Das normale Knochenwachsthum und die rachitische Störung desselben

  • Rud Virchow
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Literatur

  1. *).
    Ich schreibe, dem alten und erst in der neuesten Zeit in Abnahme gekommenen Gebrauche gemäss, Rachitis nicht mit dem griechischen ρ. Bekanntlich hat Glisson dieses Wort nach der vulgären englischen Bezeichnungthe ricketts gebildet, dessen Abstammung unbekannt, aber möglicherweise germanisch ist. Er selbst und fast alle späteren Hauptautoren schrieben auch Rachitis und nicht Rhachitis, welches offenbar nur verwirren kann. Selbst Buchner (Tract. de rachitide perfecta et imperfecta. Argentorati 1755.), der Rachitis geradezu durchmorbus spinalis übersetzt und die Rachitischen Spinosi nennt, hat die alte Orthographie beibehalten.Google Scholar
  2. *).
    Canstatt (Spec. Pathol. u. Therapie 1847. Bd. II. S. 1085.) citirt als die frühesten Autoren Whistler (1645) und Bootius und lässt Glisson erst als dritten (1650) zu. Es ist mir unmöglich gewesen, diese Angabe zu controlliren, da mir die ersten beiden Autoren unzugänglich waren. Hr. Dr. Stiebel in Frankfurt, dem ich meine Bedenken darüber mittheilte, schrieb mir: „Boot hat gleichzeitig mit Glisson, vielleicht auch etwas früher, die Rachitis unter dem NamenTabes pectorea recht gut beschrieben.” Ob diess früher war, erscheint mir immer noch sehr zweifelhaft. In der Vorrede zu der 3ten (Leidener) Ausgabe von Glissons Werk (De rachitide sive morbo puerili tractatus. Lugd. Bat. 1671.) erzählen die betheiligten Verfasser, dass die ersten Beobachtungen dazu von einer Gesellschaft von 8 Londoner Aerzten gesammelt und deren spätere Redaction einem Ausschusse, bestehend aus Glisson, Bate und Regemorter übertragen worden sei. Glisson betheiligte sich aber daran so vorwaltend, dass die Anderen ihm freiwillig den Ruhm zutheilten. In dem ersten Capitel der Schrift selbst heisst es:Si omnes infantium et puerorum morbos cum a veteribus tum a neotericis descriptos examinare libeat, nullum inveniemus qui hujus idaeam et conditionem satis exacte exprimat. — Qui velit attentius signa hujus affectionis contemplari, facillime sibi persuadet, morbum esse plane novum neque unquam fuisse a veteribus aut neotericis in libris suis practicis de morbis infantium hactenus divulgatis descriptum. Auch Mayow (Tract de rachitide. Lygd. Bat. 1671.) beginnt sein Werk ausdrücklich mit den Worten: Unus est, quod sciam, clarissimus Glissonius, qui de rachitide quicquam scripsit: quod mirum esse videatur, cum plerumque vix tantum grassatur morbus, quantum de eodem scribendi cacoethes. In ähnlicher Weise sprechen sich auch alle zunächst folgende Schriftsteller aus und van Swieten (Comm. in Boerhaavii aphor. T. V. p. 582.) widerlegt insbesondere die schon von Zeviani angeführte Stelle aus Bootius.Google Scholar
  3. *).
    Es möchte nothwendig sein, hier ein Wort über die Bedeutung des Ausdrucks „Knorpelzellen” vorauszuschicken. Meiner Ansicht nach, die ich an verschiedenen Orten entwickelt habe, ist jedes sogenannte Knorpelkörperchen, d. h. das in der Knorpelhöhle liegende Körperchen eine Zelle mit Membran, Kern und Inhalt. Diese Zellen können sehr klein und geschrumpft sein, allein doch kann man sich von ihrer Identität mit den grossen, deutlichen Knorpelzellen überzeugen, wie sie z. B. am Ossifikationsrande liegen, wo man deutlich eine Zellenmembran als Begrenzungshaut um den körnigen Inhalt erkennen kann und wo sie sich zuweilen aus ihren Höhlen auslösen. Macerirt man Knorpel von Kindern mit concentrirter Salzsäure, wie ich angegeben habe, so kann man alle Knorpelzellen isoliren, auch die kleinen und flachen am Gelenkrande des Knorpels und man sieht dann in ihnen deutlich den Kern, umschlossen von einer geschrumpften Haut mit körnigem Inhalt. Von diesen Knorpelzellen, die in Hohlräumen liegen, unterscheide ich die oft um sie herumlaufende, dickwandige Kapsel, wie ich das in meiner Arbeit über die endogene Zellenbildung beim Krebs des Weitläuftigen geschildert habe. Ob diess einfach eine verdickte, frühere Zellenwand ist, scheint mir noch immer zweifelhaft, jedenfalls ist es dieselbe Substanz, welche die Intercellularsubstanz hildet,. Ich unterscheide daher die Grund-oder Intercellularsubstanz, die Höhlen und ihre Kapseln, endlich die Zellen oder Körperchen.Google Scholar
