What Makes A (Wo)man a (Wo)man?

Zum Zusammenhang von sexueller Identität/Differenz, Erinnerung und Gedächtnis

Zusammenfassung

Der Aufsatz versucht darzustellen, wie sich in der Abfolge des ärztlichen Richtspruchs „Es ist ein Junge/Mädchen“, des gesellschaftlichen Zuspruches „Du bist ein& und des davon abgeleiteten Anspruches „Ich bin ein Mann / eine Frau“ sexuelle Identität herausbildet und beschreibt diese Herausbildung als Zusammenspiel von kulturellem Gedächtnis und individueller Erinnerung. Er konfrontiert diese Hervorbringung „ontologisch solider“ (Gesa Lindemann) Geschlechtsidentitäten mit transsexuellen Lebensläufen (vor allem am literarischen Beispiel von Virginia Woolfs Orlando), um an deren vermeintlicher „ontologischen Unsolidität“ die rhetorische Hervorgebrachtheit aller Geschlechtsidentitäten (und sexuellen Orientierungen) zu erweisen.

Abstract

The article tries to show how sexual identity is formed in the succession of the first sentence a human being is confronted with (“It’s a boy/girl“), the social demand “You are a &“, and the resulting claim “I am a man/woman“. It describes this formation as a co-operation of cultural memory and subjective recollection. The formation of gender identities, taken for ontological givens, is read against the background of transsexual biographies (as for example in Virginia Woolfs Orlando), and it can thus be shown, that gender identities (and sexual preferences) are mere rhetorical constructs.

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Lieterature

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Weinberg, M. What Makes A (Wo)man a (Wo)man?. Dtsch Vierteljahrsschr Literaturwiss Geistesgesch 72, 174–192 (1998). https://doi.org/10.1007/BF03375522

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