„Mit derselben Geste“ Körpergedächtnis und Repräsentation — eine Freud-Lektüre

Zusammenfassung

In verschiedenen Texten formuliert Freud einen spezifischen Zusammenhang von Körpersprache und Erinnerung. Gilt die Körpersprache der Hysterikerin in ihrem Verweis auf ein traumatisches Ereignis noch als prinzipiell entzifferbar, so manifestiert sich später gerade im körperlichen ‚Agieren ‘ein unüberwindlicher Widerstand gegen die deutende Autorität des Analytikers. Eine eingehende Lektüre von Totem und Tabu zeigt, daß dabei die Unterscheidung von Körpersprache (des Untersuchungsobjekts) und Sprachkörper (des analytischen Textes) zunehmend problematisch wird. Anstatt als eindeutige erweisen sich körpersprachliche Gesten als ambivalente Zeichen, die die Repräsentationsfunktion von Sprache und Gedächtnis in Frage stellen.

Abstract

In different texts Freud articulates a connection between body language and memory. At first body language (e.g. of the hysteric) is regarded as pointing towards a past traumatic event and the analyst is set up as the authority able to read it. In later texts, however, the ‘acting ‘performed by a traumatized person, is seen as a form of resistance to the interpretive act of the analyst. A close reading of Totem and Tabu demonstrates that it becomes more and more difficult to draw a distinction between body language (as ‘spoken ‘by the object of study) and the ‘performance ‘of the analytic text. Instead of appearing as signs with a clear meaning gestures expose their irreducible ambivalence and thus question the representational function of language and memory.

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  1. 2

    Josef Breuer, Sigmund Freud, Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. Vorläufige Mitteilung, Studien über Hysterie, Frankfurt a.M. 1991, 27–41, hier: 27.

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  2. 6

    Im Vortrag heißt es beispielsweise, in der Hypnose komme „eine Reihe von Erinnerungen über“ den Kranken, der daraufhin offensichtlich „unter der vollen Herrschaft eines Affektes“ als einer Macht stehe, welcher er hilflos ausgeliefert zu sein scheine (Sigmund Freud, Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene, Studienausgabe, hrsg. Alexander Mitscherlich, 10 Bde. und Ergänzungsbd., 8. Aufl., Frankfurt a.M. 1994, VI, 9–24, hier 20–21).

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  3. 16

    Vgl. Jean Laplanche, J.-F. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, 2 Bde., 12. Aufl., Frankfurt a.M. 1994, II, 495, 500

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  4. 16a

    Samuel Weber, The Legend of Freud, Minneapolis 1982, 121.

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  5. 17

    Jacques Derrida, „Freud oder der Schauplatz der Schrift“, in: ders., Die Schrift und die Differenz, Frankfurt a.M. 1989, 305.

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  6. 18

    Jacques Lacan, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psycho-analyse, Das Seminar Buch II, hrsg. Norbert Haas, Hans-Joachim Metzger, 2. Aufl., Weinheim, Berlin 1991, 295 f.

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  7. 23

    Jacques Lacan, Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten, Schriften, hrsg. Norbert Haas, 3 Bde., 3. Aufl., Weinheim, Berlin 1991, II, 165–204, hier: 199.

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  8. 24

    Die sehr treffende Beschreibung des ‚Fort-Da-Spiels ‘als „double gesture“ stammt von Neil Hertz, The End of the Line: Essays on Psychoanalysis and the Sublime, New York 1985, 232

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  9. 24

    vgl. dazu auch Cynthia Chase, „Desire and Identification in Lacan and Kristeva“, in: Richard Feldstein, Judith Roof (Hrsg.), Feminism and Psychoanalysis, New York 1989, 65–83, hier: 80–83.

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  10. 25

    Vgl. Julia Kristeva, Die Revolution der poetischen Sprache, Frankfurt a.M. 1978, 38–45.