  4. *).
    Bruch hat natürlich in seinen „Beiträgen zur Entwicklungsgeschichte der Knochen” (Aus dem 11. Bande der Denkschriften der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft. S. 92.) nicht verfehlt, meine Beobachtungen als „vereinzelte und zufällige Wahrnehmungen, welche die Resultate der Entwicklungsgeschichte weder ersetzen noch widersprechen können” erklärt und mich als den vereinzelten Nachzügler einer längst verlassenen Hypothese erfunden. Es liegt mir begreiflicherweise sehr fern, mit Bruch nach den Erfahrungen, die ich darüber gemacht habe, in neue Polemik einzutreten oder mit ihm über seine embryologische Befähigung zu streiten. Ich will daher nur bemerken, dass seine Angaben über das Periost-Wachsthum der Knochen hinreichend geeignet sind, zu zeigen, dass meine zufälligen Wahrnehmungen für diesen Punkt vollständige Bestätigung bei ihm finden. Er gibt an der inneren Fläche des Periosts eine schleimige Schicht an, die ganz aus unreifen Zellen besteht (S. 96.) und die das indifferente Bildungsgewebe zwischen Periost und Knochen zu repräsentiren scheint, von welchem aus nach einer Seite die Entwickelung des periostealen Bindegewebes, nach der anderen die des Knochengewebes fortschreitet (S. 99.). Wo nun wirklich schon Knochenbalken daraus hervorgegangen sind, findet Bruch kleine „Spältchen” (d. h. Knochenkörperchen-Höhlen), in denen je ein rundliches oder längliches Körperchen liegt, das er mit Knorpelkörperchen vergleicht. Freilich sollen sie bald untergehen, aber andererseits doch „gewissermassen die Stellen andeuten, wo ein Knochenhöhlchen offen bleiben soll” (S. 100.). Damit ist genug zugestanden und es darf wohl ausgesprochen werden, dass ich durch die Entwicklungsgeschichte und die Chemie auch an diesem Orte eine gesundere Theorie begründet habe, als die „Spältchen”-Hypothese „gewissermassen” zu leisten versucht hat.Google Scholar
  5. *).
    Z. B. No. 240. Rachitisches Skelett mit zahlreichen Infraktionen, besonders deutlich an den Oberarmen und Oberschenkeln. An dem durchsägten Oberarm ist die Markhöhle ganz geschwunden, die innere compakte Schicht äusserst deutlich; der Callus sehr dick, bis zum Ellenbogen herunterreichend. —No. 948. (Zugang vom Jahr 1825/26 No. 10.). Zwei untere Extremitäten mit injicirten Arterien und starker Wälzung der Knieepiphysen nach hinten. Der linke Oberschenkel infrangirt, mit sehr dicker, zum Theil schon spongiöser Calluslage, durch welche eine grosse Arterie in den Knochen cindringt. Rechts eine vollständige, zum Theil consolidirte Fraktur.Google Scholar
  6. *).
    Z. B. in einem Präparat unserer Sammlung (No. 241.) von dem rechten Schenkelbein eines Erwachsenen, an welchen die unteren Condylen stark nach hinten, der Schenkelkopf mehr horizontal und nach vorn gewendet ist.Google Scholar
  7. *).
    Nach L'Héritier (Traité de Chim. pathol. p. 657.) waltet auch im frischen Callus der kohlensaure Kalk vor, bis sich allmählich beim Festerwerden der phosphorsaure Kalk vermehrt.Google Scholar
  8. *).
    Ich weiss nicht, wie Lehmann diess gemeint hat, da eine Berechnung aus seinen 3 Analysen (Schmidt's Jahrb. 1843. Bd. 38. S. 279.) eine proportionale Vermehrung des phosphorsauren Kalks ergiebt.Google Scholar
  9. *).
    Freilich bestehen auch hier in den chemischen Angaben Widersprüche. Während Lehmann, wie angeführt, stets Chondrin fand, konnte Marchand durch Kochen weder Glutin noch Chondrin erhalten. Ragsky dagegen erhielt gerade Glutin, was auch Schlossberger in derCraniotabes nachwies. Diese Widersprüche möchten sich indess eher lösen lassen, wenn man die Möglichkeit zulässt, dass verschiedene Theile der Knochen, von denen die einen noch Chondrin, die anderen schon Glutin enthielten, zur Untersuchung kamen, insbesondere aber, wenn man die Erfahrungen von Zellinsky (De telis quibusdam collam edentibus. Dorpat. 1852. p. 41 seq.) berücksichtigt. Dieser fand, dass durch langes Kochen und bei höheren Temperaturgraden die Reactionen der Körper sich ändern und endlich ganz verschwinden, und dass in demselben Gewebe die Produkte des Knochens nicht ganz gleichartig sind.Google Scholar
