Heilberufe

, Volume 69, Issue 12, pp 26–26 | Cite as

Sterben im Islam

„Allah gibt und nimmt wieder zurück“

PflegeKolleg Kultursensibel pflegen
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Um muslimische Patienten beim Sterbeprozess begleiten zu können, sollten Ärzte und Pflegende die religiösen Riten rund um den Tod kennen. Diese stellte Prof. Dr. Fuad Aksu von der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin vor.

Der Umgang mit Krankheit und Leid ist bei vielen Muslimen und ihren Familien religiös geprägt. Im Islam ist das Leben auf der Erde ein Ort der Prüfungen, wie etwa durch Krankheit oder Behinderung. „Diese Prüfungen werden jedoch nicht als Strafe oder Ausdruck des göttlichen Zorns gedeutet, sondern als Geduldsprobe und Gelegenheit für Gnadenerweis und Sündenvergebung“, erklärte Prof. Dr. Fuad Aksu auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin im September 2017 in Köln.

Zentrale Glaubenspfeiler im Islam sind der Glaube an das Jenseits, die Auferstehung nach dem Tod und das Jüngste Gericht. Unter muslimischen Patienten wird deshalb auch häufig die Einleitung von Reanimationsmaßnahmen abgelehnt. Denn nach dem Glauben der Muslime unterliegt das Sterben Gott. „Allah gibt und nimmt wieder zurück. Kein Mensch hat das Recht, ein Leben selbst zu beenden“, sagte Aksu. Bei schwierigen Problemen empfiehlt er daher das Heranziehen eines Imams.

Unter muslimischen Patienten wird die Einleitung von Reanimationsmaßnahmen häufig abgelehnt.

Rechenschaft vor dem Jüngsten Gericht

Die Gläubigen im Islam haben nicht die Möglichkeit zur Beichte zu gehen — wie in der katholischen Kirche. Eine Option sich von ihren Sünden reinzuwaschen, besteht jedoch darin, sich um ihre kranken Kinder zu kümmern. Deshalb findet man selten muslimische Familien, die ihr schwer behindertes Kind ins Pflegeheim geben. Sie sehen es vielmehr als Prüfung, sich selbst dem Kind zu widmen. Andernfalls — so die Überzeugung — werden sie vor dem Jüngsten Gericht zur Rechenschaft gezogen. Weil Kinder vor der Pubertät als Engel gelten, müssen sie nach ihrem Tod keine Prüfung vor dem Jüngsten Gericht bestehen. Sie kommen automatisch ins Paradies. Erst ab dem Jugendalter muss dort Rechenschaft ablegt werden.

Im Islam ist es sehr wichtig, sich vor dem Tod mit seinen Angehörigen und Freunden auszusöhnen. Zwischenmenschliche Konflikte müssen vor dem Ableben unter den Beteiligten geregelt werden, denn von Allah werden diese Fehler nicht verziehen. Deshalb findet man häufig viele Besucher im Krankenzimmer eines Sterbenden. Am Sterbebett eines Muslim oder einer Muslima beten der Patient oder seine Familie das Glaubensbekenntnis (Shahada) des Islam und die Sure 36 in arabischer Sprache. Kann der Sterbende selbst nicht mehr beten, werden ihm die Verse ins Ohr geflüstert. Eines der wichtigsten islamischen Rituale ist das Aussprechen des Glaubenssatzes vor dem Sterben: „Ich bekenne, dass es keinen Schöpfer außer Allah gibt und ebenso bekenne ich, dass Mohammed Diener und Gesandter Allahs ist.“ Dieser Satz wird von vielen Muslimen regelmäßig — nicht nur vor dem Tod — gesprochen. Aksu selbst erklärte, dass er den Satz jeden Abend vor dem Einschlafen aufsagen würde. „Da ich ja nicht weiß, ob ich in der Nacht eventuell sterbe. Dann habe ich den Satz schon mal ausgesprochen.“

Die Waschung der Toten

Die rituelle Waschung ist eine zentrale Pflicht der Hinterbliebenen. Die Toten müssen von einer gleichgeschlechtlichen Person möglichst rasch nach dem Tod gewaschen werden. Anschließend wird der Leichnam mit einem einfachen weißen Tuch, Kefen genannt, umwickelt. Viele ältere Muslime haben auf Reisen ein Leichentuch im Gepäck, damit im Falle ihres Todes der Beerdigungsprozess schnell ablaufen kann.

Der Leichnam wird grundsätzlich ohne Sarg beerdigt, einfache Särge dienen nur dem Transport der Leiche. „Die Beerdigung sollte so schnell wie möglich erfolgen, damit man schnell vor Gott stehen kann“, erklärte Aksu. Es wird als Aufgabe der Familie gesehen, die erforderlichen Rituale durchzuführen.

Literatur

  1. Vortrag „Leiden und Sterben im Islam“ im Rahmen des Kongresses für Kinder- und Jugendmedizin; Köln, 22.09.2017.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • nz
    • 1
  1. 1.

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