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Rudolf Virchow und die Russische Medizin

  • G. P. Sacharoff
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Literatur

  1. 1).
    Eigentlich datiert die Gründung der ersten Ärzteschule vom Jahre 1654, zu welchem Zwecke 30 Strelitzenknaben (Kinder der Leibwache des Zaren, des Scharfschützenregiments) ausgesucht wurden. Die bald nachher entstandenen Wirren im Lande ließen aber die Schulen vergessen, und eine neue Gründung derselben sehen wir erst im Beginne des 18. Jahrhunderts entstehen. Was nun private Ärzteschulen anbetrifft, so gab es allem Anschein nach solche am Schlusse des 17. Jahrhunderts, jedoch, waren sie äußerst primitiv.Google Scholar
  2. 2).
    Der Fall Tuleischikoff gibt eine besonders charakteristische Illustration für die damaligen Ärztezustände. Im Jahre 1686 wurde ein gerichtliches Verfahren gegen den russischen Arzt Tuleischikoff eingeleitet, weil er im trunkenen Zustande einem anderen russischen Arzte, Andree Charitonoff, anstatt Krebsaugen ein Solotnik (0,4) Sublimat übergab, letzterer diese Medizin in Rheinwein gelöst dem Gerichtsschreiber Juri Prokowjeff verordnete und dieser daran starb. Der Urteilsspruch lautete: „Der Arzt Tuleischikoff ist mitsamt seiner Familie nach Kursk zu verbannen; von Charitonoff ist eine schriftliche Bürgschaft abfordern zu lassen, daß er in Zukunft niemals solche „schadenbringende und den Tod herbeiziehende Mittel jemandem verabreichen werde.”, Sämtlichen Ärzten den Befehl des Großmächtigen Herrschers zu übergeben: „derjenige von den Ärzten, der mit oder ohne Absicht irgend einen Menschen unter die Erde bringen wird und solches ihm nachgewiesen werden kann, soll dafür mit dem Tode bestraft sein” (Gesammelte Gesetze des russischen Reiches, Band 2).Google Scholar
  3. 1).
    Aus den Annalen der altrussischen Literatur.Google Scholar
  4. 1).
    Geschichte der Medizinischen Kriegsakademie, S. 5.Google Scholar
  5. 2).
    Sogar mehr noch: Wir wissen, daß in einem Zirkular des Zaren den Wojewoden empfohlen wird, sich von den erkrankten Wehrleuten einfach freizumachen, „die Kranken persönlich anzusehen und diejenigen, die von der Krankheit keine Erleichterung hoffen könnten, nach Hause zu expedieren”. Von den Kranken und Verwundeten suchte man sich sogar loszukaufen, es wurde ihnen Geld „zur Behandlung” übergeben, aber wo und wie sich zu behandeln, wurde dem Ermessen des einzelnen überlassen, wobei nicht mehr als ein Rubel zur Behandlung für jeden Kranken gegeben wurde.Google Scholar
  6. 1).
    Tschistowitsch: Die Geschichte der ersten Medizinschulen in Rußland S. 541. 1883.Google Scholar
  7. 1).
    Rußkaja Starina11. 1891.Google Scholar
  8. 1).
    Speziell bezüglich des Bildungsgrades der nach Rußland aus dem Auslande aufgeforderten Ärzte ist mit bestimmter Gewißheit bekannt, daß anfangs, als es hier noch kein geschultes medizinisches Personal gab, die Aufforderungen mit besonderer Auswahl nur nach genauen Auskünften und kompetenten Empfehlungen getroffen wurden, so daß viele der Aufgeforderten nicht nur auf der Höhe des medizinischen Wissens der damaligen Zeit waren, sondern auch für ihr Jahrhundert für hervorragende Leute gehalten werden konnten. Das Fatale war aber, daß sie ihrem neuen Vaterlande wenig realen Nutzen bringen konnten infolge des