmbH, der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie & Intensivmedizin (DGAI), Zuschüsse vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e. V./Metronic, Zuwendungen von Philips Electronics Nederland BV, dem BMG, dem BMBF außerhalb der eingereichten Arbeit. Darüber hinaus hat sie das Patent 10 2014 215 211.9, das Patent 10 2014 215 212.9, das Patent 10 2018 114 364.8 und das Patent 10 2018 110 275.5 lizenziert. S. Kluge erhielt Forschungsunterstützung von den Firmen Ambu, Daiichi Sankyo, ETView Ltd, Fisher & Paykel, Pfizer und Xenios. Außerdem erhielt er Vortragshonorare von den Firmen Astra, C. R. Bard, Baxter, Biotest, CSL Behring, Cytosorbents, Fresenius, Gilead, MSD, Pfizer, Philips und Zoll. Er erhielt Beraterhonorare von den Firmen Bayer, Fresenius, Gilead, MSD und Pfizer. G. Marx ist der derzeitige Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Er erhielt Förderungen durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Europäische Kommission, den Innovationsfonds und den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Außerhalb dieser Arbeit erhielt er Zuwendungen von den Firmen B. Braun Melsungen AG, Adrenomed und InflaRx sowie Honorare für Beiratstätigkeiten/Vorträge von den Firmen B. Braun Melsungen AG, Adrenomed, Biotest, Philips, Kairos und 4TEEN4. Er ist Mitbegründer der Clinomic GMBH. U. Janssens ist der vorherige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Intensivmedizin (DIVI).

Ein Ethikvotum war nicht notwendig. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.

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M. Buerke, Siegen

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Karagiannidis, C., Spies, C., Kluge, S. et al. Impfbereitschaft unter intensivmedizinischem Personal: Ängsten entgegenwirken. Med Klin Intensivmed Notfmed (2021). https://doi.org/10.1007/s00063-021-00797-1

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Schlüsselwörter

  • SARS-CoV-2
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