Das Gedächtnis als Speicher und die Endlosschleife in der Kybernetik zweiter Ordnung

Zusammenfassung

In medientheoretischen Forschungen zur künstlichen Intelligenz wurden in den letzten Jahrzehnten häufig Positionen vertreten, die von einer funktionalen Äquivalenz von organischem und maschinellem Gedächtnis ausgehen. Verfolgt man die Entstehungsgeschichte dieser Strukturanalogie anhand der Kybernetik, wird die Einseitigkeit dieser Auffassung deutlich. Dies gilt gleichfalls für die „Kybernetik zweiter Ordnung“, weil auch in ihr die lebenswichtige Funktion der Verdrängung vergessen wird, die das menschliche Gehirn im Unterschied zum maschinellen Speicher auszeichnet.

Abstract

Media theory focussing on artificial intelligence has led over the last decades to positions which rely on the functional equivalence of organic and machine memory. Looking at the cybernetic history of this structural analogy reveals a theoretical deficiency which is also true for the “cybernetics of the second order“, because they both neglect the function of suppression that clearly marks the difference of organic and artificial memory.

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  1. 1

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Vaihinger, D. Das Gedächtnis als Speicher und die Endlosschleife in der Kybernetik zweiter Ordnung. Dtsch Vierteljahrsschr Literaturwiss Geistesgesch 72, 297–312 (1998). https://doi.org/10.1007/BF03375529

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