engen Kreises ihrer ärztlichen Tätigkeit, der Unkenntnis der russischen Sprache, des schwierigen und kostspieligen Ausschreibens der Medikamente aus dem Auslande, der Unmöglichkeit, sie durch einheimische zu ersetzen, und weil sie schließlich ihr Wissen ihren Schülern nicht beibringen wollten. — Freilich war später schon die Auswahl eine weniger sorgfältige, trotzdem doch Rußland ununterbrochen bis zum 19. Jahrhundert, und noch dazu in bedeutend größerem Maße als beim Entstehen des moskowitischen Reiches, ausländische Ärzte heranzog, da diese damals nur für die Zarenfamilie bestimmt waren, aber jetzt für die breiten Massen. Es darf daher auch nicht so wunderlich erscheinen, daß im Fahrwasser der russischen medizinischen Praxis an Stelle von genügend vorbereiteten Spezialisten von Zeit zu Zeit auch „Barbiere” auftauchten, insbesondere als derartige eigenartige qui pro quo nicht nur allein in der medizinischen, Sphäre und sogar noch im 18. Jahrhundert Platz hatten. Und wirklich, so wurde im Jahre 1739 der Ausländer Gerber, Botaniker „aus dem medizinischen Gemüsegarten” (Botanischen Garten), als Operateur in das Moskausche Generalhospital ernannt, nur wiel er von einem ausländischen Professor attestiert wurde, daß „er, Gerber, in der Anatomie eine gute Kunst verstünde” (Rasumowskie, Medizin und Chirurgie im XIX. Jahrhundert; Rußkaja Muißl 1902, Nr. 3).Google Scholar
  9. 2).
    Rußky Archiv 1886, S. 232.Google Scholar
  10. 1).
    Die russiche Dorpater Universität ist im Jahre 1802 gegründet; die Kasaner und Charkower Universität im Jahre 1804; die Petersburger im Jahre 1819; die medizinische Kriegsakademie im Jahre 1798; die Odessaer im Jahre 1864; die Warschauer im Jahre 1869 und die Tomsker im Jahre 1888.Google Scholar
  11. 2).
    Eschenedelnaja klinitscheskaja Gazetta Botkina 1881, Nr. 31.Google Scholar
  12. 1).
    Sperrung des Autors.Google Scholar
  13. 2).
    S. P. Botkin, „Sein Leben und seine medizinische Tätigkeit” S. 13. Verlag Pawlenkow.Google Scholar
  14. 1).
    Nachstehend einige dieser charakteristischen Striche: Kotelnitzki, Professor der Pharmazie und Pharmakologie: Sein ganzer Unterricht bestand in dem Ablesen — und dieses nicht immer richtigen — vom Katheder aus, des Lehrbuches von Sprengels Pharmakologie, in der russischen Übersetzung von Jowskie. Im Abschnitte über Ricinusöl spricht Kotelnizkie, ins Buch hineinschauend: „Das Ricinusöl, Oleum ricini, die Chinesen (russisch Kitaizi) verleihen ihm einen bitteren Geschmack.” Darauf legt er das Buch zur Seite, nimmt eine Tabaksprise und erklärt seinen bescheiden dasitzenden Zuhörern: „Also, Sie sehen, daß die Chinesen dem Ricinusöl einen bitteren Geschmack verleihen.” Unterdessen schauen die Studenten in dasselbe Buch und lesen an der Stelle, wo der Professor „Kitaizi” gelesen hatte, „die Koschizi” (deutsch Rinde) verleihen dem Ricinusöl den bitteren Geschmack” (Pirogoffs Werke. 2. Aufl. Petersburg. S. 304). Ein anderer, Lowetzkie, ein Adjunkt des berühmten Fischers, des Professors der Naturgeschichte an der medizinischen Fakultät, unternahm seine botanischen Exkursionen mit den Studenten in folgender Art: „Auf dem Spaziergange pflückte er Blumen, einige derselben nannte er beim Namen, wenn aber seine Schüler ihn baten, ihnen die Benennung der von ihnen selbst gepflückten Blumen anzugeben, so erfolgte stets die stereotype Antwort: „Übergeben Sie die Pflanzen meinem Kutscher, ich werde zu Hause den Namen bestimmen”! (ibid. Pirogoffs Werke. 2. Aufl. Petersburg. S. 305).Google Scholar
