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Heilberufe

, Volume 70, Issue 4, pp 74–74 | Cite as

Von kleinen Drachen und Feuerschlangen

Der Medina-Wurm

  • Andrea Jessen
Historische Krankheitsbilder Medina-Wurm
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Der Medina-Wurm ist schon sehr lange unser Wegbegleiter — egal, ob als Dracunculus, Guinea-Wurm oder Feuerschlange. Über Jahrtausende beeinflusste er Arbeitsfähigkeit und damit Gedeih oder Verderb ganzer Familien. Seit einigen Jahren gilt er als ausgerottet und wurde offiziell in die Abteilung für „vergessene Krankheiten“ bei der WHO verlegt.

Fast vergessene Krankheiten

Wissen Sie, was das febrilische Fünklein ist? Was sich hinter Hundswuth verbirgt? Oder seit wann es die sogenannte Franzosenkrankheit gibt? In unserer Serie geht es um die Geschichte, Symptomatik und Behandlung fast vergessener Krankheiten.

© NNehring Getty Images iStock

Früheste Beschreibungen der Dracunculus-Krankheit finden sich auf dem Papyrus Ebers, der auf 1.500 v. Chr. datiert wird. Die Einzigartigkeit des Wurms und der Erkrankung machen Beschreibungen gut vergleichbar. Untermauert werden die Beschreibungen von molekularen Untersuchungen ägyptischer Mumien, in denen versteinerte Würmer gefunden wurden. Dracunculus kann 1m lang werden, im Durchmesser ist er aber so dünn wie Paketschnur (ca. 1mm). Die Krankheit ist zwar primär nicht tödlich, aber sie kann zu Behinderung, Armut durch Erwerbsunfähigkeit und schweren Sekundärinfektionen führen.

Mit der Bundeslade durch die Wüste: Das Alte Testament (1.000 v. Chr.) beschreibt den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Einige verlieren den Glauben und werden am Roten Meer mit „Feuerschlangen“ gestraft. Je nach Übersetzung lässt sich dies auch als „feurige“, d.h. entzündliche, geschwürige und schmerzhafte Erkrankungen auslegen. Schlangen wiederum wurden im Altertum verehrt und gefürchtet. Sie konnten auch für Würmer oder Kriechtiere stehen. Untermauert wird die These durch zeitgenössische nichtchristliche Berichte, die den Wurm ebenfalls beschrieben.

Am Hügel der Akropolis: Etwa 600 Jahre später lebte der Philosoph und Arzt Hippokrates. In Schriften seiner Schule finden sich eindeutige Beschreibungen des Dracunculus-Wurms. Experten vermuten, dass das Symbol der Ärzte — die Äskulapschlange — keine Schlange, sondern einen Medina-Wurm verkörpert, der traditionell über ein Holzstäbchen aus dem befallenen Fuß gezogen wurde. Die Methode wird bis heute angewendet, sie ist langwierig und sehr schmerzhaft.

Im Echo der Minarette: Mehr als ein Jahrtausend später finden sich detaillierte Beschreibungen der Krankheit in der arabischen Medizin, z.B. in Avicennas „Canon der Medizin“ (ca. 1.000 n. Chr) und bei Rhazes (ca. 900 n. Chr). Die arabischen Mediziner prägten den Begriff Medinavene nach dem Pilgerort Medina für die Krankheit. Der genaue Bezug bleibt dabei etwas im Unklaren. Denn auch hier gibt es Mehrfachbedeutungen. So ist Medina die zweitwichtigste Stadt in der arabischen Welt, sie gehört aber nicht zum typischen Verbreitungsgebiet von Dracunculus. Aber Medina kann auch allgemein „Stadt“ bedeuten.

Zu neuen Ufern: Jahrhunderte vergingen, bis die Krankheit durch die Kolonialgebiete in Afrika und der neuen Welt wieder in den Fokus rückte. Die Krankheit wurde dann auch als „Guinea-Krankheit“ bezeichnet. Das 19. Jahrhundert wurde auch zum Jahrhundert der Parasitologie. Vieles wurde geklärt, auch der Infektionszyklus von Dracunculus. Die Larven werden über belastetes Trinkwasser aufgenommen. Die Weibchen wachsen heran und bohren sich nach ca. einem Jahr durch die Haut meist an den Beinen oder Füßen. Aus dem Geschwür werden dann die Eier freigesetzt. Als Zwischenwirt dient der Hüpferling oder Cyclops (Abb.), aufgenommen mit ungefiltertem Trinkwasser.

Vom Weißen Haus zum schwarzen Kontinent: Nach seiner US-Präsidentschaft gründete Jimmy Carter eine Stiftung, die seit 1986 an der Ausrottung der Dracunculose arbeitet. Seither gingen die Erkrankungen von 3,5 Mio. jährlich auf 26 über einen Zeitraum von 20 Monaten (2016/2017) zurück. Das bedeutet laut WHO eine Ausrottung der Krankheit. Erreicht wurde dies durch Aufklärung und die dadurch unterbrochene Infektionskette.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Andrea Jessen
    • 1
  1. 1.

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