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  11. 26

    Vgl. hierzu auch Derridas Rousseaus-Lektüre, in der er die Widersprüche einer Argumentation nachzeichnet, die „die Sprache der Geste und die Sprache der Stimme“ als ‚ursprünglichere‘,,natürlichere ‘und ‚expressivere ‘im Vergleich zur Schriftsprache zu kennzeichnen versucht: Jacques Derrida, Grammatologie, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 1992, 400–408. Die Betrachtung der Geste ermöglicht es, wie Derrida demonstriert, „das Zeichen von seiner Grenze her“ zu denken und d.h. zu zeigen, inwiefern sie bereits die Verräumlichung, die Differenz, den Abbruch der Unmittelbarkeit als Signatur jedes Zeichens in sich birgt, wobei die Bewegung der Substitution oder der Supplementierung eines Mangels „dem Gegensatz von Natur und Kultur“ vorausgeht.

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  12. 27

    Sigmund Freud, Das Ich und das Es, Studienausgabe (Anm. 6), III (1975), 273–330, hier: 294

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  13. 27a

    vgl. dazu Kaja Silverman, The Threshold of the Visible World, New York, London 1996, 9–12.

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  14. 28

    Judith Butler, Bodies that Matter. On the Discursive Limits of „Sex“, New York, London 1993, 68 (vgl. auch 30).

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  15. 30

    Freud, Jenseits des Lustprinzips (Anm. 10), 240; vgl. dazu Birgit R. Erdle, „Traumatisierte Schrift. Nachträglichkeit bei Freud und Derrida “, in: Gerhard Neumann (Hrsg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft. DFG-Symposium 1995, Stuttgart, Weimar 1997, 78–93. Dieser Text, der in mancher Hinsicht die vorliegenden Überlegungen angeregt hat, wurde mir freundlicherweise von Birgit Erdle vor Abdruck zur Verfügung gestellt.

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  16. 32

    So explizit Erdle (Anm. 30), 87. Vgl. auch Harold Bloom, „Freud and the Poetic Sublime“, in: ders., Poetics of Influence. New and selected criticism, New Haven 1988, 187–212, hier: 204–206. Bloom liest den Text als Beweis für seine These, daß Freud ‚der letzte große Theoretiker des Erhabenen ‘im 20. Jahrhundert gewesen sei. Als in dieser — literarischen — Tradition stehender Text stelle Jenseits des Lustprinzips seine eigene Figurativität aus.

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  17. 34

    Vgl. Paul de Man, „Der Widerstand gegen die Theorie“, in: Volker Bohn (Hrsg.), Romantik. Literatur und Philosophie, Frankfurt a.M. 1987, 80–106.

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  18. 37

    Girard, der — auch wenn er sich vehement gegen Freud abgrenzt — weitgehend der Freudschen Argumentation folgt, beschreibt den besonderen Charakter der Gewalt mit ihren „mimetische[n] Wirkungen“. Um zu verhindern, daß die Gewalt sich endlos ausbreitet und die Grundlagen der Gemeinschaft zerstört, muß sie in einem stellver-tretenden, kanalisierenden Gewaltakt (eben dem des rituellen Opfers) auf Distanz gehalten werden (Rene Girard, Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt a.M. 1992, z.B. 50, 58, 68).

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  19. 39

    Harold Bloom hat einmal von „Freud’s most extravagant invention“ gesprochen: „Rereading Freud: Transference, Taboo, and Truth“, in: Eleanor Cook u.a. (Hrsg.), Centre and Labyrinth. Essays in Honour of Northrop Frye, Toronto 1983, 309–328

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  20. 39a

    hier: 320. Vgl. auch Jacques Lacan, Die Ethik der Psychoanalyse, Das Seminar Buch VII, hrsg. Norbert Haas, Hans-Joachim Metzger, Weinheim, Berlin 1996, 214: „Darum liegt das Gewicht von Totem und Tabu darin, daß es ein Mythos ist, vielleicht, wie man gesagt hat, der einzige Mythos, zu dem die Moderne fähig war.

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  21. 39b

    Und es ist Freud, der ihn erfunden hat.“ Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Mythos vgl. auch Shoshana Felman, „Beyond Oedipus: The Specimen Story of Psychoanalysis“, in: Robert Con Davis (Hrsg.), Lacan and Narration. The Psychoanalytic Difference in Narrative Theory, Baltimore 1983, 1021–1053, hier bes. 1039, 1043–1051.

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  22. 44

    Diese Doppelseitigkeit von Setzen und Verschwinden der Vaterposition hat wohl auch Deleuze im Blick, wenn er betont, der Text versuche dem Ereignischarakter des Ursprungs Rechnung zu tragen: „Totem und Tabu ist die große Theorie des Ereignisses und die Psychoanalyse überhaupt die Wissenschaft der Ereignisse, vorausgesetzt, das Ereignis wird nicht als etwas behandelt, dessen Sinn zu suchen und freizulegen ist, da das Ereignis der Sinn selbst ist&“ (Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Frankfurt a.M. 1993, 260.

