Hintergrund: Myelodysplastische Syndrome (MDS) sind erworbene klonale Knochenmarkerkrankungen, die durch ineffektive Hämatopoese, quantitative und qualitative Veränderungen peripherer Blutzellen sowie erhöhtes Risiko des Übergangs in akute myeloische Leukämien (AML) gekennzeichnet sind. Typisches Merkmal der Krankheitsgruppe ist ihre prognostische Heterogenität, die therapeutische Entscheidungen erschwert. Die Therapieplanung wird weiter durch das meist fortgeschrittene Patientenalter und damit verbundene Probleme der Komorbidität kompliziert. Mit Ausnahme der allogenen Blutstammzelltransplantation konnte bislang für keine Therapieform eine Überlegenheit gegenüber alleinigen supportiven Maßnahmen gesichert werden. Ziel dieses Übersichtsartikels ist es, die Grundlagen der Diagnostik sowie heutigen Behandlungsmöglichkeiten der MDS darzustellen.
Diagnose und Risikostratifikation: Die Verdachtsdiagnose eines MDS gründet sich meist auf Blutbildveränderungen und andere routinemäßige bestimmte Laborbefunde. Morphologische Knochenmarkuntersuchung mit gleichzeitiger zytogenetischer Analyse ist zur Diagnosesicherung und Subklassifikation des MDS nach FAB- bzw. WHO-Kriterien sowie zur prognostischen Bewertung der Patienten nach dem International Prognostic Scoring System (IPSS) erforderlich.
Behandlungsstrategien: Supportive Maßnahmen sind Standardtherapie in allen Krankheitsstadien, haben aber keinen Einfluss auf den natürlichen Krankheitsverlauf des MDS. Die allogene Blutstammzelltransplantation unter Verwendung eines HLA-identischen Familienspenders ist Therapie der Wahl bei Hochrisiko-MDS und kann nach Ausschluss von Kontraindikationen bei Patienten bis zu einem Alter von 60 Jahren durchgeführt werden. Das krankheitsfreie Überlegen beträgt 6–7 Jahre nach Transplantation 29–40%. Ungünstige Prognosefaktoren für Überleben nach allogener Stammzelltransplantation sind höheres Patientenalter, fortgeschrittenes MDS, ungünstige Chromosomenbefunde und Nachweis einer Knochenmarkfibrose. Bei jüngeren Patienten (< 40 Jahre) mit Hochrisiko-MDS, die über keinen HLA-identischen Familienspender verfügen, sollte eine Fremdspendertransplantation in Betracht gezogen werden. Intensive Polychemotherapie mit bei AML gebräuchlichen Induktionsprotokollen ist bei Hochrisikopatienten < 70 Jahre indiziert und führt zu kompletten Remissionsraten von 45–79%. In Einzelfällen sind auch ohne konsolidierende Blutstammzelltransplantation lang anhaltende Vollremissionen möglich. Bei älteren Patienten mit fortgeschrittenem MDS und Kontraindikationen gegen aggressive Chemotherapie kommen eine intravenöse Therapie mit 5-Azacytidin oder Decitabine sowie niedrig dosierte perorale Dauerbehandlung mit Melphalan in Betracht, die nach präliminären Studien zu Ansprechraten von 40–63% führen. Besseres Verständnis der pathophysiologischen Grundlagen der MDS hat in den letzten Jahren die Entwicklung neuer Therapieoptionen ermöglicht. Hierzu gehören die Behandlung mit Differenzierungsinduktoren, wie hämatopoetische Wachstumsfaktoren oder Retinoide, immunmodulatorische Therapieansätze mit Antihymozytenglobulin oder Ciclosporin A, Zytokininhibition durch Verabreichung von Amifostin, Pentoxifyllin und löslichen TNF-α-Rezeptoren sowie die Angiogenesehemmung mit Thalidomid.
Schlussfolgerung: Bessere Charakterisierung des natürlichen Krankheitsverlaufs sowie der pathophysiologischen Grundlagen der MDS hat zu neuen Therapieverfahren geführt, deren genauer Stellenwert in sorgfältig geplanten, randomisierten Studien ermittelt werden muss. In Deutschland werden solche Studien durch die Deutsche MDS-Studiengruppe koordiniert und durchgeführt.