  15. 1).
    Der Professor der Anatomie, erzählt Pirogoff, befestigt das eine Ende eines Tuches ans Akromion und an der Spina scapulae, das andere Ende am Humerus, und versichert seinen Zuhörern, daß dieses der Musc. deltoideus ist (ibid. S. 313). — Man darf sich übrigens nicht über eine solche Lehrmethode wundern, wenn daran erinnert wird, daß die Demonstration von Leichen während des anatomischen Kollegs in der damaligen Zeit als anstößig galt; im selben Kasan, zur Zeit des Kurators des Lehrbezirks Magnitzki's, wurden die Präparate und Skelette aus den anatomischen Museen sogar unter dem Abhalten einer Totenmesse begraben.Google Scholar
  16. 2).
    Ibid, Der Professor der Anatomie, erzählt Pirogoff, befestigt das eine Ende eines Tuches ans Akromion und an der Spina scapulae, das andere Ende am Humerus, und versichert seinen Zuhörern, daß dieses der Musc. deltoideus ist, S. 313.Google Scholar
  17. 1).
    Die deutschen Chirurgen waren, nach dem Zeugnis von Pirogoff, wenig mit der Anatomie vertraut. „Weder Rust, noch Graefe, noch Dieffenbach kannten sich in der Anatomie aus.” Rust sagte einstmals während einer seiner Vorlesungen, die die Chopartsche Operation abhandelte, recht naiv: „Ich habe im Augenblicke die Benennung der 2 Fußwurzelknochen vergessen, der eine ist gewölbt wie die Faust, der andere zum Gelenk zu ausgebuchtet; also an diesen 2 Fußknochen wird der vordere Teil des Fußes abgetrennt.” Gräfe konsultierte stets bei großen Operationen den Professor der Anatomie Schlemm und erkundigte sich bei ihm beständig während der Operation: „Geht hier nicht ein großes Gefäß vorüber, gibt's etwa hier nicht einen arteriellen Ast? Dieffenbach ignorierte die anatomischen Verhältnisse und machte sich über die verschiedenen Arterien lustig”. — Mit der chirurgischen Pathologie waren, nach Pirogoff, die Chirurgen der 30 er Jahre nicht nur überhaupt wenig bekannt, sondern sie interessierten sich sehr wenig für sie. — In Frankreich stand die Chirurgie um diese Zeit ein wenig höher.Google Scholar
  18. 1).
    Melnikow-Raswedjenkow, „Vergangenheit und Gegenwart des Lehrstuhls für pathologische Anatomie an der kaiserlichen Universität zu Moskau” (Festschrift zu Ehren des Prof. Klein; russisch).Google Scholar
  19. 2).
    Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte dasselbe auch an den ausländischen Universitäten beobachtet werden.Google Scholar
  20. 1).
    Ibid. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte dasselbe auch an den ausländischen Universitäten beobachtet werden.Google Scholar
  21. 2).
    Ibid. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte dasselbe auch an den ausländischen Universitäten beobachtet werden.Google Scholar
  22. 3).
    Schewyrjeff, Die Geschichte der Moskauschen Universität.Google Scholar
  23. 1).
    Die schwerfällige Sprache ist dem Original nach der Schreibart Djakowsiys zuzuschreiben.Google Scholar
  24. 1).
    Szokolszkie, „Hinweise auf den allgemeinen Inhalt der speziellen Pathologie.” Antrittsvorlesung am 9. III. 1836. Moskau.Google Scholar
  25. 1).
