Vom Verschwinden des Vergessens Zur Konstellation des Gedächtnisses in einem Bruchstück aus Adornos Minima Moralia

Zusammenfassung

Der Beitrag untersucht, wie Thema und Verfahren des Gedächtnisses in einem Text Adornos ineinander verschränkt sind, der im Herbst 1944 geschrieben wurde. Eine Schicht des Gedächtnisses des Textes ist aus verschwiegenen Zitaten gebildet. Diese sind nicht nur Reminiszenzen, sondern auch Umschriften von theoretischen Konzepten (Freud, Benjamin), die den Zusammenhang von geschichtlicher Erfahrung, Trauma und Gedächtnis beschreiben. Meine Lektüre zeigt, wie der Text als Schockabwehr zu lesen ist, und wie er daher einer Universalisierung des Traumas entgegensteht.

Abstract

This article explores the entanglement of theme and practice of memory in a text written by Adorno in the fall of 1944. One layer of memory performed by this fragment consists of clandestine citations, which are not only reminiscences but also transformations of theoretic concepts (Freud, Benjamin) describing the connection between historic experience, trauma and memory. My reading illustrates how Adorno’s text can be read as a manner of deflecting shock and as such comes to be pitted against a universalization of trauma.

This is a preview of subscription content, access via your institution.

Lieterature

  1. 1

    Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Bibliothek Suhrkamp 236, Frankfurt a.M. 1994, 66. Im folgenden zitiert nach dieser Ausgabe (Seitenzahlen in Klammern).

    Google Scholar 

  2. 2

    Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Briefwechsel 1928–1940, hrsg. Henri Lonitz, Frankfurt a.M. 1994, 398.

    Google Scholar 

  3. 3

    Alexander García Düttmann, Das Gedächtnis des Denkens. Versuch über Heidegger und Adorno, Frankfurt a.M. 1991.

    Google Scholar 

  4. 4

    Sigmund Freud, „Jenseits des Lustprinzips“, Studienausgabe, hrsg. Alexander Mitscherlich et al., 10 Bde. und Ergänzungsbd., Frankfurt am Main 1982, III (Psychologie des Unbewußten), 213–272, hier: 241.

    Google Scholar 

  5. 5

    Sigmund Freud, Briefe an Wilhelm Fließ, 1887–1904, Ungekürzte Ausgabe, hrsg. Jeffrey Moussaieff Masson, Frankfurt a.M. 1986, 217 (Kursivierungen im Originaltext, mit Ausnahme der letzten im Zitat).

    Google Scholar 

  6. 7

    Freud (Anm. 5), 177–178 (Manuskript K). Zur Theoriegeschichte des Traumas und der Spur des Sexuellen in dieser Geschichte siehe meine in Entstehung begriffene Arbeit „Trauma als Gedächtnisfigur zwischen Literatur und Philosophie“; vgl. dazu auch meinen Beitrag „Traumatisierte Schrift. Nachträglichkeit bei Freud und Derrida“, in: Gerhard Neumann (Hrsg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissen-schaft, Stuttgart 1997, 23–38.

    Google Scholar 

  7. 11

    Walter Benjamin, „Über einige Motive bei Baudelaire“, Gesammelte Schriften, 7 Bde., unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1991,I.2, 605–653, hier: 613.

    Google Scholar 

  8. 17

    Vgl. dazu genauer Birgit R. Erdle, „Benjamins Staunen“, in: Antlitz — Mord — Gesetz. Figuren des Anderen bei Gertrud Kolmar und Emmanuel Lévinas, Wien 1994, 15–32

    Google Scholar 

  9. 18

    und Sigrid Weigel, Entstellte Ähnlichkeit. Walter Benjamins theoretische Schreibweise, Frankfurt a.M. 1997, 230–245.

    Google Scholar 

  10. 18

    Dan Diner, „Gedächtnis und Methode. Über den Holocaust in der Geschichtsschreibung“, in: Auschwitz. Geschichte, Rezeption und Wirkung, hrsg. Fritz Bauer Institut, Frankfurt a.M., New York 1996, 11–22, hier: 13.

    Google Scholar 

  11. 20

    Vgl. dazu Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Ausstellungskatalog, Hamburg 1996. Insofern ist der Titel, unter den das Hamburger Institut seine Dokumentation der Verbrechen der Wehrmacht stellt: „Vernichtungskrieg“, problematisch, da er Vernichtung und Krieg ineinssetzt und darin die Beteiligung der Wehrmacht an der Vernichtung der Juden als ein Kapitel subsumiert.

    Google Scholar 

  12. 22

    Hannah Arendt, Karl Jaspers, Briefwechsel 1926–1969, hrsg. Lotte Köhler, Hans Saner, München, Zürich 1985, 90.

    Google Scholar 

  13. 25

    Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a.M. 1975, 357.

    Google Scholar 

  14. 26

    Vgl. dazu Frank Stern, Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nach krieg, Gerlingen 1991, 31 und

    Google Scholar 

  15. 26a

    Walter Manoschek (Hrsg.), „Es gibt nur eines für das Judentum: Vernichtung“. Das Judenbild in deutschen Soldatenbriefen 1939–1944, Hamburg 1995.

    Google Scholar 

Download references

Author information

Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Birgit R. Erdle.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Erdle, B.R. Vom Verschwinden des Vergessens Zur Konstellation des Gedächtnisses in einem Bruchstück aus Adornos Minima Moralia. Dtsch Vierteljahrsschr Literaturwiss Geistesgesch 72, 116–131 (1998). https://doi.org/10.1007/BF03375519

Download citation