  10. *).
    Klefzinsky (ARchiv f. phys. u. path. Chemie u. Mikrosk. Neue Folge. Bd. I. S. 422.) untersuchte die stark sauer reagirenden Fäkalmassen eines rachitischen Kindes und fand darin 61 pCt. Wasser, 16 organische Substanz (Fett, Casein, Albumin) und 23 pCt. Asche, unter denen Phosphate und zwar vorwaltend Knochenerde gefunden wurden. Hiernach könnte, es allerdings scheinen, als ob das Kalkphosphat überwiegend mit den Fäkalmassen entfernt würde, und es möchte, ahgeschen davon, dass eine einzige Analyse nicht berechtigt, eine Theorie darauf zu begründen, gerade die saure Beschaffenheit dieser Fäkalmassen einen Erklärungsgrund für die grössere Lösung der Erdsalze darbieten. Immerhin ist diese Beobachtung aber bemerkenswerth und fordert zu weiteren Untersuchungen auf.Google Scholar
  11. *).
    Elsässer (der weiche Hinterkopf S. 160.) gesteht die Digestionsstörungen bei vorgerückter Rachitis zu, leugnet sie aber insbesondere bei der Schädelrachitis. Hier sei das Verdauungsgeschäft oft ganz in Ordnung, der Appetit vortrefflich, die Ausleerungen regelmässig, die Kinder hätten eine gute Gesichtsfarbe, seien wohlgenährt, mit festem Fleisch und munter. Er macht insbesondere auf die schlechte, eingeschlossene Stubenluft und die Neigung der Kinder zu Katarrhen, Lungenentzündungen, Kurzathmigkeit aufmerksam. Diese Einwendungen sind gewiss sehr erheblich und bei weiteren Untersuchungen sehr zu berücksichtigen. Es würde sich dann insbesondere fragen, ob Respirationsstörungen eine analoge Veränderung des Blutes hervorbringen können, wie wir sie sonst bei Digestionsstörungen annehmen, oder ob man die Theorie von der primären Digestionsstörung in der Rachitis ganz aufgeben muss.Google Scholar
  12. *).
    Hachitis est morbus, ex inaequali succi nervosi distributione procedens, ob cujus defectum aut superabundantiam partes aliae nutrimento defraudatae attenuantur, aliae nimis saturatae in molem justo majorem excrescunt (Tract. de rachitide. 1671. p. 40).Google Scholar
  13. *).
    Bonn (Descr. thesauri Hoviani. Amstel. 1783. p. 84.) erwähnt unter der Rubrik:Molliludo rachilica folgendes Präparat:Pars dimidiata partis cranii superioris: pars concava inaequabilis, undulata, eminentias atque foveas exhibet, quae cerebri flexubus atque sulcis respondent. Neque os unum continuatum, sed membranis interruptum. Dazu citirt er Morgagniepist. 9. art. 20., epist. 63., art. 8. Buffon cabin. du Roy T. 3. p. 74. No. 131.Google Scholar
  14. *).
    Nur in sehr ausgesprochenen Fällen überdecken sich auch die Tubera mit der Periost-Wucherung. In unserer Sammlung befindet sich das Skelett eines rachitischen Kindes vom Jahr 1793 (No. 240.), bei dem sowohl die Schädelals die Gesichtsknochen ohne irgend eine glatte Stelle sind. Die Knochen der Extremitäten sind zahlreich infrangirt; am Scheitelbein jederseits membranöse Lücken. Bei dem schon von Elsässer citirten Präparat (No. 652.) sind nur dieTubera frontalia undparietalia glatt und compakt, sonst alle Knochen der Basis und der Schädelwölbung überwuchert.Google Scholar
  15. *).
    Sehr gute Abbildungen davon finde ich bei Bruns (Chirurgischer Atlas. Tübingen 1853. Taf. VII. Fig. 26. 28-29.) und ich bedaure nur, dass der dazu gehörige Text noch nicht erschienen ist, um die Erfahrungen dieses ausgezeichneten Anatomen und Chirurgen benutzen zu können.Google Scholar
  16. *).
    Um so sonderbarer ist die Angabe, von Rokitansky (I. 257.), dass bei der Rachitis die innere Schädelfläche zufolge der Wulstung der Knochenwand ihre Eindrücke und Erhabenheiten verloren habe und auf eine auffallende Weise eben sei.Google Scholar

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© Druck und Verlag von Georg Reimer 1853

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  • Rud Virchow

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