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  23. 45

    Vgl. hierzu auch Slavoj ŽZižek, Grimassen des Realen. Jacques Lacan oder die Monstrosität des Aktes, Köln 1993, 160: „Das phantomartige Objekt, & ist daher eine Vaterfigur, jedoch kein Vater, der bereits in seinem Namen aufgehoben ist (der tote, symbolische Vater), sondern ein Vater, der noch lebt — ein Vater, der noch nicht in seine symbolische Funktion ‚transsubstantiiert ‘ist “ — Zizek bezieht sich hier nicht auf Totem und Tabu, sondern stellt allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von Vaterfunktion und Materialität an.

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  24. 47

    Freud, Das Ich und das Es (Anm. 27), 299. Zu diesem „archaische[n] Pol der Idealisierung“ vgl. auch Julia Kristeva, „Freud und die Liebe: Das Unbehagen in der Kur“, in: dies., Geschichten von der Liebe, Frankfurt a.M. 1989, 26–60, hier: 38. Wenn man den Text in diesem Aspekt — nämlich dem der Geschlechterdifferenz — mit der Hysterieschrift vergleicht, so läßt sich außerdem feststellen, daß die anfängliche Tendenz, das andere, weibliche Erinnern durch die wissenschaftliche Erklärung hysterischer Symptome zu erschließen, zurückgetreten ist: Das von der bewußten, offiziellen Erinne-rung Verdrängte läßt sich hier offenbar nicht mehr als ‚weibliches ‘domestizieren. Wo die von der (ödipalen) Vaterfunktion aufrechterhaltene Differenzstruktur, die auch die binäre Ordnung der Geschlechter regelt, fragwürdig wird, wird die Frage nach dem ‚anderen ‘Gedächtnis von einem Insistieren des »Anderen des Gedächtnisses ‘im Wissenschaftsdiskurs ausgehöhlt.

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  25. 48

    Jean Baudrillard, Uechange symbolique et la mort, Paris 1976, hier: Kap. V.

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  26. 51

    Dieses Beispiel in Aby Warburg, „Einleitung zum Mnemosyne-Atlas“ (1929), in: Ilsebill Barta Fliedl, Christoph Geissmar (Hrsg.), Die Beredsamkeit des Leibes. Zur Körpersprache in der Kunst, Salzburg 1992, 171–173, hier: 172.

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  27. 54

    Zitiert nach Fritz Saxl, „Die Ausdrucksgebärden der bildenden Kunst“, in: Dieter Wuttke (Hrsg.), Aby Warburg. Ausgewählte Schriften und Würdigungen, Baden-Baden 1992, 419–431, hier: 426.

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  28. 57

    Yosef Hayim Yerushalmi, Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und disches Gedächtnis, Berlin 1996.

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  29. 58

    S. Ph. de Vries, Jüdische Riten und Symbole, Reinbek b. Hamburg 1990, 135. aau]63_Zu diesem Komplex vgl. auch Jean-François Lyotard, Heidegger und „die Juden“, Wien 1988, 32.

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  30. 66

    Dies ist auch die zentrale These Yerushalmis, der in seinem Essay Freuds Moses nachzuweisen versucht, inwiefern Freud in dieser Schrift nicht nur ein wenig verhülltes Bekenntnis zu seinem Judentum abgelegt hat, sondern darüber hinaus die Psychoanalyse implizit als „jüdische Wissenschaft“ modelliert (Yosef Hayim Yerushalmi, Freuds Moses. Endliches und unendliches Judentum, Berlin 1992, hier bes. 16, 35, 40, 84, 133, 146).

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  31. 69

    Vgl. Harold Bloom, „Foreword“, in: Yosef Hayim Yerushalmi, Zakhor, New York 1989, XVI.

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Bischoff, D. „Mit derselben Geste“ Körpergedächtnis und Repräsentation — eine Freud-Lektüre. Dtsch Vierteljahrsschr Literaturwiss Geistesgesch 72, 132–156 (1998). https://doi.org/10.1007/BF03375520

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