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Hypertensive Krise: was tun im Notfall?

Kasuistik

Der Berufskraftfahrer J. U. litt seit einigen Stunden unter deutlich zunehmenden Kopfschmerzen. Außerdem hatte er einen ausgeprägt roten Kopf, worauf ihn der Lagerist eines Kunden hinwies. Eine Schmerztablette hatte nur kurzfristig Erleichterung gebracht. Nach einem langen Arbeitstag stellte Herr U. den LKW auf dem Parkplatz der Spedition ab und stieg in alter Gewohnheit die Treppe hinauf zur Disposition im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes. Dort angekommen, konnte er kaum noch durchatmen und spürte ein deutliches Stechen im Brustkorb. Eine Mitarbeiterin der Spedition, der zudem die undeutliche Sprache von Herrn U. auffiel, rief sofort den Notarzt, der massiv erhöhte Blutdruckwerte an beiden Armen um 240/140 mmHg feststellte. Er versorgte Herrn U. mit Nifedipin (2 × 10 mg s.l. innerhalb von 5 min) zur Blutdrucksenkung. Unter der Diagnose „hypertensive Krise“ wurde Herr U. mit dem NAW auf die Intensivstation des nächstgelegenen Krankenhauses transportiert.

Dort zeigten sich bei der Aufnahmeuntersuchung des 175 cm großen und 112 kg schweren Patienten im EKG lediglich eine Sinustachykardie und Zeichen einer Herzhypertrophie, der Blutdruck lag weiterhin > 230/130 mmHg. Der Dienst habende Arzt versorgte Herrn U. mit einem intravenösen Zugang und begann eine Therapie mit Urapidil, worunter sich die Kopf- und Brustschmerzen bereits nach wenigen Minuten besserten. Nach 1/4 h waren die Blutdruckwerte auf 210/125 mmHg und nach weiteren 20 Minuten auf 190/110 mmHg gesunken und die klinischen Symptome (Kopf- und Brustschmerzen, Sprachstörung) vollständig verschwunden. In der ergänzenden Diagnostik (Röntgen-Thorax, Abdomensonographie, Labor) ergaben sich keine Hinweise auf eine sekundäre Hypertonie. Die Doppler-Echokardiographie bestätigte die Hypertrophie des linken Ventrikels mit deutlicher Relaxationsstörung. Als kardiovaskuläre Risikofaktoren fanden sich zudem ein latenter Diabetes mellitus sowie stark erhöhte Cholesterin- und Triglyzeridwerte.

Die aktuelle Krankengeschichte von Herrn U. zeigt ein typisches Beispiel eines hypertensiven Notfalls in Form einer exzessiven Blutdruckerhöhung, verbunden mit Zeichen einer Endorganschädigung. Der sofortige Transport auf die Intensivstation war somit durchaus gerechtfertigt. Kritisch muss der Einsatz eines Calciumantagonisten gesehen werden. Diese Substanzklasse sollte bei einer koronaren Herzkrankheit (KHK) wegen der Induktion einer Reflextachykardie und der damit verbundenen schlechteren Herzdurchblutung vermieden werden. Die relativ hohe Dosierung von 20 mg innerhalb von 10 min birgt zudem die Gefahr eines zu schnellen und nicht steuerbaren Blutdruckabfalls. Bei starken Kopfschmerzen, Dysarthrie und dem Verdacht auf eine intrakranielle Blutung sollte auf den Einsatz von Clonidin verzichtet werden, da nach Gabe von Clonidin initial auch beträchtliche Blutdruckanstiege beobachtet werden und die Substanz sedierend wirkt, was die neurologische Symptomatik verschleiern kann. Somit wäre in der konkreten Situation Urapidil ein probates Mittel gewesen.

In der Langzeitbehandlung von Herrn U. wird sicherlich neben der antihypertensiven Therapie die Behandlung weiterer kardiovaskulärer Risikofaktoren im Vordergrund stehen. Der Patient selbst könnte durch eine konsequente Gewichtsreduktion seinen Beitrag leisten. Unter Umständen müsste auch ein Wechsel an einen anderen, ruhigeren Arbeitsplatz ohne den Stress eines Berufskraftfahrers erfolgen.

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Suwelack, B., Welling, U. & Hohage, H. Hypertensive Krise: was tun im Notfall?. Med Klin 99, 528–535 (2004). https://doi.org/10.1007/s00063-004-1079-5

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