    Ibid. Szokolszkie, „Hinweise auf den allgemeinen Inhalt der speziellen Pathologie.” Antrittsvorlesung am 9. III. 1836. Moskau.Google Scholar
  26. 1).
    Botkin, l. c. S. P. Botkin, „Sein Leben und seine medizinische Tätigkeit” S. 13. Verlag Pawlenkow.Google Scholar
  27. 1).
    Melnikow-Raswedenkow, l. c. Melnikow-Raswedjenkow, „Vergangenheit und Gegenwart des Lehrstuhls für pathologische Anatomie an der kaiserlichen Universität zu Moskau” (Festschrift zu Ehren des Prof. Klein; russisch).Google Scholar
  28. 1).
    Moskauische Universitätsberichte 1916.Google Scholar
  29. 1).
    Schkolnaja Chronika. Charkow 1890–1895. — Pathologische Anatomie. Hektographiert. — S. auch Poschariskie, Pathologische Anatomie und Zellularpathologie (Nachr. d. Warsch. Univ. 1911, Nr. 6).Google Scholar
  30. 1).
    So spricht er an einer Stelle von der Breite, an einer anderen von der Enge der Aorta. Vielleicht ist dieser Widerspruch so zu verstehen, daß die Aorta und Pulmonalis bei der Fibromatosis breiter als normal sind, aber bei ersterer ist die Anomalie nicht so ausgeprägt wie bei der zweiten?Google Scholar
  31. 2).
    Die anatomische Grundlage der Konstitutionsanomalien des Menschen. Marburg 1878.Google Scholar
  32. 1).
    J. Cohnheim las, im übrigen, auch pathologische Anatomie.Google Scholar
  33. 1).
    Magendie war im übrigen auch geneigt, die experimentelle Methode auch in der Pathologie anzuwenden.Google Scholar
  34. 2).
    Prof. Podwysotzkie las anfangs allgemeine Pathologie in Kiew und später in Odessa.Google Scholar
  35. 1).
    Nach dem Urteil eines der Schüler des verstorbenen Prof. Sacharjin bestand das Verdienst des Begründers der Moskauschen Schule darin, daß es ihm gelang, „die Unterschungsmethode durch Examination des Kranken abzuringen”, der durch das Aufkommen zahlreicher anderer Methoden, durch die sog. physikalischen Methoden, völlige Vergessenheit drohte (s. Prof. Goluboff, „Über die Richtungen in der russischen klinischen Medizin” 1895, S. 45.Google Scholar
  36. 1).
    Belogolowui, l. c. S. 41.Google Scholar
  37. 1).
    So z. B. die von ihm ausgesprochene Ansicht über den Zusammenhang zwischen Gallensteinen und Mikroorganismen (Kl. Vorles.-Ausg. 3, S. 102), über den infektiösen Ursprung einiger Formen des katarrhalischen Ikterus (ibid. Kl. Vorles.-Ausg. 3, 116 bis 119), über die infektiöse Natur der Leukämie (Klinik der inneren Krankheiten2, 59), über Kombinationen zur Frage über die Beziehungen der Infektionskrankheiten zur Leber, Milz, Nieren, Gefäßen usw.Google Scholar
  38. 1).
    K. Tolstoi, Westnik Obtschestwennoi Hygieni, August 1894.Google Scholar
  39. 1).
    Virchows Archiv5, 12.Google Scholar
  40. 1).
    Vgl. z. B. Puschmann, Handbuch der Geschichte der Medizin S. 543. Jena 1903.Google Scholar
  41. 1).
    Die „Prikasy der sozialen Aufsicht”, die Kreis- und Dorfärzte, die vor der Einführung der „Semstwo” tätig waren, können nicht ernstlich in Betracht kommen als Organe der Gemeindeärzte, weil sie nicht zahlreich genug und dazu mehr Sanitätsbeamte als Ärzte waren.Google Scholar
  42. 2).
    Rasumowskie, l. c. S. 18.Google Scholar

Copyright information

© Verlag von Julius Springer 1921

Authors and Affiliations

  • G. P. Sacharoff
    • 1
  1. 1.Instituts für Allgem. Pathologie der Staats-Universität in MoskauMoskauRußland

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