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Heilberufe

, Volume 69, Issue 12, pp 66–66 | Cite as

Fuchsteufelswild

Geschichte der Tollwut

  • Andrea Jessen
Historische Krankheitsbilder Tollwut
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Bis ins 20. Jahrhundert war die Tollwut eine der am meisten gefürchteten Krankheiten. Im ausgehenden 18. Jahrhundert beschreibt der österreichische Arzt Anton von Störck die Krankheit aufgrund des qualvollen Todes als „das schrecklichste unter allen Übeln“.

Fast vergessene Krankheiten

Wissen Sie, was das febrilische Fünklein ist? Was sich hinter Hundswuth verbirgt? Oder seit wann es die sogenannte Franzosenkrankheit gibt? In unserer Serie geht es um die Geschichte, Symptomatik und Behandlung fast vergessener Krankheiten.

© decade3d /Getty Images / iStock

Da die Krankheit besonders häufig durch Füchse, Wölfe oder Hunde bzw. deren Bisse übertragen wurde, glaubte man, die Krankheit entstehe bei Hundeartigen von selbst und werde durch den Fuchsteufel verursacht, der die Tiere dann bösartig und wild mache. Sie wurde auch Hundswuth, Wutkrankheit, Rage oder Wasserscheu genannt.

Andere Beschreibungen gehen zurück auf die Rachegöttinnen der Antike. Sie wurden oft mit blutgeränderten Augen, geiferndem Mund, Schlangen als Haare und von unerträglichem Gestank dargestellt. Eine war Lyssa, die Personifizierung der Raserei. Sie trug die Fackel des Wahnsinns, hatte Hundekopf und Fledermausflügel. Auch die „Tollbläschen“ unter der Zunge von Erkrankten oder der „Tollwurm“ (Sehne unter der Zunge), den man lange für die Ursache hielt, wurde „Lyssa“ genannt. Heute steht „Lyssa-Virus“ für das Tollwut-Virus.

Anton von Störck berichtet weiter: Die infizierten Tiere seien durstig und könnten nicht trinken oder fressen. Sie seien unruhig, aber dabei unsicher im Gang. Ihre Augen seien rotgerändert und das Fell gesträubt. Sie seien aggressiv und „beißwütig“. Nach einigen Stunden bis Tagen ermatteten sie, bis sie nach etwa sieben Tagen letztendlich unter stärksten Qualen verendeten.

Im Wesentlichen trifft diese Beschreibung auch auf erkrankte Menschen zu. Als Behandlung wurde daher eine gründliche Reinigung der Bissstelle mit Salz und Essig sowie das Ritzen und Aufschneiden der Wunde zum Ausbluten empfohlen. Danach sollten lokale Behandlungen mit „Spanischer Fliege“, einem Reizgift, das zur Blasenbildung führt, und einer Salbe aus Quecksilber und dem Universalheilmittel Theriak helfen. Bei Ausbruch der Krankheit wurden ein schlafmohnhaltiges Pulver sowie weitere Gaben von Quecksilber und Aderlässe empfohlen.

Verlauf der Krankheit

Je nach Eintrittspforte zeigen sich die Symptome meist nach drei bis acht Wochen oder mehr. Die Erreger wandern über Nervenbahnen von der Eintrittsstelle zum ZNS, wo sie sich vermehren.

Die rasende Wut: Klassisch ist der enzephalitische Verlauf mit Verwirrtheit, Halluzinationen und Aggression. Typisch sind auch Licht- und extreme Wasserscheu, was ebenfalls zur Namensgebung der Krankheit beitrug. Bei starker Speichelproduktion und gleichzeitigen Schluckstörungen kommt es zum berüchtigten „Schaum vorm Mund“.

Die stille Wut: In etwa 20% der Fälle kommt es durch Befall des Rückenmarks zu Lähmungen, die von der Eintrittsstelle ausgehen, sich an Armen und Beinen sowie den Schließmuskeln von Darm und Harnblase ausbreiten und letztlich zum Tode führen.

Allgemeine Zeichen: Krampfanfälle, Hirnstammsymptome, Fieber, Zuckungen und Nervenschmerzen. Die Infizierten können nicht trinken oder essen, ertragen kein Licht, können aber auch nicht schlafen. Nach etwa sieben Tagen endet die Krankheit in der Regel mit Tod durch Atemlähmung.

Bedeutung der Tollwut heute

Da der Rotfuchs bei uns Hauptüberträger der Krankheit war, gilt Deutschland durch konsequente Impfmaßnahmen bei Füchsen seit 2008 als tollwutfrei. Endemisch kann sie jedoch noch bei Fledermäusen auftreten. Weltweit gibt es noch immer ca. 55.000 Todesfälle, insbesondere in Asien und Afrika. Hier sind vor allem Straßenhunde und Haustiere die Hauptüberträger. Reisende sollten nach einem Hundebiss in diesen Ländern daher stets und schnellstmöglich eine (Postexpositions-)Tollwutprophylaxe durchführen lassen. Bis heute gibt es keine wirksame Therapie gegen die Krankheit.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Andrea Jessen
    • 1
  1